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Urteil nach Stückelmord in Leipzig: 14 Jahre Haft und Einweisung in Psychiatrie

Urteil nach Stückelmord in Leipzig: 14 Jahre Haft und Einweisung in Psychiatrie

Leipzig. Regungslos starrte Benjamin H. auf den Fußboden. Ohne eine Miene zu verziehen hörte er Hans Jagenlauf zu. Der Vorsitzende Richter der Schwurgerichtskammer am Landgericht verkündete am Donnerstag das Urteil gegen den Leipziger Stückelmörder.

Der 24-Jährige muss für 14 Jahre ins Gefängnis und wird zudem in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen.

Die Richter sahen es als erwiesen an, dass er im Oktober vergangenen Jahres seinen 23 Jahre alten Freund Jonathan H. umgebracht, anschließend dessen Leiche zerstückelt und die Teile ins Elsterbecken geworfen hat. Sie werteten die bestialische Tat als Mord in Tateinheit mit Störung der Totenruhe.

„Es wird sich zeigen, ob Sie jemals wieder in Freiheit gelangen können. Das wird ein sehr weiter Weg“, sagte der Vorsitzende Richter Hans Jagenlauf mit Blick zu Benjamin H. Der 24-Jährige schaute während der gesamten Urteilsverkündung zu Boden und nahm auch diese Worte von Jagenlauf regungslos entgegen. Der Vorsitzende Richter hatte zuvor eine Stunde lang die Beweggründe für das Urteil erklärt. „Das war ein schreckliches Verfahren, in dem sich viele Abgründe aufgetan haben“, so der erfahrene Strafjurist.

Einzelgänger mit Bindungsstörungen

Die Tat sei geprägt von einer erheblichen Persönlichkeitsstörung. H. habe von seiner Familie wenig Zuneigung erfahren. Er hätte Bindungsstörungen entwickelt und sei als Einzelgänger durchs Leben gegangen. Mit Frauen, so Jagenlauf, habe der 24-Jährige Probleme gehabt. Er sei unfähig gewesen, mit seiner eigenen Sexualität umzugehen.

Orientierung für sein Leben holte sich H. in Filmen mit Gewaltszenen. Daraus entwickelten sich Phantasien und das Verlangen nach einer eigenen Gewalttat. „H. wollte sich damit gegenüber seinem Umfeld erhöhen und so sein Leben ändern“, erklärte der Richter.

Mord am 23. Geburtstag

An seinem 23. Geburtstag setzte Benjamin H. sein Verlangen in die Tat um. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass am 12. Oktober 2011 Jonathan H. – das spätere Opfer - die Lindenauer Wohnung in der Spittastraße betrat. Er wollte dort ein Geburtstagsessen für seinen Freund kochen. H. hatte zu diesem Zeitpunkt schon alles für seinen blutigen Übergriff organisiert. „Materialien wie Folie, Müllsäcke, Reinigungsmittel und Gerätschaften zum Zerteilen lagen bereit“, berichtete Jagenlauf.

Was sich in der Wohnung genau zugetragen hat, lässt sich heute nicht mehr zweifelsfrei rekonstruieren. Die Kammer ist aber davon überzeugt, dass der Mörder seinen Gast im Schlafzimmer mit einer Eisenstange mehrfach auf den Kopf schlug und anschließend mit einem Messer 22 Stiche in Hals und Rücken zufügte. Danach schnitt er Jonathan H. die Genitalien ab und schleppte den Körper ins Bad. Dort zerteilte Benjamin H. die Leiche, verpackte sie in Tüten und lagerte die Pakete zunächst im Kühlschrank zwischen. In der nächsten oder übernächsten Nacht entsorgte er einige Körperteile im Elsterbecken. Der Kopf ist bis heute verschwunden. 

Die Wohnung säuberte H. mit Spezialreiniger. „Er ist dabei pedantisch vorgegangen“, so Jagenlauf. Später hätten die Kriminaltechniker nur noch wenige Spuren gefunden. Wenige Stunden nach dem Mord besuchte H. einen weiteren Freund, unweit seiner Wohnung. Dort wurde eine Geburtstagsparty für ihn ausgerichtet. Die Gäste, so der Richter, stellten keine Auffälligkeiten bei H. fest.

Eingeschränktes Hemmungsvermögen

Der renommierte Gerichtspsychiater Karl-Ludwig Kröber attestierte dem Angeklagten eine schizoide Persönlichkeitsstörung. Dadurch sei sein Hemmungsvermögen eingeschränkt, er aber noch steuerungsfähig gewesen. Anders als die Verteidigung sah die Kammer den heute 24-Jährigen als vermindert schuldfähig an. Sie lehnte deshalb einen Freispruch wegen Schuldunfähigkeit ab. Und auch die Tat selbst bewerteten Jagenlauf und seine Kollegen nicht wie die Verteidiger. Während Mario Seydel und Jens Mader nur einen Totschlag erkannten, halten sie die Richter für Mord aus Heimtücke, Mordlust, niedrigen Beweggründen und um eine andere Straftat zu ermöglichen.

„Es ist der erste Fall der Kammer, bei dem gleich vier Mordmerkmale auf einmal verwirklicht wurden“, sagte Jagenlauf. Das Gesetz sieht für so ein Verbrechen eigentlich nur eine Strafe vor – lebenslänglich. Wegen der verminderten Schuldfähigkeit urteilte die Kammer milder, blieb jedoch mit 14 Jahren an der oberen Grenze von 15 Jahren Haft.

Zuvor muss sich H. in einem psychiatrischen Krankenhaus behandeln lassen. Die Zeit in der Klinik wird auf die Gefängnisstrafe angerechnet. Wann und ob der 24-Jährige das Spezialkrankenhaus überhaupt noch einmal verlassen darf, ist offen. Nach Meinung von Verteidiger Mario Seydel kann die Therapie 16, 18 oder 20 Jahre dauern.

Verteidiger prüft Revision

Zunächst will der Anwalt aber das Urteil prüfen und gemeinsam mit seinem Mandanten entscheiden, ob sie Revision einlegen. „Die rechtliche Würdigung ist diskussionswürdig“, sagte Seydel nach der Verkündung des Richterspruchs.

Nebenklagevertreterin Anne Prestrich, sie vertritt die Mutter des Opfers, zeigte sich dagegen zufrieden. „Mir ging es vor allem um die Einweisung in eine psychiatrische Einrichtung“, erklärte die Anwältin. Sie wolle nicht in 15 Jahren einem untherapierten Benjamin H. in Leipzig auf der Straße begegnen.

In seinem Schlusswort sagte Richter Hans Jagenlauf: „Sie haben die Chance, noch etwas aus Ihrem Leben zu machen. Diese haben Sie Jonathan nicht gelassen.“

Matthias Roth

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