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Lokales Verdienst zu niedrig: Leipziger Tagesmütter klagen über Selbstausbeutung
Leipzig Lokales Verdienst zu niedrig: Leipziger Tagesmütter klagen über Selbstausbeutung
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00:18 05.05.2016
Blick in „Connys Kinderstube“: Cornelia Wilke betreut als Tagespflegerin Kinder in Probstheida. Quelle: André Kempner
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Leipzig


„Connys gute Kinderstube“ heißt die kleine Oase unweit der Herzklinik in Probstheida. Cornelia Wilke betreut dort fünf Steppkes. „Ich kann es mir nicht leisten, krank zu sein. Für Vertretungen ist zwar der Träger verantwortlich. Das funktioniert aber oft nicht, so dass wir uns für den Mindestlohn von 8.50 Euro pro Stunde um Ersatz bemühen müssen“, erzählt sie. 30 Tage pro Jahr stehen den Tagespflegepersonen „Ausfall“ zu – für Urlaub, Krankheit und Weiterbildung.

Was sie besonders ärgert, ist die Reduzierung der Sachkosten seit März 2015 um fast zwei Drittel. Unterm Strich seien die Betroffenen gezwungen, vom Geld für ihren Lebensunterhalt laufende Ausgaben ihres Betriebes zu bestreiten – Miete, Reinigung, Wäsche, Strom, der notwendige Ersatz von Möbeln, Spielzeug, Reinigung, Fachliteratur und vieles mehr. Wilke schätzt, dass sie mindestens 1200 Euro monatlich, die eigentlich als Verdienst gedacht sind, in Sachleistungen stecken muss. Die neunstündige Betreuung eines Kindes wird in Leipzig mit 513,32 Euro pro Monat brutto plus Sachkosten vergütet. Das klingt zwar viel – unterm Strich bleibt bei einer 50 bis 60 Stundenwoche aber wenig übrig, da die Tagespflegepersonen wie andere Haushalte auch steigende Kosten für Miete, Strom und vieles andere haben.

„Ich hatte einen Arbeitsunfall, habe zwar Verletztengeld bekommen. Das reichte aber nicht aus, so dass ich meine Wohnung aufgeben musste“, so Tagesmutter Angelika Schulz aus Neulindenau. Sie betreut drei Kinder, bekommt daher auch weniger Geld. Hinzu kommt: Oft sind Eltern nach einer vierwöchigen Eingewöhnungsphase mit ihren Sprösslingen wieder weg, weil sie plötzlich doch einen Krippenplatz bekommen haben. Viele befürchten auch, in die Altersarmut zu rutschen, weil sie nur wenige Rentenpunkte sammeln können. „Bei Erziehern hängt die Rente nicht davon ab, wie groß die Gruppe der Kinder ist, die sie betreuen“, so Tagesmutter Susann Streit aus Leutzsch. Derzeit erreiche sie nicht mal die Mindestrente. Hinzu kommt: Raumgrößen seien bei der Berechnung oft zu niedrig angesetzt – zumal die meisten Betreuer bereits größere Wohnungen nutzen und kleinere kaum zu bekommen sind.

Unstrittig sei, dass die Vergütung der Tagesmütter nicht der von ausgebildeten und teilweise studierten Fachkräften in den Kitas entsprechen kann. Gefordert wird aber, dass die Tagesmütter wenigstens den tariflich festgeschriebenen Verdienst einer Nichtfachkraft in einer kommunalen Einrichtung bekommen müssen, für die nach der jüngsten Tarifrunde auch die Löhne steigen. „Wir möchten eine positive Aufwertung des Berufes erreichen“, so Leipzigs GEW-Chefin Ines Hartmann. Derzeit leben viele Tagesmütter am Rande des Existenzminimums. „Die Tagesmütter werden regelrecht ausgebrannt. Dabei ist Tagespflege längst kein Lückenfüller mehr, viele Menschen schätzen diese Form der individuellen Betreuung in kleinen Gruppen.“

Stadträte verschiedener Parteien, die in der Vorwoche bei einem „Tag der Kindertagespflege“ zu Gast waren, versprachen Hilfe. Andreas Habicht (CDU): „Natürlich können wir nicht zulassen, dass die Leute ausgebrannt werden. Um Entscheidungen zu treffen, brauchen wir aber eine konkrete Datenbasis.“ Mit der Evaluation nach einem Jahr, wie vom Stadtrat gefordert, tut sich das Jugendamt allerdings schwer. Inzwischen hat es angekündigt, in einem Fragebogen zu erheben, wie hoch die Sachkosten der Tagesmütter im Durchschnitt wirklich sind. „Kindertagespflege darf keine billige Alternative in Zeiten mangelnder Kitaplätze sein“, so Michael Schmidt (Grüne). Notwendig sei, die Altersvorsorgemöglichkeiten der Tagesmütter und -väter zu verbessern, eine Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall zu gewährleisten und die Reinigungsleistungen zu berücksichtigen. Schmidt: „Die viel zu geringe Finanzierung einer Betreuung in angemieteten Wohnräumen wird vor dem Hintergrund stetig steigender Mieten und Nebenkosten immer deutlicher.“

Von Mathias Orbeck

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