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Verdrängung und Gewalt im Leipziger Westen: Debatte in der Eisengießerei

Plagwitz und Lindenau Verdrängung und Gewalt im Leipziger Westen: Debatte in der Eisengießerei

Wohnen – Verdrängung – Gewalt: Wie sicher ist der Leipziger Westen? Das war das Thema eines Bürgerforums der Stadt Leipzig am Mittwochabend in der Eisengießerei im Westwerk. Mehr als 100 Besucher verfolgten die Debatte.

An vielen Orten im Leipziger Westen äußern sich Gentrifizierungsgegner kritisch zur aktuellen Stadtentwicklung – wie hier an der Ecke Josephstraße/Schadowstraße.

Quelle: LVZ

Leipzig. Ausgerechnet ein Politiker, der sonst eher als Hardliner in Sicherheitsfragen gilt, wusste bei dem brisanten Thema Brücken zu bauen, über die am Ende alle gehen konnten. Oder zumindest die meisten der rund 100 Teilnehmer, die sich am Mittwochabend in der alten Eisengießerei des Westwerks an der Karl-Heine-Straße eingefunden hatten. Ronald Pohle, Landtagsmitglied der CDU, erzählte dort, wie er 1993 in Leipzig selbst Opfer des Sanierungsbooms nach der Wende wurde.  „Für mich war das damals ein wesentlicher Anstoß, in die Politik zu gehen.“

Aktuell kümmere er sich um einen „wirklich harten Gentrifizierungsfall“ am Rabet im Leipziger Osten, fuhr Pohle fort. Dort würden Finanzinvestoren versuchen, die Bewohner zu verdrängen. Als Handwerker kenne er aber nicht nur die Seite der Mieter, sondern auch viele Hausbesitzer ganz gut. „Für mich ist es vor allem eine Frage des Respekts. Einerseits Respekt vor dem Eigentum anderer Leute, aber auch Respekt vor der sozialen Verantwortung, die sich auch durch das Eigentum ergibt.“ Wenn er zum Beispiel sehe, wie beschmiert die denkmalgeschützte, riesige Persil-Werbung am Karl-Heine-Kanal derzeit ist, finde er das sehr schade. „Ein Stück Industriekultur wurde dort einst gerettet – nun geht es kaputt.“

Viele Attacken am Lindenauer Hafen

Die Stadtverwaltung hatte das Bürgerforum zum Thema „Wohnen – Verdrängung – Gewalt: Wie sicher ist der Leipziger Westen?“ initiiert. Sie wolle nach den Ursachen jüngster Konflikte in Plagwitz und Lindenau fragen, so Ordnungsbürgermeister Heiko Rosenthal (Linke) bei der zweistündigen Debatte. Etwa am Lindenauer Hafen seien mehrfach Container von Baufirmen beschädigt worden. „Sogar Häuser von Selbstnutzern wurden schon zum Ziel von Attacken.“ Moderator Björn Meine, der Leiter der LVZ-Lokalredaktion, erinnerte an zertrümmerte Scheiben im Stadtteilladen und verbale Attacken gegen dessen Leiter Volly Tanner. Meine fragte die Politiker aller fünf im sächsischen Landtag vertretenen Parteien, was sie von Übergriffen auf Baustellenbagger oder Bioläden halten. Und was sie tun, um immer höher steigende Mieten wieder einzudämmen.

Claudia Maicher (Grüne) sah eine gewisse Skandalisierung des Themas. Natürlich sei Gewalt keine Lösung. Doch Graffiti oder politische Statements an Häuserwänden hätten nichts mit Fragen der Sicherheit im Viertel zu tun. „Der eigentliche Skandal ist, wenn im sächsischen Verfassungsschutzbericht Gegner von Gentrifizierung, Sexismus, Rassismus als Kriminelle hingestellt werden.“

Dirk Panter (SPD) meinte, es sei auch Gewalt, wenn Mietern im Winter Wasser oder Heizung abgestellt werde. Als Regierungspartner habe Sachsens SPD durchgesetzt, dass nun erstmals seit 18 Jahren wieder sozialer Wohnungsbau gefördert wird. „Es reicht noch nicht aus, aber ist zumindest schon  ein Anfang.“

Enrico Stange (Linke) forderte, den sozialen Wohnungsbau nach einer kurzen Testphase stark auszuweiten. Das betreffe auch die Zahl der Gemeinden, die dabei Geld erhalten können. „Ich hatte mich selbst vor zwei Jahren nach einer Wohnung in Leipzig umgetan. Wer da was Größeres sucht, kann nur mit den Ohren schlackern.“ Es laufe etwas völlig falsch, wenn die Zeitschrift „Capital“ soeben Plagwitz als „Musterbeispiel der Aufwertung mit stark steigenden Mieten“ angepriesen habe, meinte Stange.

Uwe Wurlitzer (AfD), dessen Reden am Abend mehrfach von Zuschauern mit höhnischen Zwischenrufen und Dauerapplaus gestört wurden, betonte hingegen eine positive Entwicklung durch Investoren. Als Immobilienmakler, der selbst im Grünauer Plattenbau lebt, habe er schon oft Wohnungen vermietet. Dabei sehe er meist glückliche Gesichter von Leuten, die sich über eine schöne Wohnung freuen. „Sachsens Leuchtturm-Politik – erst Wohnungen massenhaft abreißen und dann Neubau fördern  – ist gescheitert.“

Auch Anwohner Thomas Müller, der nach eigenen Worten seit 30 Jahren in Lindenau lebt, lobte die Investoren. Sie hätten den Stadtteil nach 1990 vor dem Abriss bewahrt. „Vor der Sanierung war der Aurelienbogen leer und eine Ruine.“ Ihn störten aber die vielen Schmierereien, auch nächtliche Lagefeuer. Er wünsche sich mehr Polizei-Streifen. Mehrere junge Zuhörer, die ihre Namen nicht sagten, forderten die Stadt auf, mehr zum Erhalt von Freiräumen zu tun. Bürgermeister Rosenthal verwies dazu auf einen neuen Entwicklungsplan namens Insek, dessen Entwurf im Juli vorgestellt werden solle.

Mietbelastung wie in München

In der Debatte meldete sich auch SPD-Bundestagskandidat Jens Katzek zu Wort. Er plädierte dafür, Baukosten durch eine Vereinfachung von Din-Normen und Vorschriften zu senken. Nur mit viel mehr Wohnungen ließen sich die Preise wieder drücken. Enrico Stange widersprach: „In der Marktwirtschaft steigen dann sofort die Baupreise, fressen das wieder auf.“

2016 seien an Straftaten unter dem Stichwort Gentrifizierung nur sechs Delikte im Bereich Lindenau/Plagwitz erfasst worden, so Polizeipräsident Bernd Merbitz. Nicht enthalten seien da aber Sachbeschädigungen wie Schmierereien an  Häusern, die oft nicht angezeigt werden. Laut Professor Dieter Rink, Stadtsoziologe vom Umweltforschungszentrum, sind im Leipziger Westen sieben bis zehn Prozent der Wohnungen bereits hochpreisig saniert worden. Verdrängungsbewegungen seien nicht zu übersehen. Sie könnten nur durch Markteingriffe wie Sanierungs- oder Milieuschutzsatzungen zurückgedrängt werden. Zwar stimme es, dass Leipzig die billigsten Mieten unter den 15 größten deutschen Städten hat, so Rink. „Jedoch sind die Einkommen hier auch am geringsten. Bei der Mietbelastungsquote liegt Leipzig fast gleichauf mit München.“ Um die sich daraus ergebenden Konflikte zu bewältigen, wäre Respekt auch für andere Ansichten besonders wichtig, betonten in der Schlussrunde alle Politiker. CDU-Mann Pohle meinte: „Vielleicht brauchen wir dann auch gar nicht wirklich mehr Polizei vor Ort.“

Von Jens Rometsch

Leipzig, Karl-Heine-Straße 93 51.330433 12.330629
Leipzig, Karl-Heine-Straße 93
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