Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 18 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Verirrt im Dschungel: Leipzigerin Esther Carlitz will vor Gericht 100.000 Euro Schmerzensgeld

Verirrt im Dschungel: Leipzigerin Esther Carlitz will vor Gericht 100.000 Euro Schmerzensgeld

Zwölf Tage war Esther Carlitz orientierungslos durch den Dschungel im Kongo geirrt. Zwei Jahre danach soll nun ab Freitag das Landgericht Konstanz klären, wer für die Odyssee zahlen muss: die Biologiestudentin Carlitz, die rund 66.000 Euro für die eingeleitete Suchaktion berappen soll, oder die Max-Planck-Gesellschaft (MPG), die von der heute 25-Jährigen auf 100.000 Euro Schmerzensgeld verklagt wird.

Voriger Artikel
Leipzig will eine Million mehr für Straßenbau ausgeben – FDP: „Tropfen auf den heißen Stein“
Nächster Artikel
Güterbahnhof Plagwitz soll mit Grünanlagen, Fuß- und Radwegen erschlossen werden

Esther Carlitz irrte 2008 eine Woche durch den kongolesischen Urwald.

Quelle: dpa

Leipzig. Im Frühjahr 2008 reiste Carlitz in den kongolesischen Urwald, um für ihre Diplomarbeit über Bonobos (Zwergschimpansen) Material zu sammeln. Nach Darstellung der MPG habe es zuvor schon Gespräche zwischen der Studentin und Gottfried Hohmann, dem Leiter des Forschungscamps, gegeben, wie man sich vor Ort zu verhalten habe. Die Anwältin der Leipzigerin, Nuria Schaub, widerspricht diese Darstellung: „Es gab keine Anweisungen oder Belehrungen für das Verhalten im Dschungel, weder mündlich noch schriftlich. Esther Carlitz war den ersten Tag bei Ankunft im Camp völlig auf sich alleine gestellt", heißt es in einer Mitteilung. Zudem beklagt Schaub die „mangelnde Organisation" im Lager.

Die Verhaltensregeln hätten laut MPG sogar noch einmal wiederholt werden müssen, da „Carlitz sich am ersten Tag im Kongo von Affen locken ließ", sagte Christina Beck, MPG-Sprecherin am Dienstag gegenüber LVZ-Online. Die damals 23-jährige Pfarrerstochter habe Primaten gesehen und sei ihnen einfach in den Wald gefolgt.

Zwei Tage später ging die Studentin mit dem Forschungsassistenten Matthew C. „zu einem ersten Feldgang zur Orientierung" in den Dschungel, so die MPG. Carlitz trug einen Kompass und eine Satellitenkarte bei sich. „Sie hatte keine Wanderkarte dabei, wie man sie für den Schwarzwald benutzt, sondern eine Satellitenkarte, um individuelle Ortsmarken, wie zum Bespiel besondere Bäume, eintragen zu können", sagt Beck. Matthew C. führte zusätzlich ein GPS-Gerät mit sich, um die Bewegung der Bonobos dokumentieren zu können.

60-Kilometer-Marsch ohne Ausrüstung und Nahrung

Gegen Mittag bekam die junge Leipzigerin Hunger. Sie bestand darauf, zum Essen ins Lager zurückzukehren. „Wir können das Gespräch im Urwald nicht genau konstruieren. Aber sie hat gegenüber Matthew glaubhaft klargemacht, dass sie den Weg zurückfindet", erklärt die MPG-Sprecherin Beck. Das habe der Wissenschaftler nach seiner Rückkehr zu Protokoll gegeben.

Das GPS-Gerät verblieb bei Matthew C., damit dieser weiter arbeiten konnte, und Carlitz marschierte mit Karte und Kompass los. Warum der Forschungsassistent sie nicht zurückgehalten habe? „Frau Carlitz war damals eine Praktikantin und eine erwachsene Frau. Es hat somit keine Hierarchie und keine Aufsichtspflicht unsererseits gegeben", sagt Beck.

Die Studentin verlief sich. Aber anstatt stehen zu bleiben und nach Hilfe zu rufen, ging die junge Frau einfach weiter. „Wäre sie nach kurzer Zeit einfach stehengeblieben, hätte sie der eingesetzte Suchtrupp spätestens am Abend gefunden", sagt die Sprecherin der MPG. Die Gegenseite bestreitet dies in einer Mitteilung, die LVZ-Online vorab vorliegt: Aufgrund der dichten Vegetation und der Geräusche im Dschungel hätte niemand diese Hilferufe wahrnehmen können. Die Leipzigerin wird erst eine Woche später von einheimischen Jägern gefunden, die ihr helfen. Vorher hatte sie einen Marsch von 60 Kilometern absolviert. Ohne Ausrüstung und Nahrungsmittel. Nur Wasser war im Wald ausreichend vorhanden.

Während Carlitz umherirrte, suchten bis zu 50 Personen nach ihr. Als die Jäger die Studentin zurückbrachten, kam Campleiter Hohmann der Gruppe entgegen. Er führte mit der Leipzigerin Gespräche, die er im Lager protokollierte. Sie unterschrieb später das Dokument, in dem steht, dass sie aufgrund des Hungers allein ins Camp zurückkehren wollte.

Ihre Familie habe in Zeitungsinterviews dieser Darstellung immer widersprochen und eine Erklärung verlangt. Außerdem habe es ständig Presseanfragen gegeben, in denen gefragt wurde, warum sich Carlitz von ihrem Begleiter getrennt habe. Daher sei das Protokoll geführt worden, heißt es von Seiten der Forschungseinrichtung. Anwältin Schaub vermutete dahinter lediglich den Versuch, „etwaige Haftungsansprüche von Esther Calitz auszuschließen." Ihre Mandantin sei zu diesem Zeitpunkt nicht geschäftsfähig gewesen. „Sie hatte sich eine Malariaerkrankung zugezogen und litt ferner neben völliger Erschöpfung an anderen Tropenerkrankungen. Sie hätte zu diesem Zeitpunkt alles unterschrieben. Sie war froh, dass sie gerettet war", heißt es in einer Erklärung der Rechtsanwältin.

Zurück in Deutschland scheiterten alle Versuche, sich gütlich zu einigen. Die Biologiestudentin wollte nicht einmal einen Teil der angefallenen Kosten übernehmen. So lautet die Version der Max-Planck-Gesellschaft. "Die Max-Planck-Gesellschaft war nur bereit über die Art der Rückzahlung der versuchten Rettungsaktion zu sprechen, nicht aber über die Höhe", so teilt Carlitz' Anwältin mit. Ein deutsches Gericht hat nun das letzte Wort im Dschungel-Fall.

Michael Dick

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr

  • Sparkassen Challenge
    Logomotiv der Sparkassen Challenge 2017

    "Sport frei!" heißt es auch 2017 bei zahlreichen Wettkämpfen der Sparkassen-Challenge. Alle Events mit vielen Fotos finden Sie hier! mehr

  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • LVZ-Sommerkino im Scheibenholz
    LVZ Sommerkino im Scheibenholz: Alle Infos zu Filmen, Ticketverkauf und dem Rahmenprogramm.

    Das LVZ-Sommerkino lud wieder zu unterhaltsamen Filmabenden ins Scheibenholz ein. Sehen Sie hier einen Rückblick in Fotos und Geschichten. mehr

Wie weiter nach der Grundschule? Unsere Übersicht aller Gymnasien, Oberschulen und Freien Schulen in Leipzig will Eltern bei der Auswahl der passenden Bildungseinrichtung für ihr Kind unterstützen. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr

Die Multimedia-Reportage erzählt elf spannende Geschichten entlang der Linie 11 - der längsten Straßenbahnlinie Leipzigs. mehr

Ob zur Entspannung, in der Mittagspause oder zum Spaß mit Freunden. Auf unserer Spieleseite können Sie wählen zwischen Denksport-, Geschicklichkeits-, Such- und Sportspiele. Probieren Sie es aus im Spieleportal von LVZ.de. mehr