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Lokales Verirrt im Dschungel: Leipzigerin Esther Carlitz will vor Gericht 100.000 Euro Schmerzensgeld
Leipzig Lokales Verirrt im Dschungel: Leipzigerin Esther Carlitz will vor Gericht 100.000 Euro Schmerzensgeld
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18:45 27.07.2010
Esther Carlitz irrte 2008 eine Woche durch den kongolesischen Urwald. Quelle: dpa
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Leipzig

Im Frühjahr 2008 reiste Carlitz in den kongolesischen Urwald, um für ihre Diplomarbeit über Bonobos (Zwergschimpansen) Material zu sammeln. Nach Darstellung der MPG habe es zuvor schon Gespräche zwischen der Studentin und Gottfried Hohmann, dem Leiter des Forschungscamps, gegeben, wie man sich vor Ort zu verhalten habe. Die Anwältin der Leipzigerin, Nuria Schaub, widerspricht diese Darstellung: „Es gab keine Anweisungen oder Belehrungen für das Verhalten im Dschungel, weder mündlich noch schriftlich. Esther Carlitz war den ersten Tag bei Ankunft im Camp völlig auf sich alleine gestellt", heißt es in einer Mitteilung. Zudem beklagt Schaub die „mangelnde Organisation" im Lager.

Die Verhaltensregeln hätten laut MPG sogar noch einmal wiederholt werden müssen, da „Carlitz sich am ersten Tag im Kongo von Affen locken ließ", sagte Christina Beck, MPG-Sprecherin am Dienstag gegenüber LVZ-Online. Die damals 23-jährige Pfarrerstochter habe Primaten gesehen und sei ihnen einfach in den Wald gefolgt.

Zwei Tage später ging die Studentin mit dem Forschungsassistenten Matthew C. „zu einem ersten Feldgang zur Orientierung" in den Dschungel, so die MPG. Carlitz trug einen Kompass und eine Satellitenkarte bei sich. „Sie hatte keine Wanderkarte dabei, wie man sie für den Schwarzwald benutzt, sondern eine Satellitenkarte, um individuelle Ortsmarken, wie zum Bespiel besondere Bäume, eintragen zu können", sagt Beck. Matthew C. führte zusätzlich ein GPS-Gerät mit sich, um die Bewegung der Bonobos dokumentieren zu können.

60-Kilometer-Marsch ohne Ausrüstung und Nahrung

Gegen Mittag bekam die junge Leipzigerin Hunger. Sie bestand darauf, zum Essen ins Lager zurückzukehren. „Wir können das Gespräch im Urwald nicht genau konstruieren. Aber sie hat gegenüber Matthew glaubhaft klargemacht, dass sie den Weg zurückfindet", erklärt die MPG-Sprecherin Beck. Das habe der Wissenschaftler nach seiner Rückkehr zu Protokoll gegeben.

Das GPS-Gerät verblieb bei Matthew C., damit dieser weiter arbeiten konnte, und Carlitz marschierte mit Karte und Kompass los. Warum der Forschungsassistent sie nicht zurückgehalten habe? „Frau Carlitz war damals eine Praktikantin und eine erwachsene Frau. Es hat somit keine Hierarchie und keine Aufsichtspflicht unsererseits gegeben", sagt Beck.

Die Studentin verlief sich. Aber anstatt stehen zu bleiben und nach Hilfe zu rufen, ging die junge Frau einfach weiter. „Wäre sie nach kurzer Zeit einfach stehengeblieben, hätte sie der eingesetzte Suchtrupp spätestens am Abend gefunden", sagt die Sprecherin der MPG. Die Gegenseite bestreitet dies in einer Mitteilung, die LVZ-Online vorab vorliegt: Aufgrund der dichten Vegetation und der Geräusche im Dschungel hätte niemand diese Hilferufe wahrnehmen können. Die Leipzigerin wird erst eine Woche später von einheimischen Jägern gefunden, die ihr helfen. Vorher hatte sie einen Marsch von 60 Kilometern absolviert. Ohne Ausrüstung und Nahrungsmittel. Nur Wasser war im Wald ausreichend vorhanden.

Während Carlitz umherirrte, suchten bis zu 50 Personen nach ihr. Als die Jäger die Studentin zurückbrachten, kam Campleiter Hohmann der Gruppe entgegen. Er führte mit der Leipzigerin Gespräche, die er im Lager protokollierte. Sie unterschrieb später das Dokument, in dem steht, dass sie aufgrund des Hungers allein ins Camp zurückkehren wollte.

Ihre Familie habe in Zeitungsinterviews dieser Darstellung immer widersprochen und eine Erklärung verlangt. Außerdem habe es ständig Presseanfragen gegeben, in denen gefragt wurde, warum sich Carlitz von ihrem Begleiter getrennt habe. Daher sei das Protokoll geführt worden, heißt es von Seiten der Forschungseinrichtung. Anwältin Schaub vermutete dahinter lediglich den Versuch, „etwaige Haftungsansprüche von Esther Calitz auszuschließen." Ihre Mandantin sei zu diesem Zeitpunkt nicht geschäftsfähig gewesen. „Sie hatte sich eine Malariaerkrankung zugezogen und litt ferner neben völliger Erschöpfung an anderen Tropenerkrankungen. Sie hätte zu diesem Zeitpunkt alles unterschrieben. Sie war froh, dass sie gerettet war", heißt es in einer Erklärung der Rechtsanwältin.

Zurück in Deutschland scheiterten alle Versuche, sich gütlich zu einigen. Die Biologiestudentin wollte nicht einmal einen Teil der angefallenen Kosten übernehmen. So lautet die Version der Max-Planck-Gesellschaft. "Die Max-Planck-Gesellschaft war nur bereit über die Art der Rückzahlung der versuchten Rettungsaktion zu sprechen, nicht aber über die Höhe", so teilt Carlitz' Anwältin mit. Ein deutsches Gericht hat nun das letzte Wort im Dschungel-Fall.

Michael Dick

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