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Lokales Vom Hilfspfleger zum Klinikdirektor: Leipziger Urologie-Chef Jens-Uwe Stolzenburg
Leipzig Lokales Vom Hilfspfleger zum Klinikdirektor: Leipziger Urologie-Chef Jens-Uwe Stolzenburg
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00:31 01.03.2018
Chirurg von internationalem Ruf: Jens-Uwe Stolzenburg, 53, im Uniklinikum Leipzig. Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

Er putzte auch mal die Fenster seiner Klinik und kochte Kaffee für die Ärzte. Der einstige Hilfspfleger, der das erzählt, hat den Arbeitsort seither nicht gewechselt: Jens-Uwe Stolzenburg ist immer noch in der Urologie des Universitätsklinikums Leipzig beschäftigt. Nur mittlerweile als ihr Direktor.

„Von ganz unten nach ganz oben – also zumindest fast“, sagt Stolzenburg mit einem Augenzwinkern. In seinem Fachgebiet gilt der 53-Jährige als Koryphäe. Stolzenburg ist einer der Pioniere der Laparoskopie in der Urologie, der Chirurgie mit Hilfe winziger Kameras, deren Einsatz Operationswunden minimiert und so die Heilung erleichtert. Er ist weltweit am OP-Tisch ebenso gefragt wie als Ausbilder. Der Professor kann seinen Namen mit einigen Ehrendoktorwürden schmücken. Unter anderem ist er der einzige Mediziner, den alle drei traditionsreichen britischen Ärzteverbände im Namen der Königin ausgezeichnet haben. Im Schnitt 80 ausländische Patienten kommen jährlich nach Leipzig, um sich von Stolzenburg und seinem Team operieren zu lassen.

Fast wie im Film „Jenseits von Afrika“

„Am wenigsten hatte ich Lust, die Handschuhe auszuwaschen und die Binden aufzurollen“, sagt er. Muss man erwähnen, dass er von damals spricht? „Doch ich wäre heute kein Urologe, hätte ich das nicht gemacht.“ Die Hilfspflege brachte ihn erst auf das Fachgebiet, bis dahin wollte er Kinderarzt werden. Die Medizin habe er bereits mit sechs Jahren für sich entdeckt, erzählt er. „Eine romantische Geschichte, fast wie im Film ,Jenseits von Afrika’“: Stolzenburgs Vater war Anfang der 70er als Tierarzt in Mali tätig. Die Familie war dabei. „Ich habe dieses Bild vor Augen, wie schon am frühen Morgen zahlreiche Einheimische vor der Tierarztpraxis warteten und dann von ihm behandelt wurden – Menschen wohlgemerkt!“ Das habe ihn tief geprägt.

Allerdings muss die Stasi Stolzenburg senior misstraut haben. Jedenfalls ließ man den Vater nach einem kurzen Heimatbesuch nicht zurück in die Ferne. Jahre später vergrößerten sich die Chancen des Juniors auf einen Studienplatz nicht gerade, als er weder in die Partei eintrat, noch die 18-monatige Mindestzeit bei der Nationalen Volksarmee auf drei Jahre aufstockte, wie man es von angehenden Medizinern erwartete. Nachdem er zunächst für das Studium abgelehnt worden war, schrieb er dem damaligen Dekan der Medizinischen Fakultät einen Brief. Auch die Geschichte aus Afrika. Nach ein paar Wochen hatte er einen Studienplatz und erhielt 1985 die Möglichkeit, sich ein halbes Jahr lang als Hilfspfleger an der urologischen Klinik der Uni Leipzig zu bewähren.

Landes-Pokalsieger mit Chemie Leipzig

Ob er tatsächlich gleich mit dem Studium beginnen würde, war da aber längst nicht sicher. „Oder sollte ich doch lieber erst Leistungssportler werden?“, habe er sich damals gefragt. Immerhin hatte er 1980 zu jener Jugendmannschaft von Chemie Leipzig gehört, die den Landes-Pokal geholt hatte und war schon als Nachwuchsspieler Teil der Oberliga-Mannschaft von Chemie. „Eigentlich hielt ich mich immer für einen Grobmotoriker. Ich hab häufig was kaputt gemacht“, erinnert er sich. Umso überraschender für ihn die Erkenntnis im fortgeschrittenen Studium – mit dem es dann ja doch klappte – dass er ein Händchen für Operationen hat.

Heidemarie Pfeiffer, heute Leiterin der Urologie-Ambulanz, war bereits Oberärztin, als ihr heutiger Chef Anfang der 90er seine ersten OP-Erfahrungen machte. Die jetzt 60-Jährige trug als vorgesetzte Fachärztin die Verantwortung bei seiner ersten Nierentumor-Operation. Von da an ging Stolzenburgs Laufbahn steil nach oben. Als er 2007 leitender Oberarzt war, wurde ein neuer Direktor der Urologie gesucht. Hausberufungen sind in Deutschland unüblich, um Vetternwirtschaft zu verhindern. Als Stolzenburg aber kurz davor war, auf eine vergleichbare Stelle nach Graz zu wechseln, wollten die Leipziger den gefragten Spezialisten halten.

„Ich weiß, was die Krankenschwestern und Pfleger leisten“

Sein Renommee strahlt auf die Uni­klinik aus: Seine Eingriffe mit einem Operationsroboter haben Schlagzeilen gemacht. Wobei Stolzenburg momentan an der Entwicklung eines Konkurrenzmodells zum bisher einzigen Typus der Marke „Da Vinci“ mitwirkt. Dessen Hersteller lässt sich sein Monopol vergolden. „Was nicht im Sinne der Patienten ist“, so Stolzenburg. „Es geht mir um die bestmöglichen Heilungschancen.“

Die Direktorenstelle ist für Stolzenburg aber nicht der einzige Grund, in Leipzig zu bleiben: „Es ist eine wunderbare Stadt, meine Heimatstadt.“ Er selbst und auch seine Kinder haben hier ihre Freunde. Auch seine Eltern leben in der Nähe, in Kitzen. „Ich könnte anderswo deutlich mehr verdienen und hätte doch nicht dieselbe Lebensqualität.“ Sein Ruf und Beruf führen ihn ja trotzdem in die Welt, ergänzt er. „Einen internationalen Blick auf die Dinge halte ich für sehr wichtig.“

Mindestens genauso bedeutend sei aber, dass er die Pflegearbeit in seiner Klinik wertschätzen könne. „Ich weiß, was die Krankenschwestern und Pfleger leisten“, sagt Stolzenburg. Selbst wenn heute keiner von ihnen mehr für die Ärzte Kaffee kocht oder Fenster putzt.

Von Mathias Wöbking

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