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LVZ-Straßenbahn-Serie: Vom „Völki“ bis zum Ratzelbogen

„In der Spur“ LVZ-Straßenbahn-Serie: Vom „Völki“ bis zum Ratzelbogen

Mit der LVZ-Serie „In der Spur“ zeigen wir Leipzig von einer speziellen Seite. Wir erkunden die Stadt mit der Straßenbahn. Wer lebt entlang der Strecken, in den Kiezen, wie ist das Lebensgefühl dort? Heute: die Linie 2.

Die Linie 2.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Die Bäume stehen dicht an dicht. Betörender Vogelgesang im Hintergrund. Alles wirkt idyllisch, wie in einer grünen Oase. „Ich gehe hier oft mit Paula spazieren“, versichert Klaus Quandt (73), der gerade an der Haltestelle Naunhofer Straße am nördlichen Ende des Wilhelm-Külz-Parks in Reudnitz-Thonberg entlang läuft. Paula, das ist seine Jack-Russel-Hündin. „Sie ist etwas älter. Hat schon graue Haare, so wie ich“, scherzt der Pensionär. Er wohnt gleich um die Ecke in der Holzhäuser Straße, hat es deshalb nicht weit bis zum Park. „Die Wohngegend ist super. Man hat Natur, die Verkehrsanbindung passt. Was will man mehr?“

Dem Lob kann Erna Böttcher aus dem Lichtenbergweg nur zustimmen: „Ich lebe hier seit 53 Jahren und bin immer noch rundum zufrieden.“ Auch der nahe gelegene Kindergarten sei kein Problem. „Mich stört die Lautstärke nicht. Ich war früher selbst einmal Erzieherin“, erzählt die 76-Jährige. Dass es in dem Viertel etwas lebhafter geworden ist, freut aber nicht jeden. „Ich fand es besser, als es noch ruhiger war“, sagt ein Anwohner im Vorbeigehen und verschwindet in seinem Auto.

In der kalten Jahreszeit lässt sich von der östlichen Endstelle der Linie 2 problemlos ein Blick auf das Völkerschlachtdenkmal erhaschen. Doch nun verdeckt blühende Vegetation die Sicht auf das monumentale Gebäude. Eine junge Frau wartet ebenfalls auf die Bahn. Will mit ihren beiden Kindern in die City. „Zum Shoppen. Sind ja schließlich Ferien.“ Von der Naunhofer Straße aus geht es in Richtung Westen. Vorbei am Doppel-M – in dem aufgrund eines Unfalls wochenlang ein Loch klaffte, das nun aber endlich gestopft ist. Hinein in die Philipp-Rosenthal-Straße, die linkerhand die Deutsche Nationalbibliothek tangiert, rechterhand die Russische Gedächtniskirche mit ihrer weithin sichtbaren goldenen Kuppel sowie den Friedenspark.

Groß ist der Andrang an der Station Johannisallee. Zahlreiche junge Leute steigen ein. Darunter Sebastian Kunert (19). Der Student widmet sich den Wirtschaftswissenschaften und lebt im Studentenwohnheim Philipp-Rosenthal-Straße 29–33. „Ich fahre täglich mit der Bahn zur Uni. Nehme die 2 oder die 16. Je nachdem, welche Nummer zuerst kommt“, verrät der junge Akademiker. Mit dem Wohnheim ist er mehr als zufrieden.

Wenige Meter entfernt sitzt Wolfgang Müller auf einer der fest installierten Metallbänke. Gestützt auf seinen Holzstock, der ihm offenbar als Gehhilfe dient. „Mein Zuhause ist der Hochgeschosser gleich gegenüber. Da wohne ich sehr gerne. Zumal die Uni-Klinik so nah ist“, so der 70-jährige Rentner. Die Linie 2 sei für ihn ideal. Von der östlichen Endstelle ist es nicht mehr weit bis zum Südfriedhof, den er oft besuche. Von der westlichen aus sei er schnell bei seiner Tante in Grünau. „Für mich hat die Verbindung immer hingehauen“, lobt Müller, der 40 Jahre lang in einem Kraftwerk der Stadtwerke gearbeitet hat. Was der Pensionär allerdings bemängelt: „Früher fuhr die 2 direkt bis zum Südfriedhof. Das war eine Erleichterung. Und ein Riesengeschäft für die Blumenläden. Doch inzwischen haben sie die Wendeschleife zubetoniert.“

Die Straßenbahn schlängelt sich weiter. Lässt die Rückseite des Uniklinikums ebenso hinter sich wie den Bayerischen Bahnhof samt Wochenmarkt. „Die Straßenbahn ist da“, ruft ein kleines Mädchen an der Härtelstraße freudig erregt ihrer Mutter zu, die jedoch abwinkt. Es ist die falsche Bahn. Das Abbiegemanöver zum Wilhelm-Leuschner-Platz erlaubt einen flüchtigen Blick auf den Uni-Riesen, der bekanntlich einem aufgeschlagenen Buch nachempfunden ist. Übrigens: Die 2 ist die einzige Linie im städtischen Netz, die weder über den Hauptbahnhof noch eine weitere Haltestelle in dessen unmittelbarer Nähe verläuft.

Über die Friedrich-Ebert- und die Käthe-Kollwitz-Straße sowie eine kurze Passage durch den Clara-Zetkin-Park gelangt man nach Schleußig. Ein Stadtteil, in dem sich immer mehr junge Leute heimisch fühlen, meint ein älterer Mann in einem flüchtigen Gespräch.

Jasmine Jähner kann das bestätigen. „Ich lebe seit drei Jahren hier und bin sehr zufrieden. Es ist eine junge, freundliche Nachbarschaft. Neue Kontakte zu knüpfen, fällt sehr leicht. Hier zu leben, ist einfach toll“, freut sich die Studentin, Anfang 20, in fließendem Englisch. Sie lernt an der Leipzig International School (LIS) in der Könneritzstraße. Zum Sport treiben verschlägt es sie in den Clara-Park. Basketball hat es ihr vor allem angetan.

Etwas holprig wird die Fahrt auf der Antonienstraße. Am Adler geht es nur noch im Schritttempo über die Kreuzung. Ein neuer Supermarkt wächst neben der Schaubühne Lindenfels aus dem Boden. Direkt an der Haltestelle Gießerstraße Richtung stadteinwärts betreut Mareike Schellenberger (27) den Laden Beckel Optik. Der ist ein Familienbetrieb, besteht schon seit Mitte der 1980-er Jahre. Das Geschäft laufe gut. „Wir nehmen uns sehr viel Zeit bei den Augenprüfungen“, hebt die Angestellte als besonderes Signum hervor. „Da sind wir mit unseren Geräten modern aufgestellt.“ Zum Angebot gehören Brillen und Kontaktlinsen aller Art.

Nach dem Linksschwenk in die Diezmannstraße rollt Linie 2 wieder im Eiltempo ihrem westlichen Bestimmungsort entgegen. Vorbei an dem Gelände des Vereins TuB Leipzig sowie dem Kleingartenverein Neu-Brasilien zur Hermann-Meyer-Straße. Dort stehen die Meyer’schen Häuser, ein Anfang des 20. Jahrhunderts errichteter Wohnkomplex, der inzwischen saniert wurde und sich durch üppigen Baumbewuchs auszeichnet. „Hier kann man sehr gut leben“, sagt Jutta Parthier (62). Durch die Stiftung Meyer’sche Häuser habe sich die Lebensqualität in Kleinzschocher deutlich erhöht. „Das muss man auch mal lobend erwähnen“, meint die soziale Betreuerin. Sie vermisst allerdings die kleinen Läden. Das, was Charakter gebe. „Die Supermärkte haben doch eh alle das Gleiche.“

Entlang der Ratzelstraße erreicht Linie 2 schließlich Grünau-Süd. Die Endstelle liegt etwas versteckt hinter dem Ratzelbogen, der eine Außenstelle der Stadtverwaltung beherbergt. Die letzten drei Personen steigen aus. Angelika Kelling ist eine von ihnen. Die 63-jährige Zahntechnikerin wohnt in der Karlsruher Straße. Einer Gegend, die überaus ruhig und vor allem grün sei. „Ich kann mich über nichts beschweren.“ Heike (53) und Christin Gilbert (25) sehen das ähnlich. „Wir leben gern in Grünau. Die Einkaufsmöglichkeiten sind einwandfrei, die Verkehrsanbindung ist sehr gut“, betonen Mutter und Tochter unisono. Beide fahren oft mit der Bahn. Auto oder Fahrrad haben sie nicht.

Beliebter Anlaufpunkt in Grünau-Süd ist die Fleischerei Reißaus, direkt an der Endhaltestelle gelegen. In der Mittagszeit ist es hier proppevoll – dank guter Hausmannskost. „Wir bieten immer drei Gerichte an, freitags zwei“, sagt Angestellte Cornelia Dekoj, die seit 8 Uhr vor Ort ist. Aktuell stehen Grüner Bohneneintopf mit Lammfleisch, Leber Berliner Art und Kassler mit Bohnen und Kartoffeln auf dem Speiseplan. Alle Tische sind belegt. „Es schmeckt super“, ertönt es von einem der vorderen. Ein Lob, dem das Ehepaar Koch beipflichtet: „Wir sind einmal pro Woche hier. Das Essen ist lecker und reichlich.“ Und während in der Fleischerei herzhaft gegessen wird, macht sich draußen die Linie 2 wieder in Richtung „Völki“ auf.

Der Fahrer in der 3

Marcel Strobel

Marcel Strobel.

Quelle: André Kempner

Der Grünauer Marcel Strobel (26) fährt am liebsten auf der „2“. „Die Linienführung ist schön, es gibt viel Grün“, betont der junge Mann, der mit 15 seine erste Straßenbahn sah, als die Familie von Wurzen nach Leipzig zog. „Ich war sofort begeistert, sagte mir, so eine will ich auch fahren.“ Nach seiner Lehre zum Kaufmann im Einzelhandel sattelte er um und genießt jetzt vor allem die Momente an der Endstelle Naunhofer Straße. „Dort bin ich mit der Natur verbunden, es ist ein schöner Ausblick.“ An seinem Traumberuf – er fährt ausschließlich Schlussdienste ab 14 Uhr – gefällt ihm, „wenn mir die Kinder zuwinken. Das ist wirklich schön.“

 

Der Rad-Shop an der 2

Alexander Zoch

Alexander Zoch.

Quelle: Matthias Klöppel

Seit rund zehn Jahren befindet sich der Fahrradladen Rücktritt in der Grünewaldstraße 13 im Zentrum-Südost. „Angefangen haben wir allerdings im Jahr 2000 im Hinterhof der Feinkost auf der Karli“, verrät Shopleiter Alexander Zoch. Das Angebot bestehe sowohl aus Rädern mit Alu- als auch mit Stahlrahmen. Letztere seien die Spezialität. „Bei uns gibt es Retro.“ Neben dem Kauf preiswerter Drahtesel haben Zweirad-Liebhaber auch die Möglichkeit, ein Gefährt individuell gestalten zu lassen. „Viele Kunden wollen etwas Individuelles“, so Zoch. Das Geschäft laufe gut. Eine hohe Nachfrage bestehe etwa von Leuten aus dem Gewandhaus.

 

Der Bio-Laden an der 2

Stefan Werner

Stefan Werner.

Quelle: Andre Kempner

Als Leipzigs ältester noch existierender Naturkostladen beworben, zeichnet sich „Lebensart Naturkost“ in der Könneritzstraße 49 im Stadtteil Schleußig durch Produkte aus kontrolliert biologischem Anbau aus. „Der Laden ist zwar klein, die Regale sind aber stets voll“, versichert Inhaber Stefan Werner (49). Gekauft werden können alle Waren des täglichen Bedarfs: Brot, Käse, Obst und Gemüse, Kosmetik und vieles mehr. Das Besondere: Der feilgebotene Honig stammt aus eigener Ernte. „Ich habe Bienen am Störmthaler See und am Plagwitzer Friedhof. Die produzieren den“, sagt Stefan Werner mit einem Lächeln.

Von Matthias Klöppel

Leipzig 51.339695 12.373075
Leipzig
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