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Von Casting-Show bis Klassik - Leipziger Symposium zur Stimmausbildung

Von Casting-Show bis Klassik - Leipziger Symposium zur Stimmausbildung

Eine eigene Popmusik-Karriere ist für viele Kinder und Jugendliche heute der Grund, eine Musikschule zu besuchen oder im Chor zu singen. Angefeuert wird der Wunsch vor allem durch die Vielzahl an Castingshows im Fernsehen.

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In vier Workshops lernen die Teilnehmer des zehnten Symposiums für Kinder- und Jugendstimmen neue Gesangstechniken. Sascha Wienhausen zeigt in "Scream and Shout - Der Sound von Pop und Musical", wie besondere Stimmeffekte erzeugt werden.

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. Da das Pop-Genre aber andere Anforderungen an die jungen Stimmen stellt als eine klassische Gesangsausbildung, ist der beliebte Stil ein Schwerpunkt des zehnten Stimmsymposiums zur Kinder- und Jugendstimme an diesem Wochenende in Leipzig.

Mit ihrem Gewinner-Song „Do you like what you see“ ist „The Voice of Germany“-Siegerin Ivy Quainoo am Freitag frisch auf Platz zwei der deutschen Singlecharts eingestiegen. Bohlen und Co. haben gerade ihre Top-16-Kandidaten für die aktuelle „Deutschland sucht den Superstar“-Staffel auf den Malediven gekürt. Immer mehr Nachwuchssänger wollen diesem Beispiel folgen und träumen von einer Karriere in der Popmusik-Branche. Klassik oder das gute alte Volkslied sind keine Magneten mehr für die jungen Gesangstalente.

„Wir wurden von diesem Trend vor ein paar Jahren überrumpelt. Es gab beispielsweise keine Gesangslehrer, die speziell für diesen Bereich ausgebildet waren“, sagt Sascha Wienhausen. Der ausgebildete Sänger ist Professor für Populären Gesang an der Hochschule Osnabrück und Künstlerischer Leiter der German Musical Academy. An diesem Wochenende wird er in „Scream and Shout“, einem von vier Workshops des Symposiums, die besonderen Gesangstechniken von Pop, Rock und Soul vermitteln.

Musikschulen und Chorleiter müssen sich auf das Popmusik-Genre einstellen

Unter dem Titel „Forschung – Wissen – Praxis“ widmet sich das Symposium in der Leipziger Musikhochschule „Felix Mendelssohn Bartholdy“ anlässlich des kleinen Jubiläums dem Thema, das zugleich seine Hauptaufgabe sein soll: Dem Wissenstransfer zwischen Stimmforschung, die sich mit den verschiedensten Aspekten des Singens bei den Heranwachsenden beschäftigt, und der gesangspädagogischen und therapeutischen Praxis.

„Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist entscheidend“, sagt Michael Fuchs, Leiter der Abteilung für Stimm-, Sprach und Hörstörungen am Universitätsklinikum Leipzig, die das Symposium jährlich ausrichtet. Er ist stolz auf die Etablierung, mit aktuell 500 Teilnehmern aus Deutschland und dem europäischen Ausland gibt es sogar eine Warteliste. „Hier gibt es keine dummen Fragen von Nicht-Medizinern“, sagt Fuchs. „Auch wir müssen im Popmusik-Bereich dazulernen, um eine Ahnung von den Anforderungen an die Stimme zu haben und behandelnd darauf eingehen zu können.“ Denn das moderne Singen sei nicht weniger anspruchsvoll als das klassische.

„Das Klangideal, das im klassischen Gesang angestrebt wird, wird im Pop geradezu auf den Kopf gestellt oder bewusst zerstört, um einen besonderen Effekt zu kreieren“, erläutert Sascha Wienhausen. Das stellt vor allem deutsche Stimmen vor eine Herausforderung, denn die sind durch die eher tief angelegte Sprache mit einem Gesang á la Mariah Carey schnell überfordert. Es gebe zwar immer auch Ausnahmetalente, so der Gesangspädagoge, aber insbesondere vor dem Stimmbruch könne eine solche Überlastung zu schweren Schäden wie Knötchenbildung auf den Stimmlippen führen. „Glücklicherweise wird der Anteil deren, die mit ,Ich will so singen wie...’ zu uns kommen, immer weniger“, sagt Wienhausen.

Medizinische Fortschritte und optimale Gesangstechniken schonen die Stimme

„Es ist sehr schade, muss man sagen, dass wir kein Gefühl in den Stimmlippen haben. Dann würde falsches Singen wehtun und wir würden es sofort merken“, sagt Michael Fuchs. Dagegen werden die Untersuchungsmethoden des Stimmapparates immer feiner. So bietet Fuchs’ Abteilung eine Spezialsprechstunde für kindliches Singen an, um die Stimmentwicklung, Belastbarkeit und Veränderungen zu bestimmen. Davon profitiert unter anderem der Thomanerchor Leipzig, denn die Mediziner können, unter anderem durch Messung des Testosteronspiegels, auf einen Monat genau bestimmen, wann bei den jungen Sängern der Stimmbruch einsetzen wird. Für einen professionellen Chor mit weit im Voraus geplanten Konzertterminen eine wichtige Unterstützung.

Grundsätzlich kann jeder Mensch singen, ist der Mediziner und ehemalige Thomaner überzeugt. Auch wenn die biologischen Vorraussetzungen nicht optimal seien, könne man den Stimmapparat mit regelmäßigem Singen trainieren. „Aber im professionellen Bereich wird der Sänger an seine Grenzen stoßen“, weiß er. Auch die psychosoziale Komponente sei ausschlaggebend dafür, ob ein Kind oder Jugendlicher für das Rampenlicht geeignet ist, oder nicht. „Wenn nur die Eltern sich das wünschen, ist das der falsche Weg“, so Fuchs.

Trotz aller Erkenntnisse: Für den Gänsehaut-Effekt beim Publikum, da sind sich Michael Fuchs und Sascha Wienhausen einig, muss neben optimalen stimmlichen Vorraussetzungen und dem maßgeschneiderten Gesangstraining nach wie vor auch die persönliche Ausstrahlung des Sänger überzeugen.

Franziska Seifert / dpa

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