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Lokales Von Kubanotschka bis Makaroschka: Leipzig größter russischer Supermarkt steht in Plagwitz
Leipzig Lokales Von Kubanotschka bis Makaroschka: Leipzig größter russischer Supermarkt steht in Plagwitz
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15:06 02.04.2013
Darf natürlich nicht fehlen: Russisches Konfekt im russischen Supermarkt im Stadtteil Plagwitz. Quelle: Regina Katzer
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Leipzig

Auf den ersten Blick unterscheidet sich der Lenta-Markt im Stadtteil Plagwitz kaum von anderen Supermärkten. Auf 650 Quadratmeter reihen sich volle Regale aneinander, es gibt eine Fisch- und Fleischtheke, hölzerne Spirituosenanrichten und natürlich jede Menge Hinweisschilder mit Sonderangeboten.

Wer Nudeln sucht, greift hier aber nicht zu italienischem Hartweizen, sondern zu „Makaroschka“. Zuckersüße Orangenlimonade hört auf den Namen „Buratino“ und vom Glas mit den sauren Gurken grüßt ein Mädchen namens „Kubanotschka“. Das Depot mit dem mehrfach gefilterten Getreideschnaps ist vielseitiger bestückt, als in anderen Supermärkten üblich. Namen wie „Pjatch Oser“, „Putinka“ oder „Ladoga Imperial“ lassen die Herzen der Wodka-Kenner höher schlagen. Und nicht zuletzt dürfen natürlich auch frischer Kaviar oder etwas „Mischka“-Konfekt nicht fehlen. Keine Frage, Lenta ist ein waschechter russischer Supermarkt, mitten in der Messestadt.

Leipzig. Der Stadtteil Plagwitz bietet nicht nur vielen Künstlern und Kreativen jede Menge Platz zur Entfaltung. Hier betreibt die 30-jährige Lilli Schumann auch den größten russischen Supermarkt der Stadt. Auf den ersten Blick unterscheidet sich der Lenta-Markt im Stadtteil Plagwitz kaum von anderen Supermärkten. Auf 650 Quadratmeter reihen sich volle Regale aneinander.

„Wir sind schon seit sechs Jahre hier“, erklärt Lilli Schumann. Die 30-Jährige ist Geschäftsführerin des Marktes und sagt mit Stolz: „Es gibt zwar eine Menge russischer Läden in der Stadt, aber keiner ist so groß wie unserer.“ Ihre Profession hat die junge Frau praktisch von ihren Eltern geerbt. „Mein Vater hat sein erstes Geschäft bereits 1997 im Kolonnadenviertel eröffnet. Mit jedem neuen Standort wurden die Läden dann immer größer“, so Schumann. Nach ihrer Ausbildung bei einem Leipziger Fleischer bot sich der Leipzigerin 2007 auf dem Hinterhof an der Wachsmuthstraße die Chance, die elterliche Tradition um einen Supermarkt zu erweitern. Ein deutscher Discounter wollte die Räumlichkeiten abgeben und Schumann griff zu.

„Die Lage hier in Plagwitz ist ideal für uns – nicht weit entfernt von Grünau, wo viele Russen wohnen, aber auch noch in Zentrumsnähe“, sagt die junge Frau. Im Lenta – benannt nach dem russischen Wort für Fließband – gibt es heute neben typisch russischen Lebensmitteln auch frische Fisch- und Wurstwaren aus der Region, deutsche Discount-Produkte, kleine russische Andenken und Spielwaren, türkische Teppiche sowie einen russischen Schmuck-Stand. „Bei uns gibt es auch das rote 585-Gold, wie es manche vielleicht noch von früher kennen“, so Schumann, die acht Mitarbeiter beschäftigt. Genau wie ihre Chefin haben die meisten Helfer einen russischen Migrationshintergrund.

Bereits 1988, im Alter von fünf Jahren, kam Lilli Schumann mit ihren Eltern aus der Kleinstadt Prochladny vom nördlichen Kaukasusgebirge an die Pleiße. Ihre Familie gehörte in der alten Heimat zu den sogenannten Russlanddeutschen, die seit dem späten 18. Jahrhundert nach Einladung der Zaren Katharina II. und Alexander I. in Richtung Wolga und Schwarzes Meer emigrierten. Angelockt von Steuer- und Religionsfreiheit konnten sich die deutschen Kolonisten hier lange Zeit prächtig entwickeln, ehe sie nach Ende des Zarenreiches immer mehr unter Repressionen zu leiden hatten. Nach einem deutsch-sowjetischen Ausreiseabkommen in den 1970er Jahren kehrten viele der Emigrantennachkommen wieder aus Russland zurück. Leipzig erlebte vor allem in den frühen 1990er Jahren einen verstärkten Zuzug aus Richtung Wolga und Kaukasus.

Etwa 3600 ehemalige Russlanddeutsche leben heute in der Messestadt. Zusammen mit den 2300 anderen Menschen mit russischen Wurzeln bilden sie die größte Migrantengruppe an der Pleiße. „Viele wohnen in Grünau, aber auch in Lößnig, im Zentrum und im Osten der Stadt“, sagt die Lenta-Chefin. In naher Umgebung des russischen Supermarktes, in den Stadtteilen Plagwitz, Kleinzschocher oder Schleußig, gibt es dagegen bisher nur einige Dutzend Familien, welche die feilgebotenen Produkte noch von früher kennen können. Für den Supermarkt ist das kein Problem, sagt die Geschäftsführerin. „Wir haben viele Stammkunden, die aus der ganzen Stadt und sogar aus dem Umland hierher kommen. Außerdem kaufen bei uns ja nicht nur Russen ein, sondern auch Deutsche. Seit kurzem werden wir deshalb von einem deutschen Discounter beliefert“, berichtet Lilli Schumann.

Neben der integrativen Funktion ist ihr Geschäft vor allem ein wichtiger Treffpunkt für die russische Gemeinschaft in Leipzig. „Man merkt das schon, viele Kunden stehen oft noch lange vor dem Geschäft und tauschen sich aus“, so Schumann, die selbst nur noch wenig Russisch spricht, aber alles verstehen kann. „Ich bin ja hier aufgewachsen und habe heute eigentlich nur noch deutsche Freunde“, erzählt die junge Frau. Dennoch ist sie voll des Lobes für die Unterstützung der russischen Gemeinde in Leipzig. „In der Stadt wird sehr viel für Russen getan, es gibt russische Ärzte, Gelbe Seiten in russischer Sprache, viele Vereine mit Hilfeleistungen und kulturellen Angeboten“, sagt sie und fügt an: „Es ist für Russen nicht besonders schwer, sich hier zu integrieren.“

So bringt beispielsweise der Verein „Brücke der Kulturen“ eine russische Zeitung für Leipzig („Most“) heraus und lädt Kinder ins hauseigene Puppentheater „Buratino“. Das Deutsch-Russische Zentrum betreibt in Grünau die Begegnungsstätte „Gshelka“ und bietet im Haus der Demokratie Hilfe für das tägliche Leben – bei der Wohnungssuche, beim Umgang mit Behörden. „Die Probleme sind meist kaum andere, als bei Deutschen. Viele, die zu uns kommen, haben aber einfach noch mit der Sprache ihre Schwierigkeiten“, berichtet Mitarbeiterin Vera Klass, die einst aus dem sibirischen Tomsk nach Leipzig kam. Auch für die Lenta-Chefin ist die Kommunikation praktisch die einzig verbliebene Barriere zwischen den Kulturen. „Viele Russen wohnen schon lange hier und trotzdem sprechen sie fast nur Russisch, das ist schon sehr schade“, findet Lilli Schumann.

Vielleicht auch, weil mit vollem Mund Sprachbarrieren keine große Rolle spielen, lädt die 30-Jährige in regelmäßigen Abständen zum Testessen in ihren Supermarkt ein. So werden beispielsweise am 13. April wieder jede Menge russische Köstlichkeiten im Geschäft aufgetafelt. Dazu erzählt die Inhaberin Wissenswertes über Herkunft und Herstellung der Waren. „Genau genommen werden ja inzwischen alle Lebensmittel nach russischem Rezept auch hier in Deutschland hergestellt. Außer der Wodka natürlich“, sagt Schumann und lässt dann ihr Wissen über die vielseitigen Filterungsprozesse des russischen Nationalgetränks durchblitzen. Aber das ist eine Geschichte für sich.

Der Lenta-Markt im Netz: http://www.alika-leipzig.de

Matthias Puppe

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