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Von Wunden, die nicht vernarben wollen - Bombenangriff auf Leipzig jährt sich

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Diesmal war Klaus-Ewald Holst, Vorstandsvorsitzender a. D. der Verbundnetz Gas Aktiengesellschaft (VNG) zu Gast. Als er 1943 in Neustrelitz zur Welt kam, war er bereits Halbwaise: Sein Vater, ein Rechtsanwalt, war 1942 bei der Schlacht um Leningrad gefallen.

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Klaus-Ewald Holst liest aus seinem Buch "Bewegte Zeit".

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Nunmehr im (Un-)Ruhestand, hat Holst ein Buch geschrieben: "Bewegte Zeit. Ein Leben voller Energie". Ein Kapitel darin handelt von der Suche nach dem Vater.

Sein VNG-Job hatte Holst Kontakte zu belgischen Distrigas-Kollegen eingebracht, die ihm gern etwas im Lande zeigen wollten. Er entschied sich für Ypern und Langemarck. "Zwei Orte in Flandern, die für das fürchterliche Massensterben von Soldaten im ersten Weltkrieg stehen", so Holst. Und so hätten ihn die belgischen Kollegen dann auch zu diesen Soldatenfriedhöfe geführt. Am Ausgang dort habe ein Besucherbuch des VB gelegen - er notierte darin seine Eindrücke, samt Name und Adresse. Eine Info-Post vom Volksbund war die Folge. Er las sie und war "sehr davon beeindruckt, was der Volksbund ehrenamtlich alles leistet". Gern sei er daher auch der Bitte um eine Spende gefolgt. Woraufhin wieder Post kam: mit einem Gutschein über eine kostenlose Nachfrage über den Verbleib eines Angehörigen.

Da er bis dato kaum etwas über den Vater wusste, nahm er das Angebot an. "Die Antwort kam schnell", erzählte er: "Unteroffizier Ewald Holst, gefallen am 1.10.1942 bei Leningrad, begraben auf dem Friedhof Makajewskaja Pustin, Reihe X, Grab Y. Ob das Dorf noch besteht, wisse man nicht. Aber der Volksbund habe in der Gegend noch viel vor." Holst aktivierte über das deutsch-russische Ehepaar Bandlow im Moskauer VNG-Büro nun die Volksbund-Vertreter im Gebiet St. Petersburg. "Wenn sich der Volksbund entschieden hat, in einem bestimmten Gebiet tätig zu werden, schickt er zunächst einen deutschen Mitarbeiter, der mit den Behörden verhandelt, dann Menschen aus der Region einstellt und das Auffinden, Bergen und Umbetten der Toten organisiert. Ein hochsensibles Thema!", schilderte er den Werdegang. Viele würden ja "diese Form der Aufarbeitung begrüßen". "Aus Sicht manches Russen jedoch sind diese Deutschen immer noch Nachkommen von Nazis, die da kommen und sich um ihre Toten kümmern - und wer kümmert sich um die über zwanzig Millionen russischen Toten, die die Deutschen auf dem Gewissen haben?", gab er zu bedenken und zollte "all jenen große Hochachtung, die diese Aufgabe anpacken". In seinem Fall sei das in St. Petersburg dann die Familie Lemke gewesen. Lemkes und Bandlows hätten sich für ihn zu dem einstigen, längst von der Natur überwucherten Dorffriedhof Makajewskaja aufgemacht. Und seien mittels GPS-Gerät und langen Stangen, wie bei der Suche nach Lawinenopfern, fündig geworden!

Etwas später fuhr Holst selbst hin. Er wollte die Gebeine seines Vaters gern nach Deutschland überführen, in Neustrelitz neben der Mutter beisetzen. Durch den VB und mit Erlaubnis und Hilfe russischer Organisationen wurde ihm das letztlich möglich. Das Grab in Neustrelitz ergänzte die Familie inzwischen mit einer Tafel. "Er liebte Recht und Gerechtigkeit und starb doch in einem ungerechten Krieg", ist unter anderem darauf zu lesen. "Denn", so betonte Holst ausdrücklich noch mal, "wir dürfen nicht vergessen - wir Deutschen waren es, die für diesen Krieg Schuld auf sich geladen haben".

Wenn er heute spende, sagt er, dann für die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft - und den VB. Indes: Während er sich diesem verständlicherweise verbunden fühlt, fühlen sich andere ob jahrzehntelanger, unerfüllter Hoffnungen auch schon mal enttäuscht. So meldete sich eine ältere Frau verbittert zu Wort: Ihr Vater sei einst 70 Kilometer vor Warschau gefallen, dort werde nirgendwo wer vom VB gesucht. Ehe sie stirbt, hätte sie gern noch Gewissheit gehabt. Unterdessen berichtete der 72-jährige Hans-Joachim Verlohren, der mit seiner Schwester Christa Tiefenbach (78) da war: "Auch wir wussten 70 Jahre nicht, wo unser Vater begraben ist. Bekannt war nur, dass er in einem Lazarett so 60 Kilometer vor Tiflis starb. Jetzt, seit 30. Januar, wissen wir es!" Auch ihnen habe letztlich das VB-Verbindungsbüro in Moskau geholfen. Wo auch für ihn ein Russe, Viktor Wassilowitsch Muchin, die entscheidende Info recherchiert hatte.

VB-Landesgeschäftsführer Dirk Reitz nahm dann - zugegeben auch mit einem Stoßseufzer - die Worte "Geduld haben" in den Mund. "Denn immer noch - und das bleibt auch die nächsten zehn Jahre so - werden jährlich rund 40 000 Um- und Ausbettungen von Kriegssoldaten aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion und Polen durch den VB vorgenommen. 70 Prozent davon werden identifiziert. Das heißt, jährlich erfahren rund 30 000 Familien noch etwas über den Verbleib im Krieg verlorener Angehöriger", so Reitz.

iKlaus-Ewald Holst, "Bewegte Zeit - Ein Leben voller Energie", Mitteldeutscher Verlag, ISBN 978-3-95462-069-2, 24,95 Euro.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 21.02.2014

Angelika Raulien

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