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Vor einem Vierteljahrhundert: "Wir leben von Montag zu Montag"

Vor einem Vierteljahrhundert: "Wir leben von Montag zu Montag"

200.000 Menschen machten nach dem traditionellen Friedensgebet weiter mit ihrem Protest. Nun lauteten die Sprechchöre unter anderem "Egon Krenz, wir sind nicht deine Fans" und "Egon, reiß die Mauer ab".

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Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 auf dem Karl-Marx-Platz in Leipzig. (Archivfoto)

Quelle: Volkmar Heinz

Leipzig. Und auf den von Montag zu Montag mehr werdenden Transparenten war zu lesen: "Egon Krenz, mach Dir keinen Lenz", aber auch "Visafrei bis Hawaii". In der Leipziger Volkszeitung wurde freilich noch immer mit Distanz berichtet: "Viele der gerufenen Sprechchöre und der getragenen Losungen ließen kaum die Bereitschaft erkennen, an dem in Gang gekommenen offenen Dialog zu allen gesellschaftlichen Problemen sachlich und mit entsprechender Kompetenz teilzunehmen."

Einflussreiche SED-Funktionäre hatten immer noch nicht begriffen, dass ihnen die Macht verloren ging. So tat in jenen Tagen DDR-Innenminister Friedrich Dickel vor den Chefs der Bezirksbehörden der Volkspolizei kund: "Natürlich ist das im Augenblick ein Zurückweichen, aber ich sage euch noch einmal, bei Größenordnungen von 20-, 30-, 80- oder gar 100.000 ist gar nichts anderes möglich. Am Montag ist das gleiche wieder in Leipzig, das geht jetzt schon wochenlang so, und wir schlagen uns hier die Nächte um die Ohren. Soll ich Ihnen sagen, dass ich im Schnitt vier Stunden schlafe, mehr nicht. Ich würde am liebsten hingehen und diese Halunken zusammenschlagen, dass ihnen keine Jacke mehr passt."

Dickels kurze Nächte störten Leipzigs Demonstranten so wenig wie die Meinung von Major Helmut Blüschke, 1989 oberster Verkehrspolizist der Stadt. Der hatte im LVZ-Interview die "Blockierung des Rings" kritisiert: "Ich meine, es ist ein Widerspruch, auf Transparenten Freiheit und Gesetzlichkeit zu fordern und durch eigenes Verhalten die Freizügigkeit anderer zu behindern und Gesetze wie die Straßenverkehrsordnung zu verletzen."

Die Straße gehörte auch am 23. Oktober dem Volk. Maler Werner Tübke, am 23. Oktober zu einem Gespräch bei Gewandhauskapellmeister Kurt Masur, erlebte die Demonstration mit Blick auf den Augustusplatz. Tübke war ergriffen, sprach "von einem Bild", das gemalt werden müsste und sah Menschen, die sich nicht wie am 1. Mai unbeteiligt treiben ließen: "Diese Menschen hier waren freiwillig gekommen. Etwas ging in diesen Leuten vor."

Zu dieser Einsicht kam man nach der machtvollen und erneut friedlichen Demonstration am 23. Oktober selbst bei der SED-Bezirksleitung Leipzig. Deren amtierender Chef Helmut Hackenberg erklärte (nachzulesen im Buch "Freunde und Feinde", erschienen 1994 bei der Evangelischen Verlagsanstalt) auf der Bezirksleitungssitzung am 24. Oktober: "Wir leben von Montag zu Montag - Wenn ihr so wollt, das sage ich hier ganz offen, sind wir auch nicht in der Lage zu sagen, wie wir den Montag verhindern können. Wenn wir das gekonnt hätten, dann hätten wir das schon zehnmal gemacht - Wir spüren selber, dass uns der Dialog auseinanderläuft."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 23.10.2014

Thomas Mayer

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