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„Wachschutz ist noch immer ein Dumpingpreis-Geschäft“

Leipziger Unternehmer kritisiert „Wachschutz ist noch immer ein Dumpingpreis-Geschäft“

Am Mittwoch feiert der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW) in Mitteldeutschland 25. Geburtstag. Der Chef der Sächsischen Wach- und Schliessgesellschaft mbH in Leipzig, Gilbert Balke, über Zusammenarbeit mit der Polizei, Lohnpolitik, gnadenlosen Wettbewerb und schwarze Schafe in der Branche.

Unternehmer Gilbert Balke drängt darauf, dass Mitarbeiter von Sicherheitsunternehmen in regelmäßigen Abständen überprüft werden.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig. Der Leipziger Unternehmer Gilbert Balke (63) ist Vize-Landeschef des Bundesverbandes der Sicherheitswirtschaft in Sachsen und Geschäftsführer der Vereinigte Sicherheitsunternehmen (VSU) Sächsische Wach- und Schliessgesellschaft mbH in Leipzig. Im Interview spricht er über Zusammenarbeit mit der Polizei, Lohnpolitik, gnadenlosen Wettbewerb und schwarze Schafe in der Branche.

Der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft in Mitteldeutschland wird in diesem Jahr 25. Was fällt Ihnen dazu spontan ein?

Wir haben dafür gesorgt, dass unsere Mitarbeiter einen ordentlichen Tarifvertrag und eine ebensolche Entlohnung erhalten. Auch Mitarbeiter von Unternehmen, die nicht zum Verband gehören, stehen diese Löhne rechtsverbindlich zu, weil durch das Sächsische Wirtschaftsministerium die Tarifverträge für allgemeinverbindlich erklärt wurden. Ich hoffe, dass uns der Zoll bei der Durchsetzung der Einhaltung der Tarifverträge mit regelmäßigen Kontrollen unterstützt.

Was noch?

Wir waren der erste Verband, der mit dem Sächsischen Staatsministerium des Inneren eine Sicherheitspartnerschaft im Rahmen der Zusammenarbeit mit der Polizei abgeschlossen hat.

Was beinhaltet die?

In jedem ehemaligen Regierungsbezirk - also Leipzig, Dresden und Chemnitz - gibt es seitens der Landesgruppenmitglieder einen Ansprechpartner für die Polizeidirektionen, der alle Informationen der Sicherheitsunternehmen im Territorium bündelt und weitergibt.

Was muss man sich da vorstellen?

Das sind zuerst sicherheitsrelevante Informationen wie beispielsweise Körperverletzungen, Diebstähle Sachbeschädigungen, Graffiti sowie Gefahren im Bereich der öffentlichen Sicherheit und Ordnung. Aber auch wenn Ampeln ausgefallen sind, eine Mülltonne brennt oder Gullydeckel fehlt, wird das weitergeleitet.

Funktioniert das auch umgekehrt?

Ja, wir bekommen von den Führungs- und Lagezentren der Polizei Informationen zu aktuellen Personen- und Sachfahndungen, zur Lage bei besonderen Veranstaltungen und zu sonstigen sicherheitsrelevante Fakten.

Nun wird diese Partnerschaft am 12. Mai auf der Jahresmitgliederversammlung in Dresden in eine neue Form gebracht. Warum?

Wir haben die Kriterien für Unternehmen, die mit der Polizei zusammenarbeiten, überarbeitet und erhöht. Es kann nicht einfach jeder mitmachen. Die Unternehmen brauchen eine Qualifikation.

Mit welchen Kriterien?

Zum Beispiel ist eine Mitgliedschaft im Verband erforderlich. Und laut Verbandsordnung lehnen Mitgliedsunternehmen jede Form des politischen Extremismus ab und distanzieren sich von Diskriminierung. Das ist vor allem im Zusammenhang mit Erstaufnahmeheimen und Flüchtlingsunterkünften wichtig. Die Unternehmen verpflichten sich weiterhin, die geltenden Lohn- und Manteltarifverträge einzuhalten. Sie weisen ein Qualitätsmanagementsystem nach DIN-Norm nach, qualifizieren ihre Mitarbeiter, haben ihren Firmensitz in Deutschland und unterhalten eine ständig besetzte Notruf- und Serviceleitstelle in Deutschland.

Das war bisher nicht so?

Diese Gütekriterien gab es bisher nicht in dem Umfang.

Wie viele Mitglieder umfasst der BDSW in Mitteldeutschland?

Unser Arbeitgeberverband hat derzeit 61 Mitglieder und damit mit Abstand die meisten in Mitteldeutschland. Insgesamt sind in Sachsen 220 Unternehmen mit 11 900 Beschäftigten tätig, die Sicherheitsdienstleistungen erbringen. Der Gesamtumsatz in Sachsen beträgt rund 220 Millionen Euro.

 Vor welche Probleme hat der Mindestlohn die Branche gestellt?

Wir haben uns sehr zeitig auf den Mindestlohn eingestellt. Die Tarifverträge für 2015 und 2016 beinhalten Löhne über dem Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde. Wir hatten 2015 einen Tariflohn von 8,80 Euro. In diesem Jahr ist er auf 9 Euro gestiegen. Nicht zuletzt, weil die Anforderungen an die Mitarbeiter im Sicherheitsgewerbe immens gestiegen sind.

Wodurch?

Viele glauben, unsere Mitarbeiter sind Pförtner, die sich den Ausweis zeigen lassen und für das Öffnen der Schranke zuständig sind. Tatsächlich jedoch sind sie verantwortlich in einem Bereich, in dem alle technischen Systeme des jeweiligen Unternehmens gebündelt werden. Ein Beispiel: In einer Gießerei müssen die Sicherheitsmitarbeiter auch außerhalb der Arbeitszeit der Beschäftigten des Unternehmens alle Prozesse, die über technische Systeme und Computer einlaufen, kontrollieren und überwachen. Das schließt ein, dass bei Fehlern im System wichtige, unaufschiebbare Entscheidungen getroffen werden müssen - ein völlig neues Berufsbild.

Welche Folgen hat das für die Qualifikation der Mitarbeiter?

Wir bilden seit 2002 Azubis aus. Da gibt es die Servicekraft für Schutz und Sicherheit mit zwei Jahren Ausbildung und die Fachkraft für Schutz und Sicherheit mit drei Jahren Ausbildung, die zusätzlich eine Vermittlung von kaufmännischen Kenntnissen einschließt. Das Problem besteht aber darin, dass diese Qualifikationen von potenziellen Auftraggebern am Markt nicht nachgefragt werden.

Wieso?

Die Löhne für diese Fachkräfte liegen in einem höheren Tarif, was einen höheren Preis nach sich zieht. Bei vielen Ausschreibungen ist jedoch der niedrigste Preis Vergabekriterium. Wir versuchen diese ehemaligen Azubis intern – zum Beispiel in der Notruf- und Serviceleitstelle oder auch im mittleren Management – zu beschäftigen.

Sicherheit ist also nach wie vor ein Dumpinggeschäft?

Ja, es ist ein Preisdumpinggeschäft. Insbesondere öffentliche Auftraggeber drücken gern auf den Preis. 80 Prozent unserer Auftraggeber rekrutieren sich aus der öffentlichen Hand. Leider haben wir in Mitteldeutschland nicht die Industrie wie in Bayern oder Baden-Württemberg. Die öffentliche Hand aber ist kompromisslos. Deshalb war es auch schwer, für die aus dem Mindestlohn resultierenden Preisanpassungen immer das Verständnis zu finden.

Das haben Sie jetzt hinter sich.

Ja, das wird aber auch in den nächsten Jahren ein schwerer Kampf bleiben, da wir weitere Tariferhöhungen planen. Wir müssen den Mitarbeitern etwas bieten, wenn wir entsprechende Qualitätsstandards durchsetzen wollen.

Ist das nicht ein wenig scheinheilig, wenn Politiker einerseits den Mindestlohn einfordern und andererseits auf den Preis drücken, wenn es um konkrete Ausschreibungen geht?

Das ist scheinheilig. Bei einer Ausschreibung werden hohe Anforderungen gestellt. Aber den Auftrag bekommt am Ende nicht der, der die Qualifikationsnormen erfüllt, sondern der, der den niedrigsten Preis aufruft. Dabei sind 90 Prozent unseres Preises Lohn und Lohn gebundene Kosten. Was dann noch an Marge übrig bleibt, ist sehr, sehr gering.

Schreckt das den Nachwuchs ab?

Zurzeit haben wir genügend Bewerbungen von Schulabgängern. Aber fader Beigeschmack: Es kommen nicht die Besten, sondern die, die woanders keine Lehrstelle bekommen. Die wenigsten haben ein Zeugnis, mit dem man Nachwuchs im mittleren Managementbereich rekrutieren kann.

Wie wirkt sich das aus?

Eigentlich wollen wir uns keine Beschäftigten von außen holen, die die Einsatzplanung und die Betreuung der Objekte steuern. Wir setzen auf Mitarbeiter, die schon in der Branche beziehungsweise lange bei uns tätig waren.

Melden bei diesem Marktumfeld noch immer viele Firmen Insolvenz an?

Das hält sich in Grenzen, aber man muss wissen das es sich bei den 220 Unternehmen auch um eine Reihe von Ein-Mann-Firmen handelt, die sich an der Grenze zur Scheinselbstständigkeit bewegen oder solche, die gar keine Aufträge haben und ihre Leistungen als Subunternehmer anbieten.

Oft werden in der öffentlichen Meinung Wachschützer mit der rechten Szene oder mit der Türsteherszene in Verbindung gebracht. Was ist da dran?

Das kommt immer auf das Unternehmen an und darauf, wie das Personal ausgewählt wird. Wir sind seit Jahren Auftragnehmer der Stadt Leipzig für Flüchtlingsunterkünfte, lange bevor es den großen Ansturm von Flüchtlingen gab. Unsere Mitarbeiter, die in Flüchtlingsheimen eingesetzt sind, leisten eine hervorragende Arbeit. Wir haben zum Beispiel auch einen ehemaligen Lehrer als Aushilfskraft, der – wenn es die Zeit erlaubt - die Flüchtlinge auch mal einige Worte Deutsch lehrt.

Wie wählen Sie Ihre Mitarbeiter aus?

Wir achten darauf, dass Mitarbeiter - wie es der Gesetzgeber fordert - vor ihrer Einstellung überprüft werden und lassen uns die Einstellung von der Ordnungsbehörde bestätigen. Wir wissen aber auch: Es gibt schwarze Schafe in der Branche, wo das nicht passiert. Das Leipziger Ordnungsamt kontrolliert deshalb die Unternehmen regelmäßig. In anderen Städten ist das nicht immer so.

Welche Folgen hat das?

Da werden zum Beispiel Unternehmen mit Bewachungsaufgaben in Flüchtlingsunterkünften betraut, die eigentlich ihren Schwerpunkt auf dem Gebiet der Eventsicherheit haben. Weil diese Firmen nicht über die entsprechenden Mitarbeiter verfügen, binden sie Subunternehmer, bei denen sie nicht wissen, wer sich hinter deren Mitarbeitern verbirgt.

Hat Ihr Verband Einfluss genommen auf das Sicherheitskonzept für Flüchtlingswohnheime?

Ja, der Verband hat mitgewirkt am Rahmensicherheitskonzept für Erstaufnahmeeinrichtungen des Sächsischen Innenministeriums.

Derzeit wird ein Gesetzentwurf zur Änderung bewachungsrechtlicher Vorschriften diskutiert. Was beinhaltet der?

Darin sind die Anforderungen für jemanden, der ein Sicherheitsunternehmen gründet, und für dessen Mitarbeiter definiert und erweitert worden. Bisher konnte man ein Sicherheitsunternehmen gründen, wenn man sich 80 Stunden auf die Schulbank setzte und erklären ließ, welche Gesetze zu beachten sind. Künftig muss man eine Prüfung ablegen. Außerdem soll gesetzlich geregelt werden, dass Mitarbeiter in Sicherheitsunternehmen alle drei Jahre hinsichtlich ihrer Zuverlässigkeit überprüft werden können. Auch die Anforderungen an die Qualifikation und damit die Zugangsvoraussetzungen für die Branche werden erhöht.

Von Roland Herold

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