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Wächterhäuser aus Leipzig werden zum Exportschlager

Ost- und Südeuropa Wächterhäuser aus Leipzig werden zum Exportschlager

Menschen mit wenig Geld passen auf leerstehende Gebäude auf: Mit den Leipziger Wächterhäusern wird der Verfall von ungenutzten Immobilien in der Stadt gestoppt. Nun entwickelt sich die Initiative zum Exportschlager für Ost- und Südeuropa.

Fritjof Mothes (l) und Tim Tröger neben einem Wächterhaus.

Quelle: Jan Woitas

Leipzig. Es ist seit mehr als zehn Jahren ein erfolgreiches Konzept in Leipzig: Mit der sogenannten Wächterhausinitiative sind viele leerstehende Eckhäuser wieder bewohnt und vor dem Verfall gerettet worden. Kreative, Künstler und Handwerker oder einfach Menschen mit wenig Geld passen dabei für eine niedrige Miete gewissermaßen auf leerstehende Immobilien auf. Kleineren Städten in Ost- und Südeuropa dient das Wächterhauskonzept nun als Blaupause. 

Für alle Beteiligten sei das gewinnbringend, sagt Mitbegründer Fritjof Mothes. Zum einen für die Eigentümer, die trotz des schlechten Zustands der Gebäude wieder Mieten bekämen. Zum anderen für die Bewohner, die „Wächter“, die vorübergehend für wenig Geld und mit viel Raum für kreative Gestaltungsmöglichkeiten wohnen können. 

Interesse in Estland

Jetzt machen die Leipziger Wächterhäuser in Europa Schule: Mitte Juni folgt Mothes einer Einladung des Goethe-Instituts nach Tallinn in Estland. Die Stadt ist 2007 aufgrund ihrer mittelalterlichen Architektur zum Weltkulturerbe ernannt worden. „Das schützt sie aber nicht vor dem Ausbluten. Immer mehr Einwohner verlassen Tallinn“, sagt Eva Marquardt, Leiterin des dortigen Goethe-Instituts. Mit dem Wächterhauskonzept, so hofft sie, könnte auch die estnische Hauptstadt die Kreativen halten und alte Bausubstanz retten. 

Als die Stadtplaner Mothes und Tim Tröger mit ihrem Verein „Haushalten“ vor mehr als zehn Jahren das erste Wächterhaus ins Leben gerufen haben, hatte Leipzig mit akutem Leerstand zu kämpfen. Seit dem Mauerfall verlor die Stadt bis Ende der 1990er Jahre knapp 20 Prozent ihrer Einwohner. Die Wirtschaft stagnierte, Leipzig blutete aus und die alte Gründerzeitarchitektur verfiel zusehends. Manchem Eigentümer war eine Sanierung schlicht zu teuer. Sie ließen Wächter einziehen - für einen begrenzten Zeitraum. Auch kleinere Städte in Portugal und die russische Hauptstadt Moskau haben nach Angaben der Initiative bereits Modelle entwickelt, die vom Leipziger Konzept inspiriert seien. 

Inzwischen hat sich die Stadt vom einstigen Image der „Hauptstadt des Leerstands“ schon lange befreit. Mit einem Zuzug von rund 10.000 Menschen jährlich gilt Leipzig als schnellstwachsende Stadt in Ostdeutschland. Der mediale Rummel um „Hypezig“ hat diesen rasanten Wandel in Leipzig beschrieben und gleichzeitig befeuert. Hat sich das Konzept der Wächterhäuser durch die Gentrifizierung überlebt? Nein, meinen die beiden Stadtplaner Mothes und Tröger. „Auch eine wirtschaftlich dynamische Stadt ist stets im Wandel begriffen. Da gibt es immer Leerstand und es ist besser, diesen zu nutzen“, sagt Tröger.

Angst vor steigenden Mieten

Im vergangenen Jahr hat „HausHalten e.V.“ ein neues Wächterhaus im Stadtteil Schönefeld eröffnet, der bislang nicht im Verdacht steht, trendig zu sein. Indes haben in Leipzig immer mehr Alteingesessene Angst vor dem Boom und den steigenden Mieten. Mothes und Tröger wissen um die Probleme der Gentrifizierung in vielen zentralen Stadtteilen. Doch die Verdrängung alteingesessener Bewohnerschaft sei kein Problem der ganzen Stadt. „Wir wünschen uns einen differenzierteren Blick. Oft geht es eher um das Luxusproblem, dass die Leute nicht überall die Lieblingswohnung zum Schnäppchenpreis finden“, sagt Mothes. 

Dem Vorwurf, dass Eigentümer die Wächter nur für ein paar Jahre ausnutzen und dann die Häuser gewinnbringend verkaufen würden, widersprechen die Stadtplaner: „Die Wächter wissen von Anfang an, dass sie die Gebäude nur für eine begrenzte Zeit nutzen können. Deshalb sind sie aber keine Opfer des Kapitalismus.“ Für einige Wächter seien die Projekte auch ein Sprungbrett gewesen. Aus jungen Kreativen sind Jungunternehmer geworden. Mit ihren Ideen bereicherten sie noch heute die Stadt.

Jenny Barke

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