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Wagenburg in Leipzig-Plagwitz: Tauziehen um ein bisschen Freiheit

Wagenburg in Leipzig-Plagwitz: Tauziehen um ein bisschen Freiheit

In der Kontroverse zwischen den Wagen-Bewohnern und der Stadt spielen beide Seiten neuerdings am Karl-Heine-Kanal Fangen miteinander. Die mobile Burg unter der Selbstbezeichnung „jetze Wagenplätze" ist auf einen dünnen Streifen neben dem Jahrtausendfeld ausgewichen – und hier vorerst bis zum nächsten Frühjahr toleriert.

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Viele Bewohner der Wagenburg an der Karl-Heine-Straße haben sich bewusst für diese Lebensform entschieden.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Ein Besuch bei den Leuten, die sich bewusst für die ungewöhnliche Lebensform entschlossen haben.

Der Grat ist schmal, auf den sich Wagenburg-Bewohner und Verwaltung im Grenzgebiet zwischen Plagwitz und Lindenau übergangsweise verständigt haben. Etwa zehn Meter breit und 50 Meter lang. Auf dem Weg von der Aurelien- bis zur Karl-Heine-Straße entlang des Kanals kurvt ein Radfahrer um die zu Wohnräumen aufgemöbelten Bau- und Lastvehikel, wird von einem Hund angebellt. „Da können Sie ruhig durchfahren", wird dem Passanten zugerufen, der sich ungläubig umsieht. Die Stimme nennt sich Jan, zählt 28 Jahre und hat sich bewusst für diese „andere Wohnform" entschieden. So wie die rund 20 weiteren Wagen-Bewohner hier.

Mit wirklichen Namen und Gesichtern wollen Jan und Konvoi nicht in der Öffentlichkeit stehen. Nicht, solange die finale Einigung mit der Stadt über das Areal noch aussteht. „Die Verhandlungen sind ein bisschen schleppend", erklärt Jan, „hier sind wir jetzt mündlich geduldet." Das war die Wagenburg zuvor schon auf einer Fläche zwischen Gießer- und Naumburgerstraße. Bis die Duldung der Stadt ein Ende hatte, die Gruppe umsiedeln musste.

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Leipzig. In der Kontroverse zwischen den Wagen-Bewohnern und der Stadt spielen beide Seiten neuerdings am Karl-Heine-Kanal Fangen miteinander. Die mobile Burg unter der Selbstbezeichnung „jetze Wagenplätze" ist auf einen dünnen Streifen neben dem Jahrtausendfeld ausgewichen – und hier vorerst bis zum nächsten Frühjahr toleriert. Ein Besuch bei den Leuten, die sich bewusst für die ungewöhnliche Lebensform entschlossen haben.

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Vor Kurzem schlug am Karl-Heine-Kanal nun ein Herr aus dem Liegenschaftsamt auf, wie die Leute von „jetze Wagenplätze" im Internet dokumentieren. Für den dünnen Streifen öffentlichen Eigentums „soll es einen Überlassungsvertrag geben", ergänzt Jan. Die Stadt bestätigt auf Anfrage, dass es Gespräche gebe. Allerdings über einen befristeten „Zwischennutzungsvertrag". Auf ein genaues Datum haben sich die Beteiligten offenbar noch nicht geeinigt. Die Frist soll laut Verwaltung jedenfalls bis Frühjahr 2013 laufen.

„Die Leute von den Ämter handeln sehr bürokratisch", sinniert Jan. Er habe allerdings das Gefühl, dass auch die Behörden eine konstruktive Lösung anstreben. „Es wird noch mal eine Auseinandersetzung geben", ist er sich sicher. Ihm und seinen Wagen-Mitbewohnern schwebt ohnehin vor, dass sich alle Akteure an einen Runden Tisch setzen, um die Sache zu klären. „Das ist nach wie vor unsere Forderung."

Wagen-Bewohner fühlen sich an den Rand gedrängt

Während die Verwaltung wohl noch nicht so richtig weiß wohin mit „jetze Wagenplätze", wissen die Bewohner umso besser Bescheid. „Wir hätten gerne so schnell wie möglich einen Platz, an dem wir dauerhaft bleiben können", hält Jan fest. Ob der Troß denn letztlich auch bereit wäre, so etwas wie Miete für eine Stellfläche zu bezahlen? „Ausgeschlossen ist das nicht, aber das werden wir dann sehen." Beim Thema Miete gingen die Meinungen unter den Wagen-Bewohnern selbst auseinander.

Bis ein Weg gefunden ist, tragen die Transparente der Wagenburg am Jahrtausendfeld ihre eigene Handschrift. „Miethaie zu Fischstäbchen", „Mehr Wagenplätze in Leipzig und überall", und „Wenn wir groß sind, wollen wir auch Spießer werden", liest sich da. Das Viertel habe in jüngster Zeit einen krassen Mietschub erfahren, „dadurch entsteht eine Entmischung", kommentiert Jan. Wagenplätze würden zunehmend in die Außenbezirke gedrängt. „Damit sind wir nicht einverstanden. Auch Menschen mit weniger Einkommen sollten in der Stadt leben dürfen", gibt sich Jan überzeugt.

Vielleicht ist es die Ironie der Selbstdarstellung, dass manche Menschen – wie Jan weiß – ihn und seine Mitbewohner für Arbeits- und Obdachlose halten. „Das ist nicht der Fall, wir haben das frei gewählt", betont der studierte Elektrotechniker, der einem geregelten Job nachgeht. „Das Leben ist einfach ein bisschen anders, als in einer normalen Mietwohnung", ergänzt er, „man lebt mehr mit den Jahreszeiten."

Mehr oder weniger freiwillig leben die Anlieger am Karl-Heine-Kanal mit den neuen Nachbarn. Jan zufolge funktioniert das Miteinander gut. Sein bestes Beispiel: „Bei einem Anwohner können wir eine Toilette mitbenutzen." Anscheinend stoßen die Wagen-Bewohner aber nicht überall auf Gegenliebe. An zwei Abenden in Folge wurden kürzlich die Info-Wände von „jetze Wagenplätze" demoliert. Jan geht davon aus, dass der Zerstörungsanfall „mehr allgemeinem Rowdytum" denn politischen Motiven entspringt. „Solange wir den Durchgang passierbar lassen, bleibt der Frieden erhalten."

Freie Flächen für Wagen-Plätze in Leipzig schrumpfen

Während Leipzigs Einwohnerzahl momentan stetig wächst, verschwinden sukzessive freie Areale für Wagenburgen. „Wir rechnen für dieses Jahr mit zirka 10 000 Zuzügen von Außerhalb", erklärt Dieter Rink vom Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ). „Der Leerstand und die Brachflächen werden weniger." Folglich nehmen Wagen-Bewohner wie in Plagwitz Umsiedlungen als Repression wahr. „Der Verdrängungsdruck hat zugenommen", stellt der Stadtsoziologe fest. Seine UFZ-Kollegen zählen in aktuellen Erhebungen noch rund 2000 Freiflächen im Stadtgebiet, überwiegend Industrie- und Gewerbebrachen.

Zusammen mit dem Standort zwischen Karl-Heine-Kanal und Jahrtausendfeld gibt es nach Angaben von UFZ und Stadtverwaltung derzeit insgesamt fünf besetzte Wagenplätze in Leipzig. Zwei stehen auf städtischen Flächen in der Fockestraße (Südvorstadt) sowie in Großzschocher. Hinzu kommen zwei weitere Wagenburgen auf privaten Arealen. Rink bezeichnet die Besetzung von Wagenplätzen als „eine Form des Lebens von Aussteigern in der Nähe zu alternativen Szenen." Das Leben auf solchen Plätzen stelle einen allgemeinen Trend dar, der zwar überschaubar bleiben, aber zugleich anhalten werde.

Felix Kretz

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