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Wanderexperiment: In 24 Stunden ringsum Leipzig

Entlang der Stadtgrenze Wanderexperiment: In 24 Stunden ringsum Leipzig

Ihre Premiere erlebte die Wanderung „Rund um Leipzig in 24 Stunden“. Über etwa 80 Kilometer ging es auf dem Leipziger Rundwanderweg, den Jürgen Lorenz geschaffen hat, von Markkleeberg im Uhrzeigersinn quasi entlang der Stadtgrenze.

Klaus SIebeneichner gibt den Startschuss.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig. Eine enthusiastische Gruppe versuchte, den kompletten Wanderweg innerhalb der vorgegebenen Zeit zu schaffen, wobei rund 18 Stunden in Bewegung und sechs Stunden unterschiedlich lange Ruhephasen geplant waren. Das Experiment gelang, auch wenn der Plan nicht aufging.

16 Uhr, Markkleeberg: Ein gutes Dutzend Enthusiasten versammelt sich in der Großen Kreisstadt. In einem Ritt soll der 1999 von Jürgen Lorenz (76) entwickelte Leipziger Rundwanderweg bezwungen werden. Nicht nur Mitglieder der Markkleeberger Wandergruppe „Kleeblatt“ haben Schuhe und Rucksack geschnürt. „Unser Ziel lautet: 80 Kilometer in 24 Stunden. Also, langsam laufen, um durchzuhalten. Wir müssen uns gegenseitig helfen, auch moralisch“, schwört Flohr (69) die Truppe ein. Ihrem Mann sei die Idee in einer schlaflosen Vollmondnacht gekommen, verrät Ehefrau Sigrid Flohr, die als eine der vielen unentbehrlichen Helfer mit Herz an der Strecke steht. Gleich geht’s los: 18 Stunden Bewegung plus sechs Stunden Ruhephasen.

17 Uhr, Adlertor: Am Eingang zum Kees’schen Park gibt Klaus Siebeneichner den Startschuss. Der Präsident des Vereins Leipziger Wanderer, der rund 750 Mitglieder zählt, will nicht fehlen. „Als Genusswanderer hört für mich der Spaß aber nach 20 Kilometern auf“, räumt er ein. Sein Auto warte in Lützschena. Durchhalten wollen Bernd Schumacher aus Schönau und Friedrich Oppel aus Leutzsch. Siglinde Schumacher und Helga Oppel drücken die Daumen.„Ich will mal sehen, was geht. Bisher waren 50 Kilometer mein Maximum“, sagt Schumacher. Der 68-Jährige wandert seit zehn Jahren. „Seit Ende der Arbeit, vor allem wegen der sozialen Kontakte“, erklärt der Flugzeug-Experte, der einst weltweit auf Montage war, um die riesigen Vögel flugtüchtig zu machen. „Jetzt erkunde ich also das Gelände in der Nähe.“ Im Uhrzeigersinn geht es auf der rotweißen Wandertour entlang der Stadtgrenze. Start ist auf sechs Uhr.

 
18.50 Uhr, Berufsbildungswerk Knauthain: Acht Kilometer sind absolviert. Mit forschem Schritt strebt der Pulk gen Lausen. Halt, halt! Jetzt sieht der akribische Streckenplan doch erst den Abmarsch von der Knauthainer Mühle vor. Doch dort sind längst die Gläser im Spüler. „Die Erfrischung war gut, aber das Tempo zu hoch“, räumt Flohr entschuldigend ein. Rote Limo hatten Constanze Woigk und Frank Steinmeyer für die Wanderer kaltgestellt. „Unter Sportlern hilft man gerne, ohne Helfer geht es nicht“, betont sie. Die zu Wohnungen umgebaute frühere Weizenmühle verblüfft. „Die kannte ich gar nicht“, sagt Martina Krause (66) aus Lindenthal wie viele andere. Große Augen auch am BBW, wo unter anderen Reinhard Reding, Ex-Berufsschullehrer aus Lützen, zur Truppe stößt. Für 16 Kilometer will er am Experiment teilnehmen und freut sich „auf den Sonnenuntergang am Kulki“. Noch schnell ein Hallo zu den Schülern, die vorm Haus Spaghetti mit Tomatensoße essen. Und dann bloß den Anschluss nicht verpassen. Dass die Wanderer Leipzig umrunden, lässt die Jugendlichen staunen. „Zehn Kilometer. Vielleicht. Aber 80, nö, nö!“ Da sind sich die Jungs und Mädels aus ganz Deutschland, die zu Beginn der berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme gerade auf Tuchfühlung gehen, einig. Die Wandersleut’ eilen gen Westen.

21 Uhr, Kulkwitzer See: Bei Kilometer 18 ist die Gruppe weiter ihrem Zeitplan voraus. Vor der Schiffsgaststätte begeistert der Sonnenuntergang. Ah, deshalb die Eile! Als 20.40 Uhr Lady Sunshine vor Markranstädt im See versinkt, guckt Mister Moon aus Grünau schon mal über die Büsche, ob denn sein spektakulärer Auftritt auch bemerkt wird. Wird er, denn unter Anleitung von Andreas Meyer (73) wird das Himmelszelt längst abgeschritten. Der gebürtige Eythraer und frühere Chef des Astronomischen Zentrums Schkeuditz hat sich mit Ehefrau Gabriele (70) eingereiht und bereichert die Tour nicht zuletzt mit seinem Fingerzeig auf die Raumstation ISS, die hoch oben den Weg der Wanderer kreuzt. Bei solch himmlischem Genuss soll auch das irdische Wohl nicht zu kurz kommen, sagten sich Sigrid und Jürgen Rosenkranz. Sowohl fürs Abendbrot beim Abendrot als auch zur Rast im Kerzenschein am Fuße des Rückmarsdorfer Wachbergs reichen sie Speis und Trank. „Auf unsere Kosten, Ehrensache“, sagen die Markranstädter und beladen rasch ihr Auto mit Tischen, Stühlen und Proviant, um rechtzeitig vor Ort zu sein.

0.45 Uhr, Auwaldstation Lützschena: 30 Kilometer sind geschafft. Viele kleine Lichtpunkte hüpfen durchs Schwarz der Nacht. Alles schweigt. Dabei hat Flohr doch angekündigt: „Zwischen drei und vier werden Wanderer einsilbig.“ In der Auwaldstation, die Vorstand Ulrich Breitenstein (75) für seine Wanderfreunde als Nachtlager öffnet, kommen nach und nach alle an – und zur Ruhe. „Die Zeit tötet“, murrt Thomas Purcz aus Wiederitzsch. Der 56-Jährige mag keine langen Pausen. „Ja, das ist ein kritischer Punkt, wenn du dann aufstehst“, pflichtet ihm der Gefolgsmann mit Hut bei. Während einige die Füße hoch und andere sich auf Bänken niederlegen, löffeln manche warme Nudelsuppe. Breitenstein lockt geheimnisvoll vors Haus. „Dort oben, da soll eine Plattform entstehen, wo etwa 20 Leute noch besser die Natur beobachten können“, verrät er. „Das weiß noch keiner.“ Im Moment überstrahlt der helle Vollmond jedoch die Vision. Während der übrigens seinen Zenit erreicht, klettern an Leipzigs Tankstellen auch die Benzinpreise in die Höhe. Um zehn Cent – einfach so. Spricht man etwa deshalb von Mondpreisen? Es ist 2 Uhr. Das Thermometer zeigt 16,5 Grad Celsius. 50 Kilometer stehen noch bevor. Der Tag soll heiß werden.

12.25 Uhr, Stadtgut Mölkau: Das längste Stück liegt hinter der Gruppe. Immer wieder gibt es herzliche Begegnungen und köstliche Bewirtungen am Wegesrand. Wie in Wiederitzsch, wo die Großeltern von Alexander Weber gegen 5 Uhr den ersten Snack am Morgen bereithalten. Der 20-Jährige ist der Jüngste im Bunde. „Ich hab beim Mittag gehört, was sie planen und dachte, da geh ich doch mit“, erzählt der Leistungssportler und Absolvent des Leipziger Sportgymnasiums. Weil der Zweier-Canadier nicht mehr olympisch ist, habe er zum Skilanglauf gewechselt und trainiert nun in Oberwiesenthal. „Ganz ohne Geld geht es im Sport eben nicht“, sagt der Athlet, lobt die schöne Route und zollt allen Teilnehmern großen Respekt. „Ich sollte es schaffen, aber viele sind um die 70.“ Nach 65 Kilometern heißt fröhlicher Applaus die Akteure dann auf dem Gutshof willkommen. „Greift zu, stärkt euch!“, ermuntert Wilfried Wesener die Ankömmlinge. Der 61-Jährige ist mit zehn Mitgliedern der Wandergruppe Bad Lausick per Zug angereist, um ein Stück mitzugehen und eine herzhafte Wegzehrung mit Semmeln, Bouletten und sauren Gurken zu servieren. Sieglinge Simon aus Geithain hat extra ihren Enkeltag platzen lassen. „Es ist doch toll, dass hier wieder an den schönen Leipziger Rundwanderweg erinnert wird“, lobt jemand. Annett (42) und Daniel (41) Rothe sind in Taucha aus- und ins Auto umgestiegen. „Wolfgang hat uns trotz unseres Handicaps immer Mut gemacht, meinte, wir könnten mehr“, sagen die beiden stark Sehbehinderten. „Das Tolle ist, wir gehörten sofort zur Gruppe, werden nicht in Watte gepackt. Jeder hilft jedem“, lobt Daniel. „Zuletzt dachte ich aber bei jedem Schritt, jemand sticht mir ins Knie.“ Christel Würker (69) reiht sich erst ein. „Seit unser Hund nicht mehr ist, sind wir unabhängig“, erzählt die Meusdorferin, die mit Ehemann Siegfried(73) nun im Verein wandert. „Die nächste Etappe führt unter den Kirschbaum in unserem Garten.“ Streusel-, Kirschkuchen und Bienenstich habe sie gebacken und für 30 Leute eingedeckt. Während sie von der Bewegung und Begegnungen an frischer Luft schwärmt, verschwindet ihr Mann – zum Kaffeekochen am Kilometer 70.

17 Uhr, Markkleeberg: Nach und nach trudeln alle bei Flohrs im Garten ein. Kein großes Hallo, aber ausnahmslos erschöpfte, glückliche und zufriedene Gesichter, als Wolfgang Flohr – den bei Kilometer 70 der Kreislauf stoppte – verkündet: „Das Experiment ist geglückt!“ Elf Wanderer haben auf exakt 84,7 Kilometern Leipzig umrundet. Viele unterstützen mit einer Gastrolle auf kürzeren Etappen das Projekt. „Ich bin überwältigt und baff, wie schnell der Funke dieser Idee übersprang. Die Truppe war kameradschaftlich beisammen und die Verpflegung durch unsere vielen Helfer mit Herz einfach überwältigend!“

Von Cornelia Lachmann

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