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Lokales Was Schallplatten, moderne Pflüge oder Airbus-Jets mit Leipzig zu tun haben
Leipzig Lokales Was Schallplatten, moderne Pflüge oder Airbus-Jets mit Leipzig zu tun haben
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07:00 14.08.2017
Voll wird es am Samstagabend bei einer Führung durch die frühere Gasanstalt Ost – samt anschließender Open-air-Filmvorführung am einstigen Kino der Jugend. Quelle: Fotos: Christian Modla
Leipzig

Die fünften Tage der Industriekultur in der Region Leipzig waren eine Veranstaltung der Superlative. So viel steht nach dem Abschluss am gestrigen Sonntag schon mal fest. Gemeint sind damit nicht nur die Zahlen, die Moritz Jähnig vom Verein Industriekultur Leipzig am Nachmittag durchgeben konnte: „Nach bisherigem Rückmeldestand kamen über 5000 Besucher zu den 214 Veranstaltungen.“

Superlative waren auch oft bei den Führungen, Vorträgen oder Ausstellungen zu vernehmen. So erklärte Helmut Sander, der sechs Straßenbahntouren auf den Spuren des Industriepioniers Karl Heine leitete, dass eben jener Heine nicht nur für die Entstehung des Stadtteils Plagwitz verantwortlich war. Sondern auch für das Kolonnaden- und das Musikviertel. „Die Flächen im Kolonnadenviertel hatte seine Mutter geerbt. Mit dem Aushub vom Karl-Heine-Kanal wurden die ehemals sumpfigen Adelsgärten aufgefüllt, dann parzelliert“, erzählte der 81-jährige Bauingenieur, der die Idee zu den Führungen per Bahn aus Helsinki mitgebracht hatte. Michael Hartwich vom verein Industriekultur verteilte dazu extra erstellte Faltblätter, die 74 Sehenswürdigkeiten entlang der Linie 14 durch den Leipziger Westen auflisten. „118 Fabrikschornsteine wuchsen allein zu Heines Zeiten in Plagwitz in die Höhe“, berichtete Sander den Mitreisenden. Bei seinen Recherchen richtig gestaunt habe er über den Fakt, dass Heines enger Geschäftspartner Rudolph Sack nicht nur 1850 den ersten Pflug aus Eisen und Stahl in Deutschland schmiedete. „1913 zählte Sacks Landmaschinenwerk in Plagwitz 2000 Mitarbeiter und nahm 75 000 Quadratmeter ein.“ Seit 2014 stellt der Nachfolger Amazone in Leipzig wieder moderne Pflüge her: nun an der Rippachtalstraße.

Auf die Sack‘schen Pflüge ging auch die Nutzung eines Teils des früheren Werksgeländes zur Expo 2000 zurück. Damals entstand das „Jahrtausendfeld“ – als künstlerische Aktion, die nun bald eine Fortsetzung finden soll. Michael Schramm von der Schaubühne Lindenfels, Bildhauer Robert Schiller und Architekt Herbert Bading stellten am Sonntag Teile einer lebensgroßen Metallskulptur „Man and Horses on Millennium Field“ vor, die sie am Feldrand aufstellen wollen.

Doch nicht nur im Leipziger Westen gibt es jede Menge Industriegeschichte. Tief im Osten – an der Torgauer Straße 76 – stand die „Wiege der deutschen Galvanotechnik“, erläuterten Marion Regal und etliche Mitstreiter den Besuchern im einzigen Museum für Galvanotechnik, das die Bundesrepublik zu bieten hat. Nachdem eine entsprechende Ausstellung in München geschlossen worden war, hatte sich 2010 in Leipzig ein Verein gebildet, der sich dem Industriezweig Oberflächentechnik widmete. Schließlich gründete der Chemiker Georg Langbein 1881 hier die erste Fabrik (am Dösener Weg 9-11), die bald alle Verfahren zum Beschichten von Werkstücken anbieten konnte. 1907 stieg das mittlerweile in Sellerhausen angesiedelte Werk – durch den Zusammenschluss mit Wilhelm Pfanhauser aus Wien – zum Branchenprimus auf.

„Unser Verein hat schon 61 Mitglieder – darunter viele Firmen“, sagte Schatzmeisterin Regal stolz. Zwischen Hunderten Ausstellungsstücken hielt die 66-Jährige einen Vortrag, weshalb zum Beispiel das Pressen von Schallplatten ohne galvanisierte Nickel-Matrizen unmöglich ist. Neben dem Museum lud die Firma Vopelius Chemie AG zu Führungen über ihr schon weitgehend saniertes Gelände ein.

„Nirgendwo sonst bekommt man beim Thema Industriekultur so schnell so viele engagierte Leute zusammen wie in Leipzig“, lobte Dirk Schaal von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, der sich in dem Museum umsah. „Das ist wunderbar, denn wir brauchen eine Industrieakzeptanz und Fachkräftenachwuchs, damit sich Leipzig weiter gut entwickeln kann.“

Außer Frage stand dergleichen für Hans-Dieter Tack, ehemals Technischer Direktor beim Chemieanlagenbaukombinat Leipzig sowie beim VEB Maschinen- und Apparatebau (MAB) in Schkeuditz. An der Hochschule HTWK hielt der 77-Jährige einen so mitreißenden Vortrag über die Geschichte des Flugzeugbaus in Schkeuditz und Halle, dass die 25 Zuhörer mit der Gewissheit nach Hause gingen, dass Airbus ohne die genialen Konstrukteure und Arbeiter der hiesigen Siebel-Flugzeugwerke niemals zu einem der führenden Jet-Hersteller geworden wäre.

Von Jens Rometsch

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