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Lokales Was ist los mit Leipzigs neuer XL-Bahn?
Leipzig Lokales Was ist los mit Leipzigs neuer XL-Bahn?
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23:00 10.08.2017
Der Auffahrunfall hat an der Fahrerkabine unübersehbare Schäden hinterlassen. Quelle: Foto: André
Leipzig


„Dass hier von Antriebsstörungen gesprochen wird, entspricht in keiner Weise der Wahrheit“, schreibt ein offenbar gut informierter Internet-User. „Eingestellt wurde die Bahn nicht wegen der Antriebstechnik, sondern wegen der CO2-Werte. Hintergrund ist das unzureichende Belüftungssystem im Fahrgastbetrieb. Beim Abschleppen der Bahn hat ihre Kupplung nicht standgehalten, weil deren Zugkraft nur digital gemessen wurde. Eine manuelle Prüfung fand nicht statt.“

Der Verkünder der brisanten Informationen wird sofort durch einen anderen User gemaßregelt. „Sehr geehrte Nutzer, Ihre Schilderung von Betriebsinterna ist unternehmensschädlich“, war im Netz zu lesen. „Ich kann Sie nur auffordern, Ihre Schilderungen zu überdenken beziehungsweise sich entsprechend der Anweisungen zu informieren.“ Die Netzgemeinde reagierte empört. „Wenn Sie es besser wissen, dann nur raus mit den Infos“, hieß es. „Verbale Drohungen“ seien uner-wünscht.

Dieser Schlagtabtausch im Netz ist auch der Chefetage der LVB bekannt. Von „fehlender Loyalität“ einiger Mitarbeiter ist dort die Rede, von einer Flut von Desinformationen, die möglicherweise durch Konkurrenten des polnischen Herstellers der XL-Straßenbahn befeuert werde. Doch was hat es mit den CO2-Werten und dem neuen Belüftungssystem auf sich? Warum hat die Kupplung der XL-Straßenbahn nicht standgehalten?

„Es hat keine Antriebsstörung gegeben“, betont LVB-Technik-Geschäftsführer Ronald Juhrs auf LVZ-Anfrage. Vielmehr sei eine Fehlmeldung der Bordelektronik aufgetreten, durch die sich die Bahn nicht mehr anlassen ließ. „Diese Fehlmeldung simulierte eine Störung, die es so gar nicht gab.“ Das würden die Techniker des Herstellers genau untersuchen.

Voll oder leer? Anlage stellt’s fest

Geprüft wird auch die Klimatisierung der neuen Fahrzeuge, die an heißen Tagen zuletzt noch nicht ausreichend funktionierte. Diese Anlage misst unter anderem den CO2-Gehalt, der beim Ausatmen der Fahrgäste im Fahrgastraum entsteht, und stellt so fest, ob die Bahn voll oder leer ist – um die Luftzufuhr entsprechend zu regeln. „Diese Technik senkt in der Straßenbahn die Temperatur leicht ab, damit kein Frostgefühl entsteht“, skizziert Juhrs das komplizierte System. „Und sie entfeuchtet
die Luft, um das Schwitzgefühl zu verringern.“

Rätselhaft ist zudem, warum beim Abschleppen die Kupplung brach. Bei ihr handelt es sich um ein sogenanntes Adapterstück, das zwischen dem Abschleppfahrzeug – einer Tatra-Straßenbahn – und der neuen XL-Straßenbahn angebracht wurde, um diese in den Straßenbahnhof Heiterblick zu bringen. Als die beiden Bahnen einen Hang in der Antonienstraße hinabfuhren, brach diese Hilfskupplung – obwohl sie vom polnischen Fahrzeugherstelle Solaris speziell für die XL-Bahnen geliefert wurde. „Die Spannungen sowie Zug- und Druckkräfte wurden von einem zertifizierten Unternehmen berechnet“, betont Juhrs. Vermutet wird jetzt ein Fertigungs- oder Materialfehler.

Die Kritik richtet sich längst nicht nur gegen die Erbauer der neuen Bahn, sondern auch gegen die Leipziger Verkehrsbetriebe. Das stadteigene Unternehmen habe sich „für einen Hersteller mit wenig Erfahrung beim Bau von Straßenbahnen entschieden“, lautet ein Vorwurf. Das Ergebnis sei eine „unverhältnismäßig lange Erprobungsphase“ und der erste Ausfall „bereits nach einer Woche Betriebseinsatz“. Juhrs weist dies zurück. „Solaris hat das wirtschaftlichste und technisch versierteste Angebot abgegeben“, sagt er. Die von den LVB vorgegebenen Vertragsbedingungen seien „anspruchsvoll“ gewesen. Im Vergleich zu anderen Projekten in der Branche laufe die Inbetriebnahme in Leipzig gut. „Die beiden Prototypen der ersten Leipziger Leoliner haben wir weit über ein Jahr getestet, bis die Serie dann in Produktion ging“, erinnert der Geschäftsführer. Die XL-Bahn habe schon nach einem halben Jahr die Zulassung der technischen Aufsichtsbehörde erhalten.

Vorgeworfen wird den LVB auch, sie würden einen bunt zusammengewürfelten Fuhrpark mit Fahrzeugen verschiedenster Hersteller schaffen – mit entsprechend hohen Wartungs- und Reparaturkosten. Die Dresdner Verkehrsbetriebe hätten sich dagegen für einen einheitlichen Fuhrpark entschieden, der ausnahmslos aus Fahrzeugen des Herstellers Bombardier aus Bautzen bestehe. Juhrs hält dagegen, dass kein Unternehmen in Deutschland eine Straßenbahnflotte aus baugleichen Fahrzeugen besitze – auch nicht Dresden. Leipzigs vorrangiges Ziel sei, mit seiner Flotte flexibel auf Angebotsveränderungen reagieren zu können. „Im Niederflurbereich sind wir nun mit vier Grundfahrzeugtypen mit unterschiedlicher Größe unterwegs“, betont Juhrs. „Das ist ein Optimum.“ Alle Fahrzeuge hätten Drehgestelle und seien häufig in wesentlichen Teilen identisch, was die Wartungskosten im Zaum hält. „Unsere neuen XL-Fahrzeuge haben zum Beispiel die gleichen Motoren, Getriebe und Radsätze in den Drehgestellen wie unsere größten Straßenbahnen vom Typ XXL.“

Bald geht zweites Fahrzeug an den Start

Trotz der Turbulenzen haben die LVB gerade ihre fünfte XL-Straßenbahn in Polen abgeholt. Ab Mitte dieses Monats soll dann der Linieneinsatz der XL-Bahnen von ein auf zwei Fahrzeuge verdoppelt werden. Im September würden drei Exemplare der neuen Generation durch Leipzig touren, heißt es.

Bis dahin soll auch die gecrashte XL-Straßenbahn wieder in der Stadt unterwegs sein. „Zum Glück ist der Sachschaden gering und ein Haftungsfall für den Hersteller“, sagt Technik-Geschäftsführer Juhrs. Er gehe davon aus, dass die Reparatur der Bahn nicht in Polen stattfindet, sondern in der LVB-Hauptwerkstatt Heiterblick. Aber dies entscheide letztlich der Hersteller. „Wir haben ihn nur aufge-
fordert, die Bahn unverzüglich zu reparieren.“

Von Andreas Tappert

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