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Weihnachtswunder in Leipzig-Lindenau: Anwohner retten Eisenhandlung

Leidenschaft im Stadtteil Weihnachtswunder in Leipzig-Lindenau: Anwohner retten Eisenhandlung

Nach 111 Jahren wäre die Lindenauer „Eisenhandlung“ Fedor Gross fast unter die Räder von Baumärkten gekommen. Doch die Menschen in dem Leipziger Stadtteil einte nicht nur ihre Leidenschaft für Schlösser, Bohrer, Schrauben und Werkzeuge in Handwerkerqualität.

Dorothea und Jürgen Frank können sich nun entspannt zur Ruhe setzen. Der Fortbestand ihres Eisenwarenladens in der Josephstraße ist gesichert.
 

Quelle: Kempner

Leipzig.  Wir wissen es: In der Weihnachtszeit geschehen Wunder. Überirdische und ganz bodenständige Wer es trotzdem nicht glaubt: An Lindenauer und Plagwitzer Häuserwänden kann man sie entdecken. Plakate, die das Wunder verkünden. „Fedor bleibt“ ist darauf zu lesen. Darauf zu sehen ein Schraubenmännchen, das selbstbewusst die Arme in die Hüften stemmt. Kein Wunder – schließlich weiß es einen ganzen Stadtteil hinter sich. Dessen Bewohner und das Schraubenmännchen sind nämlich Verbündete. Vereint in der Leidenschaft für Schlösser, Bohrer, Zangen, Schrauben und Werkzeuge in Handwerkerqualität – Produkte, wie es sie nur in einem Laden gibt, der schon seit 111 Jahren besteht. Einer, der 1904 vom Kaufmann Fedor Groß gegründet wurde. Einer, der zwei Kriege, die Planwirtschaft und die Wende überlebte und sich auch in der Marktwirtschaft behaupten kann: „Eisen Gross – Fedor Gross“ – das Fachgeschäft für Eisenwaren in der Lindenauer Josephstraße.

Doch in diesem Jahr schien dessen Zeit abzulaufen. Die Inhaber Dorothea und Jürgen Frank wollen aus Altersgründen schließen. Lange suchten sie nach einem Nachfolger für ihr Geschäft, damit der Einzelhandel im Viertel weiter lebt und auch in Zukunft Kundenwünsche erfüllt werden können. Doch die Suche blieb zunächst erfolglos. Doch dann erfuhren Lindenauer und Plagwitzer Anwohner von dem möglichen Ende des Fachgeschäfts. Sie sammelten Ideen für seinen Fortbestand, fanden Mitstreiter wie den Lindenauer Stadtteilverein, gründeten selbst den Verein „Fedor bleibt“, bewarben sich bei einer Crowdfunding-Plattform – und das Lindenauer Wunder geschah: Dieser Tage wurde der Übergabevertrag unterzeichnet. Hochstimmung in der Josephstraße 47.

Gemeinsam ließen die alten und neuen Inhaber die Zukunft hochleben, ohne die Vergangenheit zu vergessen. Dorothea und Jürgen Frank berichten von Fedor Groß, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, als zur Gründerzeit im Leipziger Westen die Aufträge von Plagwitzer und Lindenauer Unternehmen die Bücher füllten. „Noch Jahre später gab es in der Karl-Heine-Straße viele Betriebe“, erzählt Dorothea, die Enkelin des Firmengründers. Kaum, dass das kleine Mädchen lesen und schreiben konnte, half es im Laden mit. „Ein Kaufmannsladen in echt; nur ein bisschen größer“, lacht Ehemann Jürgen, „mit Regalen vom Boden bis zur Decke. Ein Fachgeschäft, vor dem die Schlangen manchmal meterlang waren, weil der Kunde tatsächlich im Mittelpunkt stand und es viele Einzelteile nur hier gab. Schrauben etwa – Schrauben in allen Formen und Größen.“

Von ihnen und dem „Charme des alten Ladens“ sind auch Susann Reuter und Vincent Schmiedt begeistert. Die beiden Leipziger gehören zum noch jungen Verein „Fedor bleibt“. Sie sind keine Eisenwarenhändler, sondern Ingenieurin und Philosoph; andere Akteure arbeiten als Schlosser, Architekt, Informatiker oder Betriebswirtschaftler. Zusammen wollen sie das Ladenteam bilden. „Wir möchten anders leben und anders wirtschaften. Wir wollen verhindern, dass der Stadtteil sozioökonomisch vereinheitlicht und verödet, verhindern, dass alles nur noch über Onlinehandel und Discounter abgewickelt wird und der Einzelhandel verschwindet“, sagt Vincent. „Hier soll es auch künftig Schrauben für nur wenige Cent geben und keine Schnäppchenjagd à la im Dutzend billiger“, ergänzt Susann. Um den Ausverkauf des historischen Warenlagers abzuwenden und das Geschäft zu übernehmen, stellten sie ihr Projekt der VisionBakery vor. Die Leipziger Initiative ist die zweitgrößte Crowdfunding-Plattform Deutschlands, sie unterstützt „kreative Ideen, möchte Menschen aktivieren und verbinden, um mehr Chancengleichheit und Miteinander in der Gesellschaft zu schaffen“. „Mit gemeinsamer Hilfe können wir Teile der Geschäftsausstattung übernehmen und unser Projekt auf stabile Füße stellen. Pläne gibt es reichlich.“ Die neuen Fedorianer denken an Reparatur- und Selbsthilfewerkstätten, an einen Ort der Begegnung und hoffen weiter auf lokales Engagement, um die gesamte Projektsumme zu erreichen. Doch schon jetzt sei die Rettung der traditionsreichen Eisenwarenhandlung ein Lindenauer Weihnachtswunder.

Von Ingrid Hildebrandt

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