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Lokales Weitsicht rettete Polyphon über die Krise
Leipzig Lokales Weitsicht rettete Polyphon über die Krise
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10:57 26.05.2018
Chordephon Nr. 60S als Wandautomat mit Geldeinwurf, ca. 1907, das oft in Kneipen und Gasthäusern anzutreffen war. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

 In den Jahren zwischen 1876 und 1930 existierten in Leipzig mehr als 100 Fabriken und Werkstätten für den Bau selbstspielender Musikinstrumente. Den Schwerpunkt bildeten Lochplatten-Musikwerke und Notenrollen gesteuerte Klaviere und Klavier-Orchestrions. Mit einer kleinen Beitragsfolge erinnern wir dank freundlicher Unterstützung der Musikwissenschaftlerin Birgit Heise und des Sammlers Jost W. Mucheyer an fünf prominente Vertreter der einst so namhaften Zunft. Heute: die Polyphonwerke.

Mehr als 100 Patente

Nach Übernahme der Firma Brachhausen & Rießner im Jahre 1895 entwickelte sich Polyphon bis 1899 mit mehr als 780 Arbeitern zum größten europäischen Hersteller von Plattenspieldosen und -automaten. Mehr als 100 Patente und Gebrauchsmuster belegen den Ideenreichtum der Inhaber. Jedes Jahr wurden neue Modelle von Musikautomaten der Marke Polyphon präsentiert, vor allem solche mit Stimmenkamm, in allen Arten und Größen. Zur Pariser Weltausstellung 1900 gab es Gold für die gesamte Kollektion – von der Spieldose bis zum Wandautomaten Nr. 1 mit selbsttätigem Scheibenwechsel.

Inhaber beweisen Weitsicht

Um die Jahrhundertwende gingen die Einnahmen und Produktionszahlen aufgrund der allgemein schlechten Wirtschaftslage und wegen Einbrüchen am englischen Markt jedoch dramatisch zurück. Durch verschiedene Maßnahmen wie Personalwechsel und Herabsetzung des Aktienkapitals versuchte man, dem Verfall der Firma zu begegnen. Zudem wurden nach und nach neue Produktionszweige eröffnet; man baute ab 1901 Piano-Orchestrions, ab 1903 Grammophone und Schreibmaschinen, ab 1904 Motoren und Automobile der Marke Dux.

Damit bewiesen die Inhaber Weitsicht, denn die Nachfrage nach Stahlkamm-Musikwerken ließ nach 1900 allmählich nach, und es gab inzwischen genügend Konkurrenz. Wahrscheinlich war es neben ausreichendem Aktienkapital eben diese Vielfalt an Produkten, die dazu führte, dass Polyphon sowohl im Ersten Weltkrieg als auch zur Zeit der Weltwirtschaftskrise mit Gewinn arbeitete. Die Produktionsschwerpunkte verlagerten sich von Polyphonen in den 1890ern hin zu Orchestrions nach 1900, zu Grammophonen und Kraftwagen nach 1910. Aber noch 1926 sind sie im Weltadressbuch als Hersteller von Lochplatten-Musikwerken erwähnt.

Polyphon erklingt in der Eisenmühle

Das Polyphon, das Jost Mucheyer in seinem kleinen Museum in der Eisenmühle Elstertrebnitz jeden Sonntag Nachmittag erklingen lässt, stammt aus den Jahren 1890/1900. „Bis hin zur Uhr ist alles original“, schwärmt der Sammler, der seinen Schatz einem italienischen Antiquitätenhändler abgeluchst hatte. Die Stahlblechplatten, die aufgelegt werden, messen übrigens 62 Zentimeter im Durchmesser. „Wer seinerzeit fünf Pfennige einwarf – ein Bier kostete in der Gaststätte damals zehn Pfennige – konnte sich beispielsweise am Intermezzo von Cavalleria Rusticana erfreuen“, so Mucheyer.

Übrigens: Das geht in der Sammlung selbstspielender Musikinstrumente im technischen Kulturdenkmal Eisenmühle in Elstertrebnitz im Süden Leipzigs immer noch.

Quelle: Katalog zur Ausstellung „Leipzigs klingende Möbel – Selbstspielende Musikinstrumente 1880–1930“; https://mfm.uni-leipzig.de; Eine Führung durch Mucheyers Sammlung selbstspielender Musikinstrumente im Kulturdenkmal Eisenmühle in Elstertrebnitz beginnt sonntags um 15.30 Uhr; das Museums-Café Reiberei öffnet sonntags 14 bis 18 Uhr; www.eisenmuehle.de

Von Cornelia Lachmann

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