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Wenn Kulturen voneinander lernen: Afrikaner und Deutsche arbeiten gemeinsam in Leipzig

Wenn Kulturen voneinander lernen: Afrikaner und Deutsche arbeiten gemeinsam in Leipzig

Leipzig und seine äthiopische Partnerstadt Addis Abeba sind ein kleines Stück näher zusammengerückt. Die Universitäten beider Städte bieten einen gemeinsamen Studiengang an, bei dem es auch um die Friedens- und Sicherheitsforschung zu Afrika geht.

Derzeit verbringen 19 afrikanische Masterstudenten und Doktoranden ein Semester in Leipzig. Begeistert von Kultur und Studienbedingungen hinterfragen sie unter anderem die Rolle der westlichen Welt bei der Globalisierung.

Auf den ersten Blick wirkt Ulf Engel zurückhaltend. Er spricht ruhig und bedächtig, hält sich an Fakten. Doch wenn die Sprache auf seine Arbeit kommt, gerät der Afrikanistik-Professor ins Erzählen. Zum Beispiel diese Anekdote: Als er vor gut sechs Jahren in einem Hotel in Addis Abeba eincheckte, kam er mit dem Portier ins Gespräch. Rasch fanden sie ein gemeinsames Thema: Politikwissenschaft. Der Portier hatte nämlich einen Bachelor-Abschluss in Politikwissenschaft und Internationalen Beziehungen. Engel motivierte ihn, daran anzuknüpfen - am besten an der Universität Leipzig, im Masterstudiengang Global Studies. So kam Dawit Yohannes, der Portier von einst, nach Leipzig, um den Rat Engels in die Tat umzusetzen.

Mittlerweile hat er den Abschluss in der Tasche - und koordiniert nun ein neu geschaffenes internationales Studienprogramm in Zusammenarbeit mit seiner Heimat-Uni in Äthiopien.

Der von Leipzig und Addis Abeba gemeinsam verantwortete Masterstudiengang namens "Global Studies with a special emphasis on peace and security in Africa" umfasst geistes- und sozialwissenschaftliche sowie geschichts- und kulturwissenschaftliche Aspekte globaler Phänomene. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Friedens- und Sicherheitsforschung zu Afrika.

Nach einem Semester Studium in Addis Abeba verbringen die ersten 13 afrikanischen Studenten sowie sechs Doktoranden nun vier Monate in Leipzig. Sie besuchen Vorlesungen und Seminare am Institut für Global and European Studies. Einer der Masterstudenten ist Ermias Kassaye aus Äthiopien. "Die Universität Leipzig beeindruckt mich, besonders die Organisation und die Ausstattung. Das Institut bietet ein sehr inspirierendes akademisches Umfeld für mein Studium", sagt der 25-Jährige. Fikerte Bekele kommt als erstes die Atmosphäre in den Sinn: "Leipzig ist eine ruhige und schöne Stadt, nicht so überlaufen." Addis Abeba mit seinen mehr als drei Millionen Einwohnern sei wesentlich lauter und bunter.

Die deutschen Studenten profitieren vom interkulturellen Lernen. In Seminaren diskutieren sie über Frieden und Sicherheit auf dem afrikanischen Kontinent oder die sicherheitspolitische Rolle der Afrikanischen Union. Deren Hauptquartier befindet sich in Addis Abeba, und einige der Studenten haben dort bereits erste Berufserfahrungen gesammelt. Ein Gewinn für die deutschen Studenten, denn so erhalten sie über die Literatur hinaus einen Einblick aus erster Hand.

Mitunter prallen Bewertungsmaßstäbe aber auch aufeinander. "Viele der afrikanischen Studenten empfinden den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag als ein Instrument des Westens, um afrikanische Diktatoren hinter Gitter zu bringen. Sie fragen sich, warum westliche Politiker so selten angeklagt werden", erzählt Luisa Baumann. So könnten es die Afrikaner beispielsweise nicht nachvollziehen, dass eine Anklage gegen den ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush nicht einmal erwogen wird. Dabei habe er wie kaum ein anderer Staatschef in der vergangenen Dekade Unheil über die Menschen im Irak und die Gefangenen in Guantánamo gebracht.

Das Master- und Doktorandenprogramm wird in den ersten vier Jahren vom Deutschen Akademischen Austauschdienst gefördert. Das entbindet die afrikanischen Studenten aber nicht von Studiengebühren. Sie bezahlen bis zu 5 000 Euro jährlich. Ein für deutsche Verhältnisse hoher Betrag, doch in ihren Heimatländern ein üblicher Satz. Zumeist finanzieren ihre Eltern das Studium. Oder ihre Arbeitgeber, wenn sie es berufsbegleitend absolvieren.

Auch wenn es noch zu früh für ein Resümee ist, zeigt sich Professor Engel mit dem bisherigen Verlauf zufrieden. "Wir haben mit unseren Partnern wirklich auf Augenhöhe über Studieninhalte verhandelt." Diese gleichberechtigte Zusammenarbeit setze sich nun in der Arbeit mit den Kollegen in Addis Abeba und den Gaststudenten fort. In der Studentenschaft beobachtet er einen intensiven Austausch und rege Diskussionen. Neben der Lehre verspricht er sich perspektivisch auch einen Mehrwert für die Forschung. Wenn es gelingt, dass die jetzigen Doktoranden die regionalen Krisen ihrer Heimat wissenschaftlich untersuchen und analysieren, kann nicht nur das Leipziger Institut davon profitieren, sondern auch der Blick der Gesellschaft für Afrika geschärft werden.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.06.2013

Werfel, Franz

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