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„Wenn Leipzig leuchtet, ist das ein Gewinn für alle in Sachsen"

Chef der Stasi-Unterlagenbehörde „Wenn Leipzig leuchtet, ist das ein Gewinn für alle in Sachsen"

Ein Forum für Freiheit und Bürgerrechte – das könnte auf einem Teil des Matthäikirchhofes entstehen. Im Gespräch ist, dort das Archiv zu integrieren, in dem Stasiakten aus ganz Sachsen aufbewahrt werden. Dem steht Roland Jahn (64), Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, offen gegenüber. Im LVZ-Interview äußert er sich zu den Plänen.

Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen.
 

Quelle: Andre Kempner

Leipzig.  Ein Vorschlag sieht vor, Stasi-Akten in Leipzig für ganz Sachen aufzubewahren. Wie stehen Sie dazu?Ein Forum für Freiheit und Bürgerrechte – das könnte auf einem Teil des Matthäikirchhofes entstehen. Im Gespräch ist, das Archiv zu integrieren, in dem Stasi-Akten aus ganz Sachsen aufbewahrt werden. Dem steht Roland Jahn (64), Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, im LVZ-Interview offen gegenüber.

Der Bundestag hat klar beschlossen, dass der Gesamtbestand an Stasi-Unterlagen dauerhaft zu sichern ist. Das ist die Herausforderung. Deshalb müssen wir Standorte schaffen, die geeignet sind. Mir ist es wichtig, dass die Eroberung der Akten als Symbol für die Friedliche Revolution besser sichtbar gemacht wird. Dazu gehört auch, dass sie nicht alle in Berlin gelagert werden, was vielleicht finanziell das Günstigste wäre. Sie dort zu zeigen, wo Menschen die Akten vor Vernichtung bewahrt haben, ist ein wichtiges Zeichen für die nächsten Generationen. Leipzig wäre da für Sachsen eine Option.

Ihr Auftrag ist ja, in jedem der fünf Ost-Bundesländer einen zentralen Standort zu finden...

Nicht direkt. Wie die dauerhafte Sicherung der Akten im Einzelnen erfolgt, hat der Bundestag nicht beschlossen. Eine Expertenkommission hat lediglich vorgeschlagen, dass sie in den einzelnen ostdeutschen Bundesländern verbleiben sollen. Das entspricht auch meiner Auffassung. Die Aufgabe ist es nun zu schauen, welche Archivstandorte dafür langfristig geeignet sind.

Gibt es einen Zeitplan, bis wann ein Vorschlag vorliegen soll?

Wir sind mitten in der Arbeit. Müssen beispielsweise in Machbarkeitsstudien alle technischen Details betrachten. Das braucht seine Zeit.

Nun haben Sie selbst Leipzig als zentrales Archiv für Sachsen ins Gespräch gebracht. Würden Sie dann Standorte in Chemnitz und Dresden schließen?

Es geht nicht um Schließungen. Keine der jetzigen Außenstellen genügt den Ansprüchen, Akten dauerhaft zu lagern. Deshalb muss investiert werden. Fakt ist aber: Wer Akteneinsicht beantragt, bekommt sie wie bisher, unabhängig davon, wo die Akten aufbewahrt werden. Dieser Bürgerservice in den Außenstellen bleibt und wird sogar ausgebaut, beispielsweise an den Gedenkstätten.

Trotzdem müsste der Dresdner oder Chemnitzer nach Leipzig fahren?

Nicht zur Akteneinsicht. Außerdem: Archive entwickeln sich weiter. Akteneinsicht wird im digitalen Zeitalter unkomplizierter. Ich kann mir sogar vorstellen, Akten künftig über eine Cloud im Internet bereitzustellen. Mit einem neuen Personalausweis kann man sie schon jetzt online beantragen. Der Großteil der Bürger lässt sich ohnehin Kopien zusenden. Wer möchte, darf aber weiterhin in einer Außenstelle seiner Wahl Einsicht nehmen. Die Nutzung geht allerdings zurück, in Dresden zum Beispiel ist nicht mal an jedem Tag ein Besucher im Lesesaal. Im letzten Jahr waren es dort 110 Nutzer. Das zeigt doch, dass wir umdenken müssen. Im letzten Jahr hatten wir 48 000 Anträge zur persönlichen Akteneinsicht, als ich 2011 angefangen habe, waren es fast doppelt so viele.

Der sächsische Landesbeauftragte Lutz Rathenow verweist auf den Koalitionsvertrag. Darin steht, alle drei Außenstellen in Leipzig, Dresden und Chemnitz werden erhalten.

Das ist kein Widerspruch. Der Bürgerservice wird aufrechterhalten. Es wäre aber leichtfertig, jetzt nicht die Weichen zu stellen, auch Behörden müssen sich an zukünftigen Bedarfen orientieren.

Fallen dann Arbeitsplätze weg?

Langfristig sieht der Bundeshaushalt das so vor, schon seit den 90er Jahren. Die Regel heißt: Mit sinkenden Antragszahlen verringert sich das Volumen der Arbeit, damit sinkt auch die nötige Mitarbeiterzahl. Doch der Service darf sich nicht verschlechtern und ist vor allem auch für die Forschungs- und Medienanträge, die ja eher anwachsen, besonders wichtig.

Sie sind bis 2021 wiedergewählt. Wollen Sie das Projekt in der zweiten Amtszeit abschließen?

Für mich zählt, guten Gewissens die Weichen zu stellen. Bei Aussagen zu Zeiträumen, die Bauvorhaben betreffen, halte ich mich aber zurück.

Die Stadt will Ihrer Behörde ein Teilstück des Matthäikirchhofs als Standort für ein neues Archiv anbieten. Zwei Dutzend Bürger haben in einem offenen Brief aber gefordert, erst ein Konzept fürs Gesamtareal zu entwickeln. Wie gehen Sie damit um?

Ich verfolge die Diskussion und finde sie spannend. Sie zeigt, wie wichtig das Anliegen ist. Es steht doch außer Frage, sorgsam mit dem Matthäikirchhof umzugehen, um eine lebendige Stadt zu entwickeln. Wir sollten uns aber bewusst sein, dass es um einen historischen Ort geht, an dem Weltgeschichte geschrieben wurde. Erstmals in der Welt wurden die Akten einer Geheimpolizei geöffnet und gesichert. Leipzig hat nicht nur am 9. Oktober 1989, sondern auch am 4. Dezember Geschichte geschrieben, als die Runde Ecke besetzt wurde.

Wenn der Stadtrat am 18. Oktober grundsätzlich zustimmt, dass die Stadt Ihnen eine Fläche anbietet, würden Sie sich dann freuen?

Auf alle Fälle. Wenn Leipzig ein Angebot macht, ein Forum für Freiheit und Bürgerrechte entsteht, dann wäre das eine große Chance für uns alle. Bürgerkomitee „Runde Ecke“, Stiftung Friedliche Revolution, Archiv Bürgerbewegung leisten hervorragende Arbeit, die auch international anerkannt wird. Wenn Initiativen, die oft zerstritten sind, sich zusammenfinden und Eckpunkte formuliert haben, ist das doch schon ein positives Signal. Dieses Potenzial auszubauen und mit einem Forum in ein Stadtquartier einzubetten, ist eine große Chance. Leipzig muss sich entscheiden, ob es die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen will.

Kritiker wollen nicht akzeptieren, dass „eine Gruppe von Bürgerrechtlern ohne die nötige Fachkompetenz“ beauftragt wird, Vorschläge zur Neugestaltung zu erarbeiten. Wie sehen Sie das?

Da bin ich erstaunt, wie aneinander vorbeigeredet wird. Es geht darum, die Kompetenz aller einzubeziehen und fachgerechte Vorschläge zu machen, jeder aus seinem Blickwinkel. Ein Pfarrer tritt doch nicht als Architekt auf, sondern bringt seine Ideen ein. Die Gestaltung wird dann eine große Herausforderung für Architekten, um die Erinnerung an Repressionen zu bewahren und gleichzeitig Neues zu schaffen, den Gegensatz von Diktatur und Demokratie auch baulich deutlich zu machen.

Wollen Sie den Leipzigern eigentlich zumuten, das alte hässliche Plattenbau-Gebäude der Stasi zu erhalten?

Dies zu beurteilen, maße ich mir nicht an. Zu schnell abzureißen, kann allerdings auch ein Fehler sein. Das sehen wir doch an der Berliner Mauer. An manchen Stellen wäre es wichtig gewesen, symbolisch an sie erinnern zu können. Schauen Sie sich doch an, wie hervorragend der Umbau des Reichstages in Berlin gelungen ist. Natürlich ist es wichtig, eine moderne Architektur auf den gesamten Matthäikirchhof zu bringen, damit ein lebendiges Quartier entsteht, welches die Vielfalt Leipzigs verkörpert. Wenn ich die Freitreppe sehe und mir vorstelle, dass dort die Jugend Leipzigs den Sonnenuntergang genießt, dann ist das für mich ein freudiges Symbol der Veränderung. Denn früher war das Stasi-Gelände den Bürgern nicht zugänglich.

Die Thomaskirche plädiert dafür, in geeigneter Form an die Matthäikirche zu erinnern. Könnten Sie sich vorstellen, dass ein möglicher Neubau den Grundriss der alten Kirche wieder aufnimmt?

Ich kann mir vieles vorstellen. Manche denken, da wird irgendein Archivbunker gebaut. Es sind 22 Kilometer Stasiakten in Sachsen, die unterzubringen sind. Ein möglicher Anbau ist also keineswegs groß, er kann im Prinzip auch unter der Erde erfolgen. Oder in einem modernen Schauarchiv. Dies zu planen, da sind die Fachleute herausgefordert.

Es gab Meldungen, dass für das Projekt 20 Millionen Euro vorgesehen sind. Ist das richtig?

Bleiben wir bei den Fakten. Der Vorgang ist sehr komplex. Ein Teil des Geländes ist Eigentum des Bundes. Um- oder Neubauten werden durch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben durchgeführt. Dafür gibt es klare Regeln. Wir als Bundesbehörde definieren lediglich Raum- und Personalbedarf, investieren nicht selbst.

In Leipzig gibt es viele Befürworter. Die Plauener weisen darauf hin, 1989 früher als die Leipzig auf der Straße gewesen zu sein. Wie wollen Sie andere, skeptische Städte in Sachsen ins Boot holen?

Es geht hoffentlich nicht um einen Wettbewerb, wer zuerst auf der Straße war. Die historischen Ereignisse anderswo in Sachsen sind auch in Leipzig bekannt. Leipzig hat allerdings internationale Strahlkraft, kann und wird damit auch an die anderen Orte der Friedlichen Revolution erinnern. Wenn Leipzig leuchtet, ist das ein Gewinn für alle in Sachsen.

Wer schaut denn alles, wie in Deutschland mit den Akten umgegangen wird?

Wir begrüßen Gäste aus 40 Nationen im Stasi-Unterlagen-Archiv. Letzte Woche sprach ich mit einer Gruppe junger Menschen aus Zypern, einem geteilten Land in Europa. Delegationen aus Südkorea kommen regelmäßig, auch aus Lateinamerika oder Tunesien. Albanien baut derzeit eine eigene Institution zur Aktennutzung auf und schickt Mitarbeiter zum Hospitieren zu uns. Besonders die historischen Orte, an denen Repression und Revolution gleichzeitig vermittelt werden können, machen immer wieder Eindruck. Es gibt eine Enkelgeneration, die unbefangen und offen viele Fragen hat, weil sie die DDR nicht mehr erlebt hat. Ihnen Orte zu zeigen, an denen Geschichte geschrieben wurde, ist da sehr wichtig.

Braucht es da nicht neuer Ausstellungskonzepte?

Auch damit könnte ein zu schaffendes Forum experimentieren und neue Formen entwickeln. Da sind wir alle herausgefordert.

Ist die jetzige Präsentation in der Runden Ecke noch zeitgemäß?

Es ist immer wichtig, neue Formen zu finden, die Menschen auch auf emotionaler Ebene anzusprechen. Daran sollte bei der Entwicklung des Areals sicher gearbeitet werden.

Leipzig ist dabei für Sie eine Herzensangelegenheit?

Das hängt auch mit meiner persönlichen Geschichte als Journalist zusammen. Ich habe die Leipziger immer bewundert, wie sie den Kopf herausgestreckt haben als andere noch ihre Ergebenheitsadressen an den DDR-Staat abgegeben haben. Als Bundesbeauftragter muss ich aber auf die Interessen des Bundes achten, das heißt nach klaren Kriterien urteilen, ob in Leipzig die Rahmenbedingungen für das Stasi-Unterlagen-Archiv erfüllt werden können.

 

Von André Böhmer, Jens Rometsch und Mathias Orbeck

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