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Lokales Wenn Zahlen zur Qual werden – Leipziger Eltern starten Petition zur Rechenschwäche
Leipzig Lokales Wenn Zahlen zur Qual werden – Leipziger Eltern starten Petition zur Rechenschwäche
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21:15 17.04.2018
Ein achtjähriger Junge nimmt im Fach Mathematik seine Finger zur Hilfe, um besser zu zählen. Da könnte eine Dyskalkulie vorliegen. Eltern wollen mit einer Petition erreichen, dass diese Entwicklungsstörung ebenso wie Legasthenie anerkannt wird. Quelle: Foto: dpa
Leipzig

Obwohl ihre Noten in anderen Fächern sehr gut oder zumindest akzeptabel sind, können viele Kinder die einfachsten Rechenaufgaben nur mit sturem Abzählen lösen. Oder sie versuchen, diese wie Gedichte auswendig zu lernen. Das hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Oft leiden sie an einer Dyskalkulie (Rechenschwäche), die mit einer Lerntherapie behandelt werden kann. Doch das Problem muss erst einmal erkannt werden. „Die Lehrer haben immer weniger Zeit im Unterricht. Immer mehr Förderstunden fallen weg“, sagt Konstanze Beyerodt vom Stadtelternrat: „Viele Schüler, denen Mathe schwerer fällt, können da leicht durchs Raster fallen.“ Mathe sei aber ein Kernfach. Wer das nicht schafft, hat keine Chance aufs Gymnasium zu kommen und hat es auch an der Oberschule schwer. Leipziger Eltern haben daher – gemeinsam mit einem Netzwerk in Chemnitz und Meißen sowie dem Stadtschülerrat und dem Jugendparlament Leipzig – eine Petition gestartet. Ziel ist es, in Sachsen einen verbindlichen Nachteilsausgleich bei Dyskalkulie zu erreichen.

Dyskalkulie ist eine von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) anerkannte schulische Entwicklungsstörung – ebenso wie die Legasthenie eine Behinderung, wegen der niemand benachteiligt werden darf. Für Lese-Rechtschreibe-Schwäche (LRS) gibt es sogar eigene Klassen. Dorthin können die Grundschüler wechseln, falls die Förderung im regulären Unterricht nicht ausreicht. Für jedes einzelne Kind werden – nach entsprechender Diagnostik – Entwicklungspläne aufgestellt. Das ist in einer Verwaltungsvorschrift des sächsischen Kultusministeriums so geregelt.

Kinder brauchen in der Grundschule mehr Zeit

Beim Thema Dyskalkulie gibt es vom Freistaat Sachsen nur eine Handreichung rund um Schwierigkeiten beim Erlernen des Rechnens, die auch Empfehlungen zur Förderung der Betroffenen gibt. Offiziell wird dabei von „Schwierigkeiten beim Erlernen des Rechnens“ geredet. „Es wird anders eingestuft als LRS“, erklärt Roman Schulz, der Sprecher des Landesamtes für Schule und Bildung, auf LVZ-Nachfrage. „Es gibt keine ausgesetzte Bewertung im Mathematikunterricht.“ Was heißt: Die Schüler bekommen – anders als bei LRS – trotzdem Noten. Dennoch gibt es laut Schulz neben der individuellen Betreuung im regulären einen speziellen Förderunterricht. „Wir haben Lehrer, die eigens eine Fortbildung absolviert haben.“ Bei besonders schweren Entwicklungsstörungen haben seelisch behinderte Kinder und Jugendliche übrigens Anspruch auf Eingliederungshilfe, die beim Jugendamt beantragt werden muss. Betroffene könnten sich auch an die Schulpsychologischen Beratungsstellen wenden. Da gebe es einige Möglichkeiten, räumen die Eltern zwar ein. Die zu nutzen, sei aber oft mit hohen Hürden verbunden.

„Vielen Kindern würde es bereits reichen, wenn sie in der Grundschule mehr Zeit bekommen würden“, ergänzt Michael Gehrhardt, der sich ebenfalls im Stadtelternrat engagiert. „Es gibt viele, die durchaus schwierige Rechenwege verstehen. Aber bei den Grundlagen hapert es“, so Beyerodt. Die Eltern wünschen sich daher einen Nachteilsausgleich, etwa mehr Zeit, die Verwendung bestimmter Hilfsmittel, eine Benotung des Rechenweges statt des Ergebnisses, eine tatsächliche individuelle Betreuung. „Ich kann den Lehrer nicht zwingen, meinem Kind zehn Minuten länger Zeit zu geben.“ Wichtig sei eine verbindliche Regelung aber auch für Lehrer, die mit der Situation oft alleingelassen werden.

„Wir möchten eine schulrechtliche Regelung Sachsens zur Anerkennung der Dyskalkulie im Zusammenhang mit einem verbindlichen Nachteilsausgleich“, so Gehrhardt. Wie der aussehen kann, müsse das sächsische Kultusministerium regeln und könne in einer Fachkommission mit Ärzten, Lehrern, Betroffenen und Elternvertretern besprochen werden. Das sei vor allem dringend nötig, um Inklusion in der Regelschule wirklich umzusetzen.

Wer bei der Petition mitmachen möchte, findet Unterschriftslisten auf der Homepage des Elternnetzwerkes Sachsen.

petition@elternnetzwerk-sachsen.de

Von Mathias Orbeck

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