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Wenn die Spinnen fliegen lernen

Wenn die Spinnen fliegen lernen

Um weit zu reisen, schleudern manche Spinnen einen langen Faden und fliegen via Luftschiff gleich mit - manches Mal gar Hunderte Kilometer weit. Ein beeindruckendes Naturschauspiel.

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Schön anzusehen: Nach den ersten kühlen Herbstnächten spannen die heimischen Spinnen ihre feinen Netze zwischen Gräsern und Ästen auf.

Quelle: André Kempner

Beinahe scheint es dieser Tage, als seien die possierlichen Tierchen zwischen Sommer und Herbst besonders aktiv und als würden Spinnennetze häufiger gesponnen als zu jeder anderen Jahreszeit. "Doch das täuscht", klärt Hobby-Arachnologe (Spinnenforscher) Andreas Selbmann auf.

"Spinnen weben stetig Netze", so der Eilenburger, "nur sind diese beispielsweise im Frühjahr, dann, wenn auch die Spinnen selbst noch recht winzig sind, so klein, dass sie dem menschlichen Betrachter eher selten ins Auge fallen." Seit seiner Jugend beschäftigt sich der 51-Jährige mit den Langbeinern. "Damals, als ich mein erstes Spinnenbuch geschenkt bekommen habe, hat mich die Faszination gepackt und bis heute nicht mehr losgelassen." Eine Leidenschaft, die er in den ausklingenden Sommermonaten alljährlich weiterzugeben versucht - etwa bei Exkursionen durch die Dübener Heide. "Dann möchte ich den Menschen mitgeben, dass sie keine Angst zu haben brauchen und aufzeigen, wie unglaublich interessant diese Spezies ist."

40 000 Arten soll es weltweit geben, schätzt Selbmann. Rund 1000 davon sind in Deutschland heimisch geworden. Im Norden wie im Süden seien die Arten ähnlich verteilt, da gebe es keine regionalen Unterschiede, ergänzt er. Ihre Entstehungsgeschichte reicht mehr als 380 Millionen Jahre zurück. "Um noch mal auf die 40 000 zu kommen. Es wird geschätzt, dass lediglich eine Handvoll dieser zig Tausend tödlich sein können. Entgegen aller Befürchtungen."

Das Interesse von Andreas Selbmann an den Spinnen ist nicht ausschließlich ihrer Vielfältigkeit geschuldet. Er möchte aufklären, nicht zuletzt über die artgerechte Haltung. "Die Spinnen beschränken die Zahl der Insekten, halten sie kurz. Würden sie dies nicht tun, hätten wir zum Beispiel ein Problem mit der Ernte auf unseren Feldern", erklärt der Spinnenkundler. So käme für ihn auch niemals infrage, die Exoten unter ihnen im Aquarium zu bewundern.

Flugreisen sollen den Gliederfüßern also schlicht dazu dienen, sich in der Natur fortzubewegen. Dazu schießen sie einen Seidenfaden aus ihrem Hinterleib, dessen Schwung sie dann zu einem neuen Ort trägt - Ballooning genannt, ebenso ist von Gleiten die Rede. In unbewegte Luft geschleudert, zieht dessen Schwung das Tierchen an seinem Ende gleichsam mit sich. Mehrere Hundert Kilometer über den offenen Ozean sollen Spinnen schon geflogen sein - zum Erstaunen von Biologen und Physikern. Was die Wissenschaftler nicht mehr vor ein Rätsel stellt, ist die Herkunft des Namens des erst wenige Wochen zurückliegenden Altweibersommers. Er entlehnt sich aus den die Luft durchziehenden, hauchdünnen Fäden, die manch einem Herbstspaziergänger nicht entgangen sein dürften. Vornehmlich wenn sie wie silbergraue Haare unvermutet über das Gesicht streifen.

Nach den ersten kühlen Herbstnächten tauchen in den Morgenstunden, durch den Tau sichtbar geworden, zwischen Gräsern und Ästen aufgespannte Netze auf. "Die Bezeichnung Altweibersommer stammt aus einer Zeit, als das Wort ,Weib' noch nicht abfällig genutzt wurde. Man bezeichnete das Knüpfen von Spinnfäden als ,weiben'", erzählt Andreas Selbmann.

Neben den erwachsenen Spinnen begeben sich auch etliche Jungtiere am Ende eines jeden Sommers auf Reisen. Da sie keine Flügel haben, benutzen sie ihre Fäden - leicht und reißfest zugleich. Sie erklimmen meist einen höher gelegenen Punkt wie Zweige, strecken den Hinterleib empor und pressen dabei Spinnfäden aus ihren Spinnwarzen hervor. Diese Seidenfäden werden vom Wind ergriffen, die Spinne löst den Griff ihrer Fußklauen - und los geht die Reise.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 14.10.2014
Juliane Lange

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