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Lokales „Wer den Klimawandel leugnet, dem ist nicht zu helfen“
Leipzig Lokales „Wer den Klimawandel leugnet, dem ist nicht zu helfen“
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00:23 06.08.2018
Bei einer Evaluierung hat das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung im Frühjahr mit Bestnoten abgeschnitten. Georg Teutsch, 62, ist seit 2004 wissenschaftlicher Geschäftsführer. Quelle: André Kempner
Leipzig

Hitzesommer und Überschwemmungsgefahr, Artensterben und vermüllte Gewässer – die meisten Wissenschaftler rechnen damit, dass sich gegenwärtige Umweltprobleme weltweit weiter zuspitzen werden. In unserer Reihe „Leipzig 2030“, in der wir aus unterschiedlichen Blickwinkeln in die Zukunft der Stadt schauen, spricht Georg Teutsch, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ), über die ökologische Perspektiven – und über Strategien, mit denen seine Institution nach Auswegen aus den erwarteten Krisen sucht.

Wie wird der Sommer 2030 in Leipzig?

Das kann natürlich der beste Meteorologe nicht vorhersagen, da Klima und Wetter unterschiedliche Dinge sind. Aber alle unsere Daten weisen darauf hin, dass sich der beobachtete Trend fortsetzt und wir in den nächsten 40, 50 Jahren eine extreme Zunahme der Hitze und Dürre haben – und zwar gerade auch in Mitteleuropa. Erinnern Sie sich an den Hitzesommer 2003? Damals war es noch heißer als dieses Jahr, und auch jetzt führt die Trockenheit in Europa sogar in Schweden zu Waldbränden. Solche Jahre bekommen wir viel häufiger, mit einiger Wahrscheinlichkeit auch schon um das Jahr 2030.

Mit welchen Folgen?

Die Entwicklung ist in ihrer Komplexität nicht so leicht zu überblicken. Wenn im Sommer weniger Niederschlag fällt und gleichzeitig mehr Wasser verdunstet, trocknen Böden schneller aus und die Flüsse führen weniger Wasser. Gleichzeitig werden wegen der Hitze vermutlich mehr Leute als heute Klimaanlagen in ihre Häuser und Wohnungen bauen. Dadurch steigt der Stromverbrauch, während die Kühlkapazität der Flüsse für die Kraftwerke sinkt. Für Frankreich gibt es eine Untersuchung, der zufolge 30 Prozent des benötigten Stroms fehlen werden. An diesem Beispiel sieht man, dass Klimaschutz, Energieerzeugung und die Anpassung an die Klimafolgen eng miteinander verflochten sind.

Weniger Niederschläge wären aber wohl nicht nur für Kraftwerke ein Problem.

Eine Landwirtschaft ohne massive künstliche Bewässerung wird wohl auch in Mitteleuropa nicht mehr möglich sein. Vielleicht nicht in zwölf, aber in 40 bis 50 Jahren. Die Frage wird sein, ob wir überhaupt genug Grundwasser haben, um jedes Jahr drei Monate lang zu bewässern, denn das wäre bei einer Erwärmung von drei Grad notwendig. Im Jahresdurchschnitt wird zwar ungefähr so viel Niederschlag fallen wie heutzutage. Allerdings deutlich mehr im Winter und deutlich weniger im Sommer, also wird man vielleicht versuchen, den Winterniederschlag unterirdisch zu speichern, um ein Wasserreservoir für den Sommer anzulegen. Das Jahr 2003 war im Durchschnitt nur zwei Grad wärmer als das Mittel. Das ist doch nicht viel, denkt man da. Aber es ist das Jahresmittel! Wenn man einen Fuß in eiskaltes Wasser setzt und den anderen in kochendes, ist das im Durchschnitt auch okay.

„Warum produzieren wir inzwischen mehr Plastikmüll als herkömmlichen Abfall?“

Woran forscht das UFZ im Jahr 2030?

Viele der Herausforderungen von heute werden auch die Herausforderungen von morgen sein. Wir werden vermutlich noch immer nach Möglichkeiten suchen, wie die Gesellschaft mit den Veränderungen umgehen kann, die der Wandel des Klimas und der Landnutzung sowie das Bevölkerungswachstum auf globaler Ebene mit sich bringen. Mit unserer „Strategie 2025+“ haben wir uns hervorragend aufgestellt, um unsere Fähigkeiten im Bereich der Umweltforschung bestmöglich weiterzuentwickeln. Das haben uns auch die 32 internationalen Gutachter bescheinigt, die unsere Ergebnisse und unsere Ideen im April geprüft haben. Ich bin wahnsinnig stolz, dass es für alle Bereiche die Bestnote gab. Das ist für uns die Ernte nach zwölf, fünfzehn Jahren, seit die ursprüngliche Aufgabe des UFZ erledigt war, Konzepte für die damals kontaminierten Chemie-Standorte in Leuna und Bitterfeld mitzuentwickeln. Als ich 2004 als wissenschaftlicher Geschäftsführer antrat, war eine Neuorientierung gefragt, eine stärkere Hinwendung zu internationalen Themen. Gleichzeitig gehen wir zunehmend weg von Einzelperspektiven und widmen uns einer integrierten terrestrischen Umweltforschung.

Was bedeutet das?

Wir haben unsere Arbeit in vier Kernbereiche gegliedert: Ökosysteme, Wasserressourcen, Chemikalien und Biotechnologie. Die zwei Querschnittsbereiche Modellierung sowie Umwelt und Gesellschaft klammern unsere Ergebnisse, indem wir zum Beispiel aus den fach­spezifischen Daten und Fakten fachübergreifende Modelle und Szenarien mit hoher Vorhersagekraft entwickeln. Die notwendige sozialwissenschaftliche Expertise liefern unsere Ökonomen, Juristen, Soziologen und Politikwissenschaftler. Bei landwirtschaftlichen Fragen müssen beispielsweise die Nahrungsmittelsicherheit, eine rentable Landwirtschaft, aber auch der Schutz von biologischer Vielfalt, des Bodens, Grundwassers und rechtliche Rahmenbedingungen in Einklang gebracht werden. Solche komplexen Bilder zu erstellen, die die Auswirkungen unseres Handelns beschreiben, kann ein einzelner Wissenschaftler nicht leisten. Da braucht es eine integrierte Perspektive, und wir sind eine der wenigen Institutionen weltweit, die das hinkriegen.

Lassen sich damit auch Politiker beeindrucken?

Ich glaube, mit integrierten Bildern können wir in der Tat viel erreichen. Wir erleben das bereits bei Themen wie Klimawandel oder Artensterben: Exzellente Wissenschaft – international organisiert – hat es geschafft, auf die politische Agenda zu kommen. Ein vergleichsweise neues Thema, das dank eindrucksvoller Bilder die politische Wahrnehmung erreicht hat, ist die Vermüllung der Meere mit Plastik. Wie eine UFZ-Studie zeigt, wird das vor allem über große Flüsse ins Meer eingetragen. Diese Frage zu klären, war wichtig, weil wir an die Ursachen ran müssen. Es wäre zu einfach zu sagen, wir verzichten komplett. Denn es gibt durchaus Bereiche, etwa in der Medizin – da ist Plastik eine große Errungenschaft. Man kann aber schon heute einige konkrete Handlungsfelder benennen, wo Politik aktiv werden kann. Oder kann mir jemand erklären, warum wir inzwischen mehr Plastikmüll als herkömmlichen Abfall produzieren? Da ist die Legislative gefragt, und die Verpackungsindustrie sollte sich ernsthaft über Alternativen Gedanken machen.

„Von den Klimaskeptikern hat keiner eine Studie verfasst, die wissenschaftlichen Standards standhält.“

Und wenn sich Entscheidungsträger lieber auf gefühlte als wissenschaftlich überprüfte Wahrheiten verlassen?

Freilich gibt es in Zeiten von Fake News auch Politiker, die nicht auf Grundlage von Fakten handeln. Aber wer den Klimawandel und dessen Verursachung durch den Menschen leugnet, dem ist nicht zu helfen. Von den Klimaskeptikern hat keiner eine Studie verfasst, die wissenschaftlichen Standards standhält. Demgegenüber stehen die Arbeiten tausender internationaler Wissenschaftler, die im vierten Sachstandsbericht des Weltklimarats schon 2007 den menschgemachten Klimawandel belegt haben. Zahlreiche UFZler sind in solchen zwischenstaatlichen Bewertungsgremien als Fachexperten, Autoren und in Schlüsselpositionen beteiligt. Im Weltbiodiversitätsrat sind beispielsweise sieben unserer Forscherinnen und Forscher aktiv. Wir beraten die Europäische Umweltagentur in Wasserfragen, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit im Chemikalien- und Gesundheitsbereich, das Umweltbundesamt und viele, viele mehr.

Wird das UFZ seinen Einfluss im Jahr 2030 vom geplanten Hochhaus-Neubau aus ausüben?

Ja, bis dahin wird der Neubau ganz sicher stehen! Auch wenn sich das Projekt in der Tat zäh angelassen hat und der momentane Bauboom das Ganze nicht gerade einfacher macht, so gehen wir davon aus, dass wir Anfang 2019 den Grundstein legen werden und 2021 einziehen können. Mehr als 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Bereichen Chemikalien in der Umwelt und Biotechnologie werden darin forschen und ihre Expertise dann von dort aus für Mensch und Umwelt einsetzen.

Von der DDR-Altlastensanierung zu globalen Umweltstrategien

Forschung ist schon zu DDR-Zeiten an der Permoserstraße zu Hause. Noch 1990 sind hier mehr als 1700 Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften der DDR beschäftigt. Das Umweltforschungszentrum (UFZ) nimmt seinen Betrieb am 2. Januar 1992 als erste Einrichtung der Bundesrepublik auf, die sich ausschließlich mit Umweltforschung befasst.

Im Fokus stehen zunächst die ökologischen Probleme in der Region um Leipzig, Halle und Bitterfeld, in der im Namen von Chemie und Braunkohle jahrzehntelang Raubbau an der Natur betrieben worden ist. Seit 1995 hat das UFZ drei Standorte: im Wissenschaftspark Leipzig sowie in Magdeburg und Halle.

Etwa seit der Jahrtausendwende erweitert das UFZ sein Forschungsspektrum: Über Sanierungs- und Renaturierungsvorhaben in der regionalen Umgebung hinaus nehmen die Wissenschaftler globale Umweltprobleme in den Blick. Mit dieser Perspektive tritt der Hydrogeologe Georg Teutsch 2004 die Nachfolge von Gründungs­direktor Peter Fritz als wissenschaftlicher Geschäftsführer an. Der 1956 in Bukarest geborene Teutsch war bis dahin Direktor des Zentrums für Angewandte Geowissenschaften an der Universität Tübingen.

Mit seinen rund 1100 Mitarbeitern an den drei Standorten ist das UFZ im Verbund der bundesweit 18 Helmholtz-Zentren auf die Erforschung der terrestrischen Umwelt spezialisiert. Dazu gehören auch Binnengewässer wie Flüsse und Seen. Das jährliche Budget von rund 92
 Millionen Euro wird zu etwa zwei Dritteln mit öffentlichen Mitteln grundfinanziert. 90 Prozent davon steuert der Bund bei, je fünf Prozent tragen die Bundesländer Sachsen und Sachsen-Anhalt. Das übrige Drittel stammt aus den kompetitiv einzuwerbenden Drittmitteln und Forschungs­aufträgen.

Von Mathias Wöbking

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