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Wie Dächer die Leipziger Luft reinigen könnten

Umwelttechnologien Wie Dächer die Leipziger Luft reinigen könnten

Leipzig bekommt sein Luftverschmutzungsproblem einfach nicht in den Griff. Seit Jahren reißt die Stadt die Grenzwerte, besonders für gesundheitsgefährdende Stickoxide. Nun könnte ausgerechnet der Bauboom auf lange Sicht zu besserer Luft beitragen, durch besondere Dächer.

Neuartige Dachbahnen von Binné & Sohn Pinneberg, die Stickoxid aus der Luft absorbieren

Quelle: Binné & Sohn

Leipzig. Leipzig bekommt wie viele andere deutsche Großstädte auch sein Luftverschmutzungsproblem einfach nicht in den Griff. Trotz Umweltzone reißt die Stadt seit Jahren die Grenzwerte, besonders für gesundheitsgefährdende Stickoxide. Umweltverbände halten daher drastische Fahrverbote für Dieselfahrzeuge – diese gelten als Hauptverursacher der Emissionen – für unumgänglich und versuchen diese auch vor Gericht zu erwirken. Nun könnte ausgerechnet der mit Leipzigs rasantem Bevölkerungswachstum einhergehende Bauboom auf lange Sicht zur Verbesserung der Luftqualität beitragen.

„Wir haben jetzt bei der Minimierung von Stickoxid etwas Zählbares in der Hand“, berichtet Rainer Kriegel (63). Der Diplomingenieur ist in Sachsen Fachvertreter von Binné & Sohn. Das 138 Jahre alte Familienunternehmen aus Pinneberg bei Hamburg ist auf die Herstellung von Dachabdeckungen spezialisiert. Es hat zusammen mit einer dänischen Firma ein Verfahren entwickelt, das aus Bitumenbahnen nicht nur eine Dachabdeckung, sondern zugleich einen effektiven Luftfilter macht.

„Die Dachbahnen werden veredelt“, erklärt Kriegel. Sie bekommen eine spezielle Beschichtung. Der oberen Schieferschicht wird Titanoxid beigemischt, die so in der Luft befindliches giftiges Stickoxid absorbiert. „Durch die Sonneneinstrahlung wird die photokatalytische Oberfläche aktiviert und Stickoxid in Nitrat umgewandelt. Das ist ein Salz, wie es in ganz normaler Zahnpasta vorkommt, völlig unschädlich“, erläutert der Ingenieur das Prinzip. Regen spüle dieses Salz dann ab.

Das Messlabor für Photokatalyse am Institut für Technische Chemie der Leibniz-Universität Hannover hat die Spezialbahnen untersucht und ihnen eine „ausgezeichnete Abbauleistung“ attestiert. Schon mit 100 Quadratmeter Dachfläche ließe sich ein Kilo Stickoxid pro Jahr aus der Luft filtern. Kriegel: „Das ist so viel, wie ein Auto der Euro-5-Norm bei einer Fahrleistung von 10.000 bis 12.000 Kilometer im Jahr ausstößt.“ Die Lebensdauer der Bahnen? „30 bis 40 Jahre“, sagt er, „solange der Schiefersplitt drauf ist, bleibt die Filterfunktion erhalten.“

2014 hat Leipzig das erste und einzige Mal den gesetzlichen Grenzwert für Stickoxide von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter eingehalten. Die Konzentration der Stickstoff-Sauerstoff-Verbindungen, die die Lungenfunktion beeinträchtigen, Husten oder Bronchitis auslösen und bei Kindern das Lungenwachstum hemmen können, steigt wieder – auf 42 Mikrogramm pro Kubikmeter an den Stationen Mitte und Lützner Straße im vorigen Jahr.

Kriegel ist völlig klar, dass der Luftfilter allein nicht die Welt retten kann. Um den Stickoxid-Ausstoß aller in Leipzig zugelassenen Fahrzeuge vollständig zu neutralisieren, müsste eine Fläche zehnmal so groß wie der Cospudener See mit den Spezialdachbahnen ausgelegt werden. Das ist natürlich illusorisch. Der Ingenieur sieht sie daher eher als einen Beitrag unter vielen zu einer saubereren Umwelt.

Sein Pilotprojekt hat Binné & Sohn in Schleswig-Holstein gestartet. Ein ganzes neues Wohnquartier in Elmshorn wurde mit den Stickoxid-Killern ausgestattet. Auch in Sachsen kommt die Technologie jetzt erstmals zum Einsatz. Derzeit wird das Dach eines neuen Altenpflegeheims in Hohburg bei Wurzen mit den so genannten „NOx-off“-Bahnen ausgelegt, die dort die jährlichen Stickoxid-Emissionen von 15 Pkw neutralisieren sollen.

Schon lange träumen Wissenschaftler von Städten, die sich selbst reinigen. Die Stickoxid-fressenden Dachbahnen sind ein Meilenstein auf diesem Weg. Das Prinzip der Photokatalyse wird auch schon in anderen Bereichen des Städtebaus eingesetzt. Längst gibt es etwa in Stuttgart, Bottrop oder Detmold Pflastersteine, die – auf einem ähnlichen Prinzip beruhend – Stickoxide aus der Luft fischen. Künftig könnten auch ganze Hauswände als Luftfilter dienen.

Gerade in so rasant wachsenden Großstädten wie Leipzig dürften die Stickoxid-Killer-Technologien eine größere Bedeutung bekommen. Umweltbürgermeister Heiko Rosenthal (Linke) will zwar noch in diesem Jahr einen neuen Luftreinhalteplan vorlegen. Doch der Pkw-Bestand steigt trotz aller Anstrengungen, die Mobilitätswende hin zu öffentlichem Nahverkehr, Fahrrad oder Carsharing zu meistern, kontinuierlich. Kriegel: „Aber kein Mensch kann uns derzeit versprechen, dass aus einem Auto saubere Luft kommt. Wir müssen lernen, mit den Folgen unserer Mobilität umzugehen.“

Klaus Stäubert

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