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Wie Leipzig vor 100 Jahren seinen Bevölkerungsboom managte

LVZ-Interview mit Helge-Heinz Heinker Wie Leipzig vor 100 Jahren seinen Bevölkerungsboom managte

er Wirtschaftsjournalist Helge-Heinz Heinker hat mit einem tiefgründigen Vortrag im Stadtarchiv über Leipzigs Industriegeschichte für Aufsehen gesorgt. Er hat herausgefunden, dass eines der großen Erfolgsgeheimnisse des rasanten Aufstiegs des alten Leipzigs auf dem engen Zusammenwirken des weitblickenden Oberbürgermeisters Otto Georgi mit seinem Baudezernenten Hugo Licht beruhte.

Leipzigs alter Schlachthof – der in Hochindustrialisierungsphase entstand (Foto) – ist heute kein Schlachthof mehr. Ein Teil der Gebäude wird noch vom Mitteldeutschen Rundfunk genutzt, der auf dem Gelände seine Zentrale errichtet hat.

Quelle: LVZ

Leipzig.  

Historiker meinen, Leipzig sei erst spät auf den Zug der Industrialisierung aufgesprungen. In Chemnitz entstanden erste Fabriken bereits 30 Jahre früher. Was hat das mit Genialität im Leipziger Rathaus zu tun?

Leipzigs Bürgertum war über Jahrhunderte mit dem Handel reich geworden und sah keinen Grund, das zu ändern. Die Unternehmer, die die Industrialisierung in Leipzig möglich machten, kamen oft von auswärts und waren findige Tüftler. Ihnen half, dass sich damals im Leipziger Rathaus Leute befanden, die ihnen geschickt Räume öffneten. Und Stadtbaumeister Hugo Licht schuf repräsentative Bauten, die Leipzigs Anspruch auf reichsweite Geltung für jedermann sichtbar machte.

Wer hat das alles konzipiert?

Vor allem Oberbürgermeister Otto Georgi. Er stand an der Spitze der Stadt in der Hochindustrialisierungsphase, als Leipzig bis 1900 einen gewaltigen Einwohnerzuwachs erlebte und zur Nummer 4 unter den deutschen Großstädten aufstieg.

Wie hat Georgi agiert?

Unter seiner Führung betrieb das Rathaus eine strategische Grundstückspolitik und stellte durch die Eingemeindung der umliegenden aufstrebenden Industriestandorte die Weichen für eine beschleunigte Stadtentwicklung.

Was ist daran so genial?

Er hat das Kunststück vollbracht, ausschließlich im Gesamtinteresse der Stadt zu handeln – teilweise im starken Gegensatz zu Einzelinteressen ganzer Branchen. Am Ende führte das dazu, dass die ganze Stadtgesellschaft profitierte.

Wie muss man sich das vorstellen?

Am Beispiel des Baus des Leipziger Schlachthofes: Er entstand als städtischer Schlachthof gegen das Interesse der Fleischerinnung – weil Georgi die Kontrolle über eine gesunde Lebensmittelversorgung behalten wollte und das eine wichtige Voraussetzung für das Bevölkerungswachstum war. Bei der Standortwahl entschied er sich für den Süden Leipzigs, um im Norden das Areal für den Bau des künftigen Hauptbahnhofes frei zu halten – obwohl zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht entschieden worden war, dass er gebaut wird. Kein Mensch hat zu dieser Zeit über den Hauptbahnhof gesprochen.

Aber eine Industrialisierung gelingt doch nur, wenn toughe Unternehmer Industriefirmen gründen. Das hat Georgi aber nicht getan.

Ja, aber Unternehmer gründeten in Scharen Firmen, weil sie in einer aufstrebenden Stadt wie Leipzig technische Neuerungen umsetzen wollten. Leipzig war damals der deutsche Aufsteiger unter den Städten – das Bevölkerungswachstum ist nur mit dem heutigen vergleichbar. Die Stadt wurde damals so etwas wie ein globaler Wissensspeicher – wegen ihrer einmaligen Kombination aus polygraphischem Maschinenbau, Druckindustrie, Verlagswesen und Messe.

Frage: Wie hat Georgi das hinbekommen?

Durch ständigen persönlichen Kontakt mit den Unternehmern. Manchmal genügte schon ein Sonntagsspaziergang im Rosental für den direkten Meinungsaustausch, wohin sich die Stadt und ihre Unternehmen entwickeln sollten. Georgi brachte damals zustande, die richtigen Branchen zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu etablieren.

Historiker berichten, damals hätten sich Leipzigs Stadtpolitik und Wirtschaft gegenseitig hochgeschaukelt und erst dadurch sei der industrielle Boom so gewaltig geworden...

Aus der Spitzen-Wirtschaftkraft resultierte eine Spitzen-Steuerkraft. Die Stadt konnte so zum Beispiel eine städtische Gewerbeschule gründen und betreiben, deren Absolventen von den hiesigen Unternehmen aufgesogen wurden. Die Finanzkraft der Stadt wurde auch genutzt, um die modernste Infrastruktur für eine Millionenstadt zu bauen. Der Hauptbahnhof wurde auf Zuwachs gebaut, auch das Wassernetz und die Energieversorgung. Und Leipzig hat sich geschickt mit seinen Nachbarn verbündet.

Mit welchen Nachbarn?

Mit den stärksten Unternehmen aus einem Umkreis von etwa 200 Kilometern und dem klaren Ziel, wie diese Unternehmen international auftreten sollten. Dafür hat Leipzig unter anderem die sächsisch-thüringische Industrie- und Gewerbeausstellung 1897 ausgerichtet. Das war nicht nur eine unterhaltsame Ausstellung, sondern sichtbare, strategische Industriepolitik.

Lässt sich das in einer globalisierten Welt wie heute wiederholen?

Im Grunde ja.

Wie müsste das heute funktionieren?

Das Geheimnis ist, die richtigen Schwerpunkte zu setzen. Georgi ließ zum Beispiel keine Gelegenheit verstreichen, die Bedeutung der Leipziger Messe für die Weltgeltung der Leipziger Industrie zu betonen. Heute hat man den Eindruck, dass sich Leipzigs Rathaus und die Leipziger Messe in parallelen Welten bewegen, obwohl die Hälfte der Messe der Stadt Leipzig gehört.

Vielleicht ist die Messe für Leipzigs Stadtentwicklung gar nicht mehr so wichtig, weil die Konkurrenz so übermächtig ist? Vielleicht sind die Autoindustrie und die Logistik-Branche in einer globalisierten Welt viel wichtiger?

Vor übermächtiger Konkurrenz hat sich Leipzig vor über hundert Jahren nicht gefürchtet. Weil bekannt war, dass starke Handelsveranstaltungen wichtig für Industrie mit Weltmarktanspruch sind. Stadt, Messe und Unternehmen probten in der Praxis den engen Schulterschluss. Davon hat sich die Wirtschaftswelt zweimal im Jahr überzeugen können.

Leipzigs Bevölkerung explodiert heute wie zu Georgis Zeiten. Die Stadt braucht dringend mehr Arbeitsplätze. Gibt es historische Muster, aus denen wir lernen können?

Geniale Tüftler gibt es auch heute. Sie müssen in Leipzig optimale Bedingungen für neue Produkte und neue Verfahren vorfinden – so wie vor über hundert Jahren. Allgemeingültig ist, an der Spitze des technischen Fortschritts zu stehen. Dafür müssen sich die heutigen Mittelständler verbünden, vor allem, um neue Produkte zu entwickeln. Nur so haben sie Chancen im globalen Wettbewerb. An der historischen Startlinie waren die Leipziger Industriefirmen ungefähr gleich groß, heute tritt David gegen Goliath an. Nur mit dem kopieren bekannter Entwicklungen gelingt ein wirtschaftlicher Aufschwung wie damals nicht wieder.

Aber auch damals gab es doch viele Tüftler, die in führenden Unternehmen Englands hemmungslos Ideen abgekupfert haben.

Das stimmt – aber sie haben sie sofort weiterentwickelt, neue Produkte daraus gemacht.

Interview: Andreas Tappert

Info: Am 17. März folgt um 18.30 Uhr der nächste Vortrag von Helge-Heinz Heinker im Stadtarchiv, Torgauer Straße 74. Diesmal geht es um Leipzigs Ringen um Weltniveau in den Jahren 1945 bis 2015. Der Eintritt ist frei.

Von Andreas Tappert

Leipzig, Torgauer Straße 74 51.3475035 12.4203403
Leipzig, Torgauer Straße 74
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