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Wie Leipzigs Kultur mit der wachsenden Stadt umgeht

Leipzig wächst – und nun Wie Leipzigs Kultur mit der wachsenden Stadt umgeht

Leipzig platzt aus allen Nähten. Jedes Jahr lassen sich mehr als 10 000 Menschen neu nieder; 2030 könnte es rund 720 000 Leipziger geben. Die LVZ zeigt in einer Serie, wie Deutschlands Boomtown die Weichen für die Zukunft stellt. Heute: die Kultur.

Regelmäßig voll besetztes Parkett, leerer Rang: Die Musikalische Komödie könnte 200 Plätze mehr verkaufen, wenn der Ausbau des Rangs in Gang kommen würde.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Ein Festival in Österreich, ein Gastspiel in Wolfsburg, die Ruhrfestspiele, die Schülertheatertage und das laufende Programm zu Hause. Lydia Schubert schaut auf ihren Mai-Kalender und runzelt die Stirn. „Bei der Dichte unseres Spielplans und der kleinen technischen Mannschaft, die wir hier haben, stoßen wir an die Grenzen unserer Ressourcen“, sagt die Verwaltungsleiterin des Theaters der Jungen Welt. Mit 52 Mitarbeitern ist das Haus am Lindenauer Markt nicht nur der kleinste und meistspielende städtische Kulturbetrieb. „Wir sind auch das am effizientesten arbeitende Theater der Stadt“, weiß Intendant Jürgen Zielinski, seit das Beratungsunternehmen Actori die kommunalen Kulturbetriebe auf der Suche nach Einsparpotenzialen auf Herz und Nieren prüfte. Mit einem vergleichsweise bescheidenen städtischen Jahreszuschuss von knapp vier Millionen Euro und 755 Vorstellungen erreichte das Ensemble im vorigen Jahr 65 000 Besucher – Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und Familien. Die Lindenauer spielen auch vor Unterrichtsklassen, sie geben „Theatrale Mathestunden“, verstehen sich als Demokratie-Vermitler, machen sogar Theater für die ganz Kleinen, halbstündige Programme für Jungen und Mädchen ab zweieinhalb n. Hier formt sich eine neue Publikumsgeneration. „Da könnten wir noch mehr spielen“, sagt Zielinski. Dass die Stadt wächst und gerade einen Geburtenboom wie lange nicht erlebt, merken auch die Kulturbetriebe.

Doch während überall in Leipzig aus diesem Grund Häuser mit neuen Wohnungen entstehen, Kindergärten und Schulen wie Pilze aus dem Boden schießen, bleibt Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke (Linke) gelassen. „700 000 Einwohner verkraften wir in den jetzigen Strukturen gut“, erklärt sie. „Es ist nicht notwendig, ein weiteres Theater oder einen neuen Konzertsaal zu bauen.“

Mit der Bevölkerung wuchs in den zurückliegenden Jahren zwar auch das Publikum der großen Häuser und damit erfreulicherweise deren Auslastung, an der sich Erfolg oder Misserfolg festmacht. Doch nicht jeder Zugereiste sei nun mal ein Opern-Fan. Als Ulf Schirmer 2011 Opernintendant wurde, lag die Auslastung des Betriebes mit seinen insgesamt 154 000 Besuchern bei gerade mal 62 Prozent. Im vergangenen Jahr zählte er schon 189 000 Besucher, die Auslastung war auf 77 Prozent gestiegen. Jennicke ist überzeugt: „Dass die Oper heute deutlich mehr Publikum anzieht, hat vor allem etwas mit Qualität zu tun.“ Auch Verwaltungsdirektor Ulrich Jagels sieht den Grund für die gestiegenen Zuschauerzahlen zuvorderst im Spielplan. Bei einem schlechten Angebot bleibe ein Theater auch in einer Millionenstadt leer. Jagels: „Wir haben ein komplett neues Repertoire aufgebaut, die Art und Qualität der Inszenierungen verbessert, die Ausstattungen sind opulenter geworden.“ Verdi, Puccini, Wagner, Strauss... „Das trifft den Geschmack des Publikums.“ Das Angebot hat allerdings seinen Preis. 48 Millionen Euro erhält allein der Eigenbetrieb Oper, zu dem auch die Musikalische Komödie in Lindenau gehört, mit seinen insgesamt 663 Beschäftigen in diesem Jahr von der Stadt. Das Gewandhaus (282 Mitarbeiter) erhält 19 Millionen Euro, 16 Millionen Euro das Schauspiel (183 Mitarbeiter).

Der Kulturhaushalt sieht dieses Jahr kommunale Zuschüsse an Kultureinrichtungen in Höhe von 101 Millionen Euro vor. Dazu kommen 30 Millionen Euro aus dem Sächsischen Kulturraumgesetz sowie die eigenen Einnahmen der Unternehmen. Jennicke: „Insgesamt umfasst das Kulturbudget 2017 im Haushalt 145 Millionen Euro.“

Selbst wenn alle Vorstellungen restlos ausverkauft wären, kämen die Betriebe nicht ohne diese Subventionen aus. Die Ticketeinnahmen der Oper etwa liegen trotz guter Auslastung nur bei sechs Millionen Euro – dabei kosten die teuersten Karten schon 78 Euro. „Theater sind nie kostendeckend“, sagt Jennicke. „Allein um die Qualität zu halten, müssen wir jedes Jahr mehr Geld einsetzen.“ Auf ein jährliches Plus von 2,5 Prozent hat sich die Stadt bis zum Jahr 2020 daher schon verpflichtet.

Dieser Preisentwicklung hält die Lebensrealität vieler Menschen auch in einer wachsenden Stadt jedoch nicht stand. „Es ist wichtig, dass sich auch Leute mit kleinem Geldbeutel eine Karte für die Oper oder das Gewandhaus kaufen können“, so die Kulturbürgermeisterin. Deshalb gibt es in Leipzig beispielsweise „KulturLeben“, eine an das soziokulturelle Zentrum „Die Villa“ angedockte Initiative. Dorthin melden private und öffentliche Kulturanbieter, auch die Oper, kurzfristig freie Plätze. Diese werden dann über die Plattform an einkommensschwache Leipziger kostenlos abgegeben. Inzwischen haben sich bei „KulturLeben“ schon 1000 Leipziger registriert.

Die Oper versteht sich als klassisches Stadttheater. Das Stammpublikum kommt im Schnitt sechs, sieben Mal pro Saison. Nach 40 Jahren wurde in dem Haus am Augustusplatz 2016 erstmals wieder der komplette „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner aufgeführt. Zweimal lief der aufwändige und den Künstlern alles abverlangende Zyklus, einmal davon in nur vier Tagen. 40 Prozent des „Ring“-Publikums kamen aus dem Ausland. Das ist Ansporn. Und so setzt Jagels auch künftig auf themenbezogene Wochenenden, auf „Kultur-Events“, die attraktiver sind als eine einzelne Vorstellung und mit denen sich vor allem deutschlandweit und international punkten und die Akzeptanz der Sparte Oper weiter steigern lässt.

Nur noch wenig Steigerungsmöglichkeiten bietet hingegen die Musikalische Komödie. Für Skadi Jennicke ist das Musical- und Operettenhaus „ein historisches Vorstadttheater mit ganz eigenem Charme“. „Hier spürt man den Dirigenten atmen, selbst in der dritten Reihe“, schwärmt sie. Das ist ein besonderes Flair. Acht von zehn Vorstellungen sind hier restlos ausverkauft. Wer dabei sein will, muss oft lange im Voraus Karten bestellen. Denn mehr als 530 Zuschauer passen momentan nicht ins Theater. „Weil die Muko eine so konstant hohe Auslastung hat, sehen wir dort ein hohes Potenzial“, so der Verwaltungschef. Seit Ewigkeiten ist der Rang gesperrt. „Wir könnten hier die Kapazität um 200 Plätze erhöhen“, sagt Jagels. Ein Thema sei das aber frühestens für den nächsten Doppelhaushalt 2019/20. Die Kosten für den Saal- und Rangausbau schätzt das Kulturdezernat auf rund drei Millionen Euro.

Der Erhalt der Kultureinrichtungen – egal ob Gewandhaus, Oper, Schauspiel, Theater der Jungen Welt, Museen, Bibliotheken oder Soziokulturzentren – war in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten stets an die Frage gekoppelt: Was ist notwendig, was ist machbar? Dennoch konnten in dieser Zeit 380 Millionen Euro in die Kulturlandschaft der Stadt investiert werden. „Das ist eine besondere Leipziger Erfolgsgeschichte“, hebt Kulturbürgermeisterin Jennicke hervor.

Sie, die von Hause aus Dramaturgin ist, ist jetzt seit genau einem dreiviertel Jahr Leipzigs Kulturbürgermeisterin. „Was man als Dramaturg lernt, ist konzeptionell und strukturell zu denken“, erzählt sie. Eine ihre ersten Amtshandlungen war wohl auch deshalb, dem Stadtrat eine Investitionsstrategie für die Kultureinrichtungen vorzulegen. Darin listet sie detailliert den Sanierungsstand und den Investitions- und Instandhaltungsbedarf bis 2020 auf. In Summe geht es allein bei den Eigenbetrieben Gewandhaus, Schauspiel, Oper, Theater der Jungen Welt und Musikschule „Johann Sebastian Bach“ um 36 Millionen Euro. Daneben gehören noch 33 Liegenschaften zum Kulturdezernat, darunter das 2004 eröffnete Museum der Bildenden Künste oder das Gohliser Schlösschen, das Bosehaus, das Conne Island, das Schillerhaus und das Grassi-Museum für Angewandte Kunst, für die allesamt bereits die Sanierungen abgeschlossen sind. Seit 2014 läuft die 5,8 Millionen Euro schwere Sanierung des Soziokulturzentrums „Anker“ in Möckern. Die Fertigstellung ist nunmehr im ersten Quartal nächsten Jahres geplant.

Mit dieser Politik hat die Stadt auch die Weichen dafür gestellt, dass sich über die Jahre in Leipzig eine vitale freie Kulturszene etablieren konnte. „Wir haben eine deutliche Konzentration der Angebote im Süden, Lücken im Osten und im Westen. Der Norden kommt durch kulturelle Pionierarbeit langsam in Fahrt, nicht zuletzt durch die Nacht der Kunst“, schätzt Jennicke ein. Die Kommune finanziert die freie Szene mit 5,9 Millionen Euro im Jahr. Auch Musikschule, Gewandhaus, Oper und Schauspiel drängen mittlerweile in die Fläche. „Die Leute“, sagt Jennicke, „identifizieren sich stärker über ihren Stadtteil.“ Jürgen Zielinski, der Intendant des Theaters der Jungen Welt, hat die Idee einer „Brücken-Spielstätte“ im Zentrum im Kopf. Gerade Stadtteile, die nicht so gut an das Theater im Westen angebunden sind, ließen sich damit möglicherweise besser erreichen. Für sinnvoll hält er es auch, neue Schulen gleich mit einem Theaterraum auszustatten, der dann für den Stadtteil öffentlich nutzbar ist.

Denn Leipzig, die sich derzeit am dynamischsten entwickelnde Großstadt in Deutschland, sieht sich zunehmend auch mit den Schattenseiten des Wachstums konfrontiert. Die Mieten steigen, Grundstücke werden knapp und teurer. Auch Künstler trifft diese Entwicklung. Sie können sich zentral gelegene Atelierräume immer weniger leisten. In Lindenau fürchtet die subkulturelle Szene, mit den Ausbauplänen für das Westwerk unter die Räder zu kommen. Die Tage des Naturkundemuseums in der Innenstadt sind gezählt.

„Wachstum heißt Verdrängung“, räumt die Kulturbürgermeisterin ein. „Das ist ein ungelöstes städtebauliches Problem. Keine Großstadt, weder München noch Berlin, hat darauf bislang eine passende Antwort gefunden.“ Dort, wo der Einzelne keinen Fuß mehr aufs zu teuer gewordene Immobilienparkett bekommt, könnte die Gemeinschaft helfen. Künstlerkollektive in Eigentum zu bringen, hält Jennicke daher für eine überlegenswerte Alternative. Seit 2013 fördert die Stadt beispielsweise mit jährlich 20 000 Euro eine Atelierbörse beim Bund bildender Künstler. Diese vermittelt Räume zu annehmbaren Preisen. Beim Naturkundemuseum sieht sie die Sache mit der Verdrängung etwas anders. „Wir geben hier einen Standort im Zentrum auf, um einen anderen zu schaffen. Stadt und Freistaat nehmen dafür 11,2 Millionen Euro in die Hand.“ Der Vorbehalte gegen das Spinnereigelände in Plagwitz ist Jennicke sich bewusst. „Dr. Leder und sein Team werden in Plagwitz eine attraktive Dauerausstellung schaffen. Und dann wird das Publikum die weniger zentrale Lage in Kauf nehmen. Zudem bezweifle ich, dass wir in zehn Jahren bei der Lage noch von Stadtrand sprechen.“

Von Klaus Staeubert

Leipzig 51.3396955 12.3730747
Leipzig
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