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Wie Unister-Chef Thomas Wagner in Venedig betrogen wurde

Interne E-Mails enthüllt Wie Unister-Chef Thomas Wagner in Venedig betrogen wurde

Was machte Thomas Wagner in Venedig? Interne E-Mails enthüllen nun: Es ging um ein Millionengeschäft, in das ein israelischer Diamantenhändler und diverse Finanzvermittler involviert waren. Insider zweifeln unterdessen, ob das Unglücksflugzeug für eine solche Reise geeignet war.

Kerzen und Blumen in Gedenken an Thomas Wagner vor der Unister-Zentrale in Leipzig.
 

Quelle: Kempner

Leipzig. Die Geschichte von Thomas Wagners letzter Reise liest sich wie ein Finanzthriller. Am Ende sind vier Männer tot, abgestürzt mit einem Kleinflugzeug vom Typ Piper PA-32R über den Wäldern Westsloweniens. Vertrauliche E-Mails, die der LVZ nun vorliegen, offenbaren die mysteriösen Hintergründe der Venedig-Reise. Im Mittelpunkt steht dabei ein millionenschweres Geldgeschäft mit einem israelischen Diamantenhändler und mehreren Finanzvermittlern.

Den Kreditdeal bahnt Thomas Wagner Ende Juni an. Hilfe bekommt der Geschäftsführer des Internetriesen Unister von einem ehemaligen Bankfilialleiter aus Leipzig, der heute in der Nähe von Hannover lebt. „Ich übersende Ihnen den besprochen Mustervertrag, der maßgeblich wäre für eine Privatfinanzierung von bis zu 15 Millionen Euro an Sie“, schreibt Karsten-D. K. am 28. Juni per E-Mail an Wagner. Der 38-Jährige antwortet prompt. Keine Viertelstunde nach Posteingang bittet er um ein Telefonat mit K. Am nächsten Tag folgt eine zweite E-Mail mit den Details über die Abwicklung.

Geldkoffer mit einer Million Euro

Beteiligt sein sollen als Vermittler neben K. ein Herr Sch. und Heinz Horst B. (65), der später gemeinsam mit Wagner beim Flugzeugabsturz ums Leben kommt. Im Detail geht es um zehn Millionen Euro, wie aus den internen Papieren hervorgeht. Das Geld will der israelische Geschäftsmann Levy V. zur Verfügung stellen. Zwischenhändler Sch. und der potenzielle Geldgeber aus dem Nahen Osten sollen sich seit 17 Jahren aus dem Diamantenhandel kennen. „Er hat immer gute Geschäfte mit ihm gemacht und hat auch nie Negatives über ihn gehört“, schreibt Karsten-D. K. an Wagner über die Erfahrungen von Sch. Im Internet sei über den Israeli nichts zu finden, was angesichts der Diskretion seiner Geschäfte nicht verwundere.

Wagner soll den Kredit in Schweizer Franken erhalten, das Geschäft in einem Hotel oder einer Kanzlei in Venedig abgewickelt werden. Voraussetzung: Der Unister-Chef bringt selbst einen mit einer Million Euro gefüllten Geldkoffer mit. Die Summe diene als Sicherheit. Damit solle im Wesentlichen eine Kreditausfallversicherung bezahlt werden. K. bietet zudem an, mit nach Venedig zu fahren. Er wolle die Abwicklung überwachen. Der ehemalige Banker drängelt. „Ab dem 20. Juli beginnen in Italien die großen Ferien, dann wird Herr V. – wie ich hörte – für zwei Monate abwesend sein.“

Wagner kommt ein schneller Vertragsabschluss gelegen. Die Eckdaten scheinen zu passen. Das Darlehen soll er innerhalb von zehn Jahren zurückzahlen. In den ersten beiden Jahren werden keine Zinsen fällig, danach 2,75 Prozent. In Venedig soll der Unister-Manager einen Geldkoffer mit 2,5 Millionen Euro in Schweizer Franken erhalten, der Rest von 7,5 Millionen Euro werde nach Geschäftsabschluss überwiesen. Eine halbe Million Schweizer Franken sollen K., Sch. und B. als Provision erhalten, fünf Prozent der Gesamtsumme.

Wagner lässt sich Falschgeld unterjubeln

Am Mittwoch vergangener Woche holen Heinz Horst B. und der 73 Jahre alte Fluglehrer und Pilot Kurt E. mit ihrem Kleinflugzeug Wagner und dessen Mitgesellschafter Oliver Schilling (†39) in Leipzig ab. Anschließend machen sie sich auf in die italienische Lagunenstadt. Was dort in einer Hotellobby genau abläuft, ist nicht erwiesen. Auskunft könnte Karsten-D. K. geben. Er ist mit dem Auto nach Venedig gereist und inzwischen auf Tauchstation gegangen. Die wahrscheinlichste Variante: Wagner und Levy V. tauschen ihre Geldkoffer aus und besiegeln damit ihr Geschäft. Später wollen sie sich noch einmal in einer Bank treffen, Levy V. erscheint aber nicht. Wagner und Schilling werden nun misstrauisch und untersuchen die Frankenscheine. Unter einer Lage sauberer Noten finden sie Falschgeld. Es ist der größere Teil des Betrages. Der Unister-Chef geht in Venedig zur Polizei und erstattet Anzeige.

Dies deckt sich auch mit den Erkenntnissen der slowenischen Polizei. Nach dem Absturz wird nur ein Teil des Geldes – etwa 10.000 Franken – bei Wagner gefunden, nach Informationen der slowenischen Zeitung Primorske Novice in einem Rucksack. „Daneben verschiedene Dokumente, die belegen, dass der 38-Jährige in Italien um eine größere Summe Geld betrogen wurde”, bestätigte Dean Božnik, Sprecher der Polizei in Nova Goriza der LVZ.

Unister-Gesellschafter Daniel Kirchhof vermutet hinter der Venedigreise seines verunglückten Partners kriminelle Handlungen. Sein Verdacht reiche „bis hin zur Geldwäsche“, sagte er am Mittwoch. „Die Frage ist, welches Geld ist es gewesen und woher kommt es“, sagte er mit Bezug auf die am Absturzort gefundenen 10 000 Schweizer Franken.

Trauer um Unister-Gründer und Geschäftsführer Thomas Wagner: Vor der Unisterzentrale im Leipziger Barfußgässchen wurden am Freitag Blumen abgelegt.

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Wegen der Verzögerungen können die vier Deutschen erst am nächsten Donnerstagmorgen wieder in Richtung Leipzig starten und werden hier um 14.45 Uhr erwartet. Doch kurz hinter der italienisch-slowenischen Grenze gerät die Maschine in Turbulenzen – vermutlich wegen Vereisung. „An diesem Tag sprachen einige Piloten von Problemen mit Eis“, berichtet Katja Tratnik von der slowenischen Luftverkehrsaufsicht. Es wehen ungewöhnlich kalte Winde über dem Westen des Landes. Das Flugzeug mit den Unister-Managern an Bord verschwindet gegen 10.51 Uhr, etwa eine halbe Stunde nach dem Start, in einer Höhe von rund 3200 Metern vom Radar und stürzt in ein Waldgebiet.

Piper 32 laut Experten für Alpenüberflug ungeeignet

Unter Experten mehren sich inzwischen Stimmen, dass die Piper für einen Flug dieser Art gar nicht geeignet gewesen sei. Das einmotorige, sechssitzige Propellerflugzeug wurde für Überlandflüge konzipiert und verfügte nicht über eine Enteisungsanlage. „Für einen Alpenüberflug war es die falsche Wahl. Die Bedingungen waren zudem zu schwierig, um an diesem Tag in dieser Höhe zu fliegen“, sagt ein Insider. Ob ein Pilotenfehler, ein technischer Defekt oder womöglich eine Manipulation an der Maschine zu dem Unglück führte, wird nun von slowenischen Luftfahrtexperten untersucht. Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) werde selbst nicht nach Slowenien reisen, arbeite jedoch in einem Beobachterstatus eng mit den erfahrenen örtlichen Ermittlern zusammen, erklärte ein BFU-Sprecher in Braunschweig auf LVZ-Nachfrage.

Unister-Chef Thomas Wagner ist beim Absturz eines Kleinflugzeugs in Slowenien ums Leben gekommen. Die Unglücksstelle befindet sich bei Predmeja im Westen des Landes. Fotos: dpa

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Um zweifelsfrei festzustellen, dass Wagner und Schilling in dem Flugzeug saßen, wurde inzwischen auch das Bundeskriminalamt (BKA) eingebunden. Es koordiniert laut einer Sprecherin den DNA-Abgleich, der die Identität der Leichen bestätigen soll. Dafür wurde Vergleichsmaterial nach Ljubljana geschickt, wo die vier Deutschen auch obduziert werden. Wann die sterblichen Überreste in die Bundesrepublik überführt werden, steht noch nicht fest.

Von Matthias Roth und Robert Nößler

Alle Informationen zur Akte Unister erhalten Sie in unserem Themenspecial.

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