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Lokales Wie das Doppel-M auf das Leipziger Wintergartenhochhaus kam
Leipzig Lokales Wie das Doppel-M auf das Leipziger Wintergartenhochhaus kam
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10:27 18.08.2017
Das Doppel-M steht: In 95 Metern Höhe wurde die Leuchtreklame 1971/72 auf dem Dach des Wintergartenhochhauses in Leipzig errichtet. Quelle: Archiv Gerd Dachsel
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Leipzig

Ein Mercedes-Stern dreht sich bald auf dem Wintergartenhochhaus. Er soll das riesige Doppel-M der „Mustermesse“ ersetzen, das seit 1972 über Leipzig leuchtet. Davon ging Gerd Dachsel 1992 zumindest fest aus. Der Experte für Leuchtreklamen führte Vertreter des Stuttgarter Autoherstellers damals auf die Plattform des 95-Meter-Hochhauses. „Sie boten viel Geld, um das Doppel-M zu übernehmen und umzubauen“, erinnert sich der heute 75-Jährige. „Man hätte die beiden M’s rausgeschnitten und dort den Stern eingesetzt. Vorbild dafür war der Mercedes-Stern auf dem Europa-Center in Berlin.“

Dass die Leipziger Messe vor 25 Jahren der finanziellen Verlockung widerstand und sich für den Erhalt ihres blau-gelben Riesen-Signets entschied, freut ihren Erbauer heute besonders. Der Chemnitzer Dachsel war 1971/72 Projektkoordinator für die Planung und Anbringung des Logos auf dem 26-Geschosser. 8,80 Meter hoch, mehr als zehn Tonnen schwer und rund 600 Meter verbaute Neonröhren: Es war ein Mammutprojekt, das er mit der PGH Elektro Thalheim damals realisierte – und eines der schwierigsten, wie er sagt. In seinem Archiv hat Dachsel noch dutzende Fotos vom Tag, als Leipzig eines seiner bekanntesten Leucht-Wahrzeichen erhielt. Er selbst steht auf einer Aufnahme stolz inmitten seiner Kollegen auf dem Dach des Hochhauses.

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Ein "Kletterkran" hob am 10. Dezember 1971 das Doppel-M auf das Wintergartenhochhaus in Leipzig. Gerd Dachsel war damals Projektleiter und erinnert sich ...

Kran hob Doppel-M aufs Dach

„Es gab einen echten Konkurrenzkampf, auch damals“, erzählt der Vakuumtechniker und Elektromeister. Gegen die PGH Neontechnik aus Leipzig und die VEB Neontechnik Halle setzte sich sein 15-Mann-Betrieb aus dem kleinen Ort Thalheim bei Chemnitz durch – weil sie die komplizierten Vorgaben der Messe lösen konnten. Das Doppel-M sollte frei stehen und nur an den Rändern mit dem Außenring verbunden sein. Aufgrund des Winds und der Größe der Anlage sei das eine enorme Herausforderung gewesen, so Dachsel. Mit Hilfe des Statikers Willi Oscar Gruner gelang dem Abteilungsleiter für Leuchtwerbeanlagenbau das technische Meisterstück. Das gigantische, auf einem Drehlager befestigte Signet hält bis heute jedem Sturm stand – seit inzwischen gut 45 Jahren.

Das Doppel-M früher und heute: Das Logo der Messe dreht sich seit 1972 (links und Mitte) auf dem Wintergartenhochhaus. 2017 wurde es saniert. Quelle: Gerd Dachsel (2) / Dirk Knofe

Wenn Dachsel heute vom 10. Dezember 1971 erzählt, dann leuchten seine Augen. Mit Hilfe eines Kletterkrans aus Schweden wurde damals zunächst der Stahl-Unterbau und anschließend das Doppel-M auf den höchsten Wohnblock Leipzigs gehoben. Der Planungsprozess hatte zuvor mehr als ein Jahr in Anspruch genommen.

Forderung der Messe war, dass das Doppel-M bis zur Autobahnabfahrt in Wiederitzsch am Stadtrand zu sehen ist „und zwar beide Buchstaben klar voneinander getrennt“, erinnert sich Dachsel. Heute befindet sich genau dort, im Norden Leipzigs, das Gelände der 1996 eröffneten Neue Messe. 1971 wurden aufwändige Tests durchgeführt, bis die beste Licht-Lösung gefunden war. Die Röhren wurden nicht bis zu den Buchstabenrändern verbaut – wie auch auf alten Konstruktionsplänen zu erkennen ist, die Dachsel aufgehoben hat.

Gerd Dachsel fand in seinem Archiv viele Fotos und sogar den Original-Konstruktionsplan für das Doppel-M. Quelle: Dirk Knofe

„Auf Packpapier wurden sogar Pläne in Originalgröße gezeichnet, um nach dieser Vorlage die Neonröhren zu blasen. Im heutigen Computer-Zeitalter unvorstellbar“, erzählt der 75-Jährige, der zu DDR-Zeiten insgesamt rund 200 Großwerbeanlagen baute. Projektiert und errichtet hat Dachsel auch die bald wieder leuchtende Goethe-Reklame „Mein Leipzig lob‘ ich mir“ (1975/76), die Zoo-Säule am Naturkundemuseum (1970), die Werbeanlagen für die Theaterhäuser in der Nikolaistraße (1976, heute verschrottet), den Verlag für die Frau am Georgiring (1973, heute verschrottet) oder die Schwerter für Meißner Porzellan in der Richard-Wagner-Straße (noch erhalten). „Leuchtreklamen sind mein Leben“, sagt der Unruheständler, der als Inhaber mehrerer Lichtwerbefirmen noch heute seine eigene Agentur betreibt.

Leipziger DDR-Leuchtreklamen – eine fotografische Zeitreise:

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Eine Zeitreise durch das leuchtende Leipzig der vergangenen Jahrzehnte: Vor dem Capitol-Kino in der Petersstraße parkten die Autos im Licht der Neonreklamen.

„Sein“ Doppel-M leuchtet inzwischen heller als je zuvor: Am 22. Juni 2017 ging es nach rund zweimonatiger Sanierung wieder in Betrieb. Es wurde von der Firma AlphaSigns aus Sachsen-Anhalt von Neon- auf stromsparende LED-Technik umgerüstet, pünktlich zum runden Geburtstag. In diesem Jahr wird das von Erich Gruner entworfene Logo für die Mustermesse 100 Jahre alt.

Mehr zum Thema

Teil 1: Wie Leipzig zu DDR-Zeiten leuchtete – und wie es heute dort aussieht

Teil 2: Die Väter von Löffelfamilie & Co.

Erbauer Gerd Dachsel würde sich wünschen, dass zum Jubiläum alle Beteiligten des Leuchtreklamen-Projekts noch einmal zusammenkommen. „Das wäre doch ein schöner Anlass“, findet der Chef von damals, der auch das Lichtkonzept für die Anstrahlung des Wintergartenhochhauses entwarf. „Es sollte wirken, als würde das Haus schweben“, erklärt Dachsel. „Das Doppel-M ist dazu die Krone.“

Von Robert Nößler

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