Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Lokales Wie ein psychisch Kranker zurück ins Berufsleben fand
Leipzig Lokales Wie ein psychisch Kranker zurück ins Berufsleben fand
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:10 08.11.2018
Zurück im Leben: René Majewski, hier an seinem früheren Schreibtisch im Beruflichen Trainingszentrum für Psychisch Kranke. Quelle: Mark Daniel
Leipzig

René Majewski sitzt auf dem Podium und erzählt. Von seiner Krankheit und seinem langen Weg zurück in eine Welt, deren Türen für ihn verschlossen schienen. Dass der junge Mann im SRH Beruflichen Trainingszentrum Leipzig zur Jubiläumsfeier Ende Oktober vor Publikum spricht, wäre für ihn vor wenigen Monaten unvorstellbar gewesen. Lange litt René Majewski unter schweren Depressionen. Seine Geschichte ist eine wechselvolle – und steht mit ihrem glücklichen Ausgang beispielhaft dafür, wie eine Serie aus Rückschlägen überwunden werden und ein Wiedereinstieg ins Berufsleben gelingen kann.

Soziale Kontakte verloren

Dass es seiner Seele nicht gut ging, spürte der heute 37-Jährige zur Schulzeit in Jena, ab der 9. Klasse. „Während meiner Ausbildung zum Kommunikationselektroniker ging es mir dann dramatisch schlechter“, erzählt er. Angst vor zu vielen Menschen und Niedergeschlagenheit ließen ihn irgendwann nicht mehr das Haus verlassen. Majewski verlor soziale Kontakte. Gespräche bei einem Psychiater halfen nur bedingt, doch durch Medikamente berappelte er sich und verwirklichte mühevoll den Vorsatz, mit allen Mitteln seine Ausbildung zu beenden.

Umschulung abgebrochen

Ein Kraftakt, nach dem er wieder zurückfiel. Weil er keinen Job bekam, begann er 2004 eine Umschulung im IT-Bereich, brach sie jedoch ab. „Das Technische hat mir Spaß gemacht, aber Depression und Angst haben mich komplett beherrscht“, sagt er rückblickend, „die Klassenzimmer-Situation war für mich unerträglich.“ Wieder Pause, wieder Anläufe: 2009 als Web-Entwickler, nach Panikattacken stationäre Krankenhaus-Behandlung. Phasenweise dachte der junge Thüringer daran, sein Leben zu beenden, doch stets flammte der Wille auf, der Seelenmühle zu entkommen.

Erwerbsunfähigkeitsrente abgelehnt

Meist ohne psychologische Behandlung kämpfte sich Majewski durch die Jahre, versuchte sich vergeblich in einer Versicherungsagentur und einer Tischlerei, die ihn nicht übernehmen konnte. 2013, nach einer weiteren stationären Therapie, fasste er einen Entschluss, der ein erster wichtiger Wendepunkt werden sollte: Er zog nach Leipzig – unter anderem, weil hier schneller als in Jena ein Therapieplatz zu bekommen ist. Was nicht heißt, dass an der Pleiße alles glatt läuft: Die Nichtanerkennung eines ärztlichen Gutachtens und ein Zusammenbruch nach erhöhtem Druck aus dem Jobcenter folgten. Nach einem neuen Gutachten bestand die Aussicht auf Erwerbsunfähigkeitsrente. Doch Majewski lehnte ab: „Ich wäre nur noch zu Hause geblieben und durchgedreht – ich brauche eine Struktur und eine Aufgabe für mein Leben.“

Trainer gaben Unterstützung

Wendepunkt Nummer zwei: Durch eine Reha-Maßnahme bekam er 2016 in Leipzig einen Berater und die Berechtigung für ein Training zum Wiedereinstieg ins Berufsleben. „Beim Beruflichen Trainingszentrum habe ich mich sofort aufgehoben gefühlt“, sagt er. Die Arbeitsfelder des Unternehmens, spezialisiert auf Eingliederung für psychisch Erkrankte, heißen hier: Selbstwert trainieren, innere Struktur schaffen, Rückendeckung geben. In der Regel dauert das Training elf Monate und besteht aus drei Etappen: die Orientierungsphase, um eine realistische berufliche Perspektive zu entwickeln; die Qualifizierungsphase mit Praktika in Betrieben und erste Kontakte zu möglichen Arbeitgebern; die Integrationsphase zur Stabilisierung der Fortschritte im sozialen wie auch fachlichen Bereich und von den Trainern unterstützte Einarbeitung am neuen Arbeitsplatz.

50 Prozent der Absolventen gelang die Rückkehr in den Beruf

„Etwa 50 Prozent unserer Absolventen sind nach dem Training unmittelbar ins Berufsleben zurückgekehrt“, sagt Franka Bruckner, im SRH BTZ zuständig für die Geschäftsbereichsentwicklung. „Das ist eine ziemlich gute Quote.“ Dass René Majewski dazu gehört, liegt an mehreren Faktoren: Zuallererst daran, dass sein Wille stärker wurde als die Krankheit; zum anderen an einer adäquaten Therapie, der Reha-Beratung sowie der Unterstützung des BTZ-Teams.

Psychosozialen Dienst liefert Leitplanken

„Es kostet viel Kraft, sich mit sich und den Punkten zu beschäftigen, die einem Angst machen“, betont Jeannine Scheibler, Teamleiterin im Psychosozialen Dienst des Zentrums in der Mahlmannstraße. Sie hat die Berg- und die Talfahrten von Majewski begleitet, Leitplanken auf dem schwierigen Weg eingebaut. Inzwischen kann der 37-Jährige sogar milde über den Moment schmunzeln, als er beim Telefontraining panisch aus dem Raum stürzte. Im Sekretariat des BTZ fand Majewski geschützte Bedingungen vor, um das Problem in den Griff zu bekommen.

Neustart im Start-Up

Unabdingbar für den Besserungs- und Eingliederungsprozess ist die Eigenbeteiligung der Trainierten. „Aufgaben wie Bewerbungen für Praktika dürfen ihnen nicht aus der Hand genommen werden“, erklärt Scheibler. Majewski bekam einen Platz beim Leipziger Start-Up-Unternehmen Wundercurves, das online Damenmode verkauft.

Verbesserte Perspektiven

Dort wurde man sehr bald auf die IT-Kenntnisse des Praktikanten aufmerksam; aus dem Büromanagement wechselte er zur Web-Entwicklung. Aus dem geplanten Monat wurden sechs. Und dann, vor genau einem Jahr, bekam Majewski eine Festanstellung, mittlerweile ist er sogar als Teamleiter bei Wundercurves. Die Arbeit an sich selbst, das ist ihm bewusst, geht weiter, doch Voraussetzungen und Perspektiven haben sich drastisch verbessert.

Neue Ziele

Majewski kann heute leichter auf Menschen zugehen; er unternimmt Dienstreisen und hält Vorträge, nimmt an Videokonferenzen teil – oder sitzt wie kürzlich auf einem Podium für das BTZ, dem er eng verbunden bleibt. Im November steht die Prüfung als Datenschutzbeauftragter an. Aktivitäten und Ziele, die noch vor einem Jahr lähmende Angstmacher gewesen wären.

„Ich habe endlich Halt gefunden“

René Majewskis Geschichte ist die einer bemerkenswerten Selbstbefreiung, die Anderen Mut machen kann, die Geschichte einer kaum für möglich gehaltenen Rückkehr ins Leben. Glücklich lächelnd sagt er: „Ich habe endlich Halt gefunden.“

www.btz-leipzig.com

Von Mark Daniel

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Mehr als 100 Teilnehmer fanden sich am Mittwoch zur Stadt-Umland-Konferenz des Grünen Ringes Leipzig in Schkeuditz ein. Beraten wurde unter anderem über den Anschluss des Lindenauer Hafens an den Elster-Saale-Kanal.

08.11.2018

Zu viel Salz, Fett und Zucker. Weil sich die Menschen schlecht ernähren, forschen Leipziger Lebensmittel-Experten im Rahmen des Forschungsvorhabens „Nutricard“ an einer gesünderen Wurst. Fleischer der Region haben am Mittwoch erfahren, wie sie trotzdem ihre traditionelle Rezepte beibehalten können.

08.11.2018

Der Leipziger „Initiativkreis 9. November“ organisiert am Donnerstag eine Gedenkdemonstration in der Messestadt. Unter anderem soll an die Novemberpogrome vor 80 Jahren erinnert werden. Auch der Kampf gegen Antisemitismus steht im Fokus.

07.11.2018