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Wie einst der Meyer: Ein Ex-Leipziger erobert den Kilimandscharo

Wie einst der Meyer: Ein Ex-Leipziger erobert den Kilimandscharo

"Wie kommt der Mayer, der kleine Mayer auf den großen Himalaya? Rauf, ja da kommt er. Ich frag mich aber, wie kommt er runter?" Ob Entertainer Max Raabe bei diesem Text an den Leipziger Hans Meyer (1858-1929) gedacht hat, ist unklar.

Sicher hingegen ist, dass eben jener Meyer mit e und y als erster Mensch im Jahre 1889 den 5895 Meter hohen Kilimandscharo im Nordosten Tansanias bestieg - den höchsten Gipfel Afrikas. Und zwar am 6. Oktober vor 125 Jahren.

 An dieser Stelle der Geschichte kommen nun der in Leipzig lebende Rentner Bernd Schubert und sein Jugendfreund Ralph Genth ins Spiel. Beide wurden 1944 geboren, beide spielten auf den Straßen von Möckern und beide gingen in die selbe Grundschule. Schubert lernte Elektriker, Genth Mechaniker.

 Der Bruch kam 1951. Genth fuhr mit 17 mit dem Fahrrad nach Westberlin. "Dann habe ich nichts mehr von ihm gehört", erinnert sich Schubert. Erst nach dem Fall der Berliner Mauer, 40 Jahre später vor einem Klassentreffen, trafen sie sich wieder. "Das war der Wahnsinn!", sagt Schubert. Er zeigte Genth Leipzig und besorgte Karten für ein AC/DC-Konzert. Seither meldet sich Genth regelmäßig aus aller Welt - gleich ob aus der Antarktis oder aus Argentinien.

 Im Folgejahr revanchierte sich der Jugendfreund und zeigte den Schuberts vier Wochen lang seine neue Wahlheimat - Südafrika. Genth - Spezialist für Entstaubungsanlagen in Gold- und Diamantenminen - erwies sich dabei als wandelndes Geschichtsbuch. So erfuhr Schubert beispielsweise auch, dass jeder Südafrikaner einmal in seinem Leben auf den Kiliman-dscharo muss.

 Als dann vor fünf Jahren im Leipziger Naturkundemuseum auch noch ein Vortrag zu Hans Meyer gehalten wurde und Schubert und Genth sogar dessen Nachfahren kennenlernen durften, gab es kein Halten mehr. Genth musste auf den Berg!

 In diesem Jahr machte er Nägel mit Köpfen. Für Schubert sprang eine Wanderfreundin aus Johannesburg als Begleiter in die Bresche. Genth flog aber zunächst allein nach Mombasa, wanderte und nahm den Bus. Als ihn Blasen an den Füßen außer Gefecht setzten, machte er eine Pause, kaufte sich einen Stick fürs Internet, las die "Leipziger Volkszeitung" und fluchte, weil sein Lieblingsverein, die Roten Bullen, gegen Union Berlin verloren hatte.

 Anfang Oktober gab es doch ein Happy-End, von dem der Freund in Europa erst Tage später erfuhr. "Ja, wir haben es geschafft, aber leider einen Tag zu früh", schrieb Genth per E-Mail. "Ich wollte von oben anrufen, doch wegen des ungeplanten Aufstieges war das Handy im Camp -" Dennoch: Auf den Spuren Hans Meyers u n d auf dem Kilimandscharo - mehr ging nicht. Besonders beeindruckte Genth der Krater auf dem Plateau. "Als ich dort ankam, schlug mir ein starker Schwefelgeruch entgegen. Der Kibo-Vulkan ist auf keinen Fall vollkommen erloschen."

 Und er entdeckte ein Kuriosum. "Am Rand vom Kibo-Plateau gibt es zwei geografische Punkte mit den Namen Leopard Point und Meyer Scharte." Am Leopard Point legte der schmelzende Gletscher in den 1930er-Jahren einen eingefrorenen Leoparden frei, den auch Ernest Hemingway in seinem Buch "Schnee auf dem Kilimandscharo" erwähnt. Hans Meyer wiederum beschrieb einen kleinen Bock, den er beim Rückweg in einer Gletscherspalte fand. Genth vermutet einen Zusammenhang. Möglicherweise habe der Leopard den Bock verfolgt und beide seien erschöpft verendet.

 "Letztlich", so Genth, "bezweifele ich, dass das Gipfelschild wirklich auf der höchsten Stelle Afrikas steht. Wenn man dort steht, sieht man höhere Punkte weiter im Westen." Vielleicht haben die Souvenirsammler in 125 Jahren den Gipfel einfach um einige Meter reduziert. Max Raabe kann jedenfalls wieder ruhig schlafen: Sowohl Meyer als auch Genth sind wieder runtergekommen.

 

 

 Zur Person: Hans Heinrich Josef Meyer entstammte der berühmten Verlegerfamilie. Sein Großvater Joseph gründete das Bibliographische Institut in Leipzig, das später von seinem Vater Hermann Julius übernommen wurde. Conversations-Lexicon und Brehms Tierleben gehörten genauso zum Verlagsprogramm wie Atlanten.

 Mit 25 verließ Hans Meyer den Verlag, den sein Bruder Arndt weiterführte. Hans Meyer wollte nicht in Leipziger Büros verkümmern, sondern als Forschungsreisender die Welt durchstreifen. Mit 28 brach er zu seiner ersten Afrikareise auf. Ein Jahr später, 1887, gelang es ihm, den Kilimandscharo, der bis dahin nur bis 4200 Meter erkundet worden war, um 1300 weitere Meter zu erforschen. In 5500 Metern Höhe bremsten ihn Schnee und Eis. Sein Begleiter war bereits vorher durch die Höhenkrankheit gescheitert. Im Folgejahr unternahm Meyer den nächsten Versuch, der allerdings in der Gefangenschaft Aufständischer gegen die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft endete. Meyer wurde misshandelt und nur gegen Lösegeld entlassen. Verantwortlich dafür: der Rebell Abushiri ibn Salim al-Harthi. Das Kaiserreich entsendete ein Kreuzergeschwader mit der Fregatte SMS Leipzig. Ein Jahr nach der Entführung wurde der Rebell gehenkt. Damals - 1889 - schafften es Meyer und sein österreichischer Begleiter, der Alpinist Ludwig Purtscheller, endlich auf den Gipfel. Sie erreichten den Kibo-Krater am 3. Oktober um 14 Uhr, bemerkten aber in der Ferne die etwa 100 Meter höhere Lavawand. Wegen der späten Stunde mussten sie zurück. Am 6. Oktober, 11.15 Uhr, waren sie dann ganz oben. Meyer, der diese Tat als seine "nationale Pflicht" betrachtete, benannte den Gipfel kurzerhand in Kaiser-Wilhelm-Spitze um. Die errechneten 6010 Meter Höhe wurden später allerdings leicht nach unten korrigiert.

 Nach vielen weiteren Reisen kritisierte Meyer immer wieder die Zustände in den deutschen Kolonien. Weniger aus Humanität, sondern um die Gebiete möglichst wirtschaftlich zu betreiben. Meyer erhielt für seine Forschungen zahlreiche Ehrungen, an der Leipziger Universität bekam er eine Professur für Kolonialgeografie und Kolonialpolitik. Nach seinem Tod im Jahre 1929 wurde er auf dem Leipziger Südfriedhof beigesetzt.rh

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 20.10.2014
Roland Herold

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