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Lokales Wie sächsische Mittelständler mit ihren Daten Geschäfte machen können
Leipzig Lokales Wie sächsische Mittelständler mit ihren Daten Geschäfte machen können
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13:52 08.11.2018
Professor Heiko Gebauer, Fraunhofer-Institut für Internationales Management und Wissensökonomie Leipzig. Quelle: Fraunhofer IMW
Leipzig

Es ist ein Schatz, von dem viele sächsische Unternehmen gar nicht so genau wissen, dass sie ihn besitzen: die Datensammlung, die ihre tägliche Arbeit abwirft. In der Truhe schlummern nicht nur Kundeninformationen, wie sie die globalen Datenkraken von Google über Facebook bis Amazon zu ihrem Kapital erklären. Sobald eine Firma ihre Fertigung digital steuert, fallen darüber hinaus ganz von selbst Daten über den Produktionsprozess an. Über verarbeitete Materialien, über Maschinenbauteile, über Vorzüge, Mängel und Fehler. Die Frage ist: Wie birgt man diesen Schatz? Und wenn man ihn ausgebuddelt hat, wie lässt sich ein Geschäft daraus machen?

„Unter den mittelständischen Unternehmern gibt es eine große Nachfrage nach Orientierung“, sagt Heiko Gebauer. Von einer „gewissen Verunsicherung in den Firmen“ spricht der Wirtschaftsprofessor: „Was muss man machen? Was sollte man lieber bleiben lassen?“ Gebauer leitet am Fraunhofer-Institut für Internationales Management und Wissensökonomie (IMW) in Leipzig das Projekt „Data Mining und Wertschöpfung“. Zusammen mit Informatikern und Wirtschaftswissenschaftlern der Universität Leipzig wollen die IMW-Forscher bis 2022 Möglichkeiten ermitteln, wie Unternehmen aus ihren Daten neue Werte schaffen. Das sächsische Wissenschaftsministerium und die Europäische Union fördern das Vorhaben mit insgesamt 7,5 Millionen Euro.

Der sächsische Mittelstand soll nicht nur zum Nutznießer des Projekts werden, die Firmen sind vor allem mit ihren Erfahrungen und Hoffnungen zur Digitalisierung gefragt – und zwar im wörtlichen Sinne: Seit April haben die Wissenschaftler rund 40 Unternehmer interviewt und diese Woche bei einer offiziellen Auftaktveranstaltung im Leipziger Salon de Pologne knapp 100 Vertretern von Wirtschaft, Politik und Wissenschaft erste Ergebnisse präsentiert.

„Sonst verlieren wir den Anschluss“

So mangelt es vielen befragten Unternehmern der Region offenbar vor allem an konkreten Geschäftsideen zur Nutzung ihrer Daten. „Die Anwendungen liegen ja auch selten auf der Hand“, sagt Gebauer. Das Lieblingsbeispiel des Wissenschaftlers: Informationen über sämtliche Flugrouten- und -zeiten liegen in frei zugänglichen Datenbanken bereit. Sie sind der Rohstoff für Flugtracking-Apps: Wer eine Maschine am Himmel vom Boden aus in den Smartphone-Fokus rückt, erfährt sogleich, wohin sie fliegt.

Auf das eigene Geschäftsfeld übertragen, nimmt die Firma Theegarten-Pactec erste Ideen ins Visier, mit Daten, die ohnehin da sind, Geld zu verdienen. Mit einem Jahresumsatz von 65 Millionen Euro und einem Exportanteil von rund 90 Prozent baut das Dresdner Familienunternehmen Verpackungsmaschinen. Die Kunden sind in erster Linie Süßwarenhersteller. In Deutschland hat Theegarten-Pactect keine Konkurrenz, sehr wohl jedoch in China – wo sich die Spezialgeräte weit billiger herstellen lassen. „Wir verfügen dafür über viel mehr Prozesswissen“, sagt Geschäftsführer Egbert Röhm. „Lässt sich daraus vielleicht eine Art vorausschauender Service entwickeln?“ Hard- und Software schweben Röhm vor, die maschinelle Fehler beim Verpacken eines Schokoriegels eigenständig beheben, bestenfalls ein Problem sogar lösen, noch bevor es sich manifestiert.

Zukunftsmusik? Thomas Lenk, Prorektor für Entwicklung und Transfer der Universität Leipzig, hält es jedenfalls für unverzichtbar, völlig neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. „Sonst verlieren wir den Anschluss.“ Lenk fordert, dass Leipzig und Sachsen bei der digitalen Transformation zu einer Modellregion werden. „Wir Wissenschaftler müssen die Kompetenz der Unternehmen vergrößern, ungenutzte Wertschöpfungen zu erkennen.“ Der Ökonom rechnet damit, dass sich das „Data Mining“ – das Bergen von Daten – mittelfristig auch im Angebot von Studiengängen niederschlägt. „Es gibt in der Wirtschaft eine hohe Nachfrage nach Spezialisten.“

Datenhoheit und Datensicherheit

Das kommt nach Thorsten Posselt, Institutsleiter des IMW und Professor für Innovationsmanagement und Innovationsökonomik an der Uni Leipzig, nicht von ungefähr. Als neuer Rohstoff werden die Daten neue Wirtschaftsregeln hervorbringen, mutmaßt er. Bereits jetzt gewinnen immaterielle Vermögenswerte wie etwa Patente an Bedeutung, sie tauchen als Aktivposten in Firmenbilanzen auf, erhöhen Bonität und Kreditwürdigkeit. „Ähnliches ist für Daten denkbar“, sagt Posselt. „Daher müssen wir zusehen, dass auch unsere Unternehmen mit Daten Geld verdienen.“

Das zu befördern, sieht die sächsische Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange durchaus im Verantwortungsbereich der Politik. „Sachsen soll zu einem Standort werden, an dem sich neue digitale Ideen entwickeln können“, sagt sie und fügt an, dass die vier Jahre des aktuellen Projekts allein dafür wohl nicht ausreichen werden. Gleichzeitig fordert die SPD-Politikerin aber, den einzelnen Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren. „Er darf nicht zum unmündigen Datenproduzenten werden.“ Außer die Datenhoheit des zunehmend gläsernen Bürgers zu gewährleisten, sei auch die Datensicherheit eine politische Aufgabe. „Daten sind bares Geld“, so Stange – und dadurch begehrtes Diebesgut von Hackern.

Gebühren für öffentliche Daten?

Leipzigs Verwaltungsbürgermeister Ulrich Hörning (SPD) sieht in der Datennachfrage nicht nur für Unternehmen, sondern auch für die öffentliche Hand eine mögliche Einnahmequelle: „Wie viel privatwirtschaftlicher Gewinn wird aus öffentlichen Daten erzeugt?“, fragt Hörning. Ab einer bestimmten Abrufzahl von kommunalen Daten-Plattformen Gebühren zu erheben und in den städtischen Haushalt zu lenken, „darüber denken wir nach“, sagt er.

Der Zeitpunkt, Ideen zu entwickeln, ist jetzt, sind sich die Fachleute einig. „Im digitalen Bereich kann man schnell wachsen“, sagt IMW-Projektleiter Gebauer. Aber fast ebenso schnell setze sich ein Platzhirsch durch, an den andere nur noch schwer herankommen. Grund für Panik gebe es aber nicht, findet Theegarten-Pactec-Chef Röhm: „Wir dachten immer, wir sind wahnsinnig spät dran. Aber andere kochen auch nur mit Wasser.“

Mit einer „bedarfsorientierten Konzeptentwicklung“ wollen die Forscher den Weg in digitale Welten ebnen. Für Gerik Scheuermann, der als Informatik-Professor das Projekt auf der Uni-Seite leitet, bleibt es „besonders wichtig, die Unternehmensperspektive abzubilden“. Das Wissen soll sich im aktuellen Forschungsvorhaben beispielsweise über Workshops und Pilotprojekte mehren und in die Wirtschaft fließen. Als Spitzhacken und Schaufeln sozusagen, mit denen der sächsische Mittelstand den eigenen Datenschatz birgt.

Von Mathias Wöbking

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