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Lokales Wieder teurer: Jugendamt braucht zehn Millionen mehr für Erziehungshilfe
Leipzig Lokales Wieder teurer: Jugendamt braucht zehn Millionen mehr für Erziehungshilfe
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07:00 10.11.2017
Immer mehr Kinder bis zum Alter von sechs Jahren werden in Leipzig über den Allgemeinen Sozialdienst der Stadt betreut. Sie kommen dann zum Beispiel in Wohngruppen oder Heimen unter. Oder in Pflegefamilie – hier verzeichnet die Stadt eine Zunahme. Quelle: Foto: dpa
Leipzig

Alle Jahre wieder: Kurz vor Jahresende braucht das Jugenddezernat einen kräftigen finanziellen Nachschlag für erzieherische Hilfen. Diese haben sich 2017 um 10,7 Millionen verteuert (geplanter Etat: 84,84 Millionen Euro). Die Zahl der Familien und Alleinerziehenden, die mit der Erziehung überfordert sind und deren Kinder betreut werden müssen, ist damit erneut gestiegen. Vor allem bei den kostenintensiven stationären Hilfen gab es 63 Fälle mehr als die 970 prognostizierten. So kostet allen ein Heimplatz mittlerweile 56 310 Euro pro Jahr. Der Anstieg der Fallzahlen im stationären Bereich macht allein 6,7 Millionen Euro aus. Nicolas Tsapos, der Leiter des Amtes für Jugend, Familie und Bildung, spricht dennoch von einer „positiven Entwicklung“ – angesichts des Bevölkerungswachstums bei Kindern und Jugendlichen. „Wir konnten den Anstieg durch einige Steuerungsmaßnahmen leicht verlangsamen“, sagt er und verweist darauf, dass die Prognosen für den Etat 17/18 auf belastbaren Fallzahlen von 2015 sowie Schätzungen für 2016 beruhen. „Außerdem ist es gelungen, deutlich mehr Kinder in Pflegefamilien unterzubringen. Das ist besser für die Entwicklung der Kinder, wirkt sich aber auch positiv auf die Kosten aus.“ Im Juni waren 591 Kinder in Pflegefamilien, das Amt hatte 537 prognostiziert. Die Tendenz ist leicht steigend. Die Betreuung minderjähriger Flüchtlinge wirkt sich übrigens auf den Etat für Hilfen zur Erziehung nicht aus – die wird über Bundeszuschüsse aus einem anderen Topf finanziert.

Darum geht es: Der Allgemeine Sozialdienst (ASD) macht regelmäßig Hausbesuche, wenn es um vernachlässigte Kinder oder überforderte Eltern geht, prüft zudem Hinweise aus der Bevölkerung. Dann wird je nach Sachlage entschieden, ob Unterstützung notwendig ist, die dann in der Regel durch freie Träger der Jugendhilfe organisiert wird. Das können sowohl ambulante Beratungen als auch die Unterbringung der Sprösslinge in einer Wohngruppe, einem Heim oder bei einer Pflegefamilie sein. Dabei hat das Amt festgestellt, dass Problemlagen immer komplexer werden – häufig spielt Drogenmissbrauch in der Familie eine Rolle, aber auch Sucht, psychische Erkrankungen, Gewalt. Dabei gibt es keine Unterschiede zu anderen Großstädten. Leipzigs Geburtenboom hat dennoch auch negative Seiten. „So müssen wir immer mehr bis zu Sechsjährige aufnehmen, die meist bei uns verbleiben“, konstatiert Tsapos. ASD-Mitarbeiter stellten immer wieder fest, dass es schwieriger wird, die Familien wieder zur Erziehung ihrer eigenen Kinder zu befähigen, damit diese aus der Wohngruppe in die elterliche Wohnung zurückkehren können. Hinzu kommt: Durch Zuzüge müssten allein in diesem Jahr 29 Fälle übernommen werden, dabei allein 21 in stationären Hilfen.

Ein Teil der höheren Kosten werden mit Tarifsteigerungen begründet. So haben etliche freie Träger die Gehälter angepasst, weil sie ansonsten gar keine Fachkräfte mehr bekommen. Etliche Betreuer sind in Kitas gewechselt, Sozialpädagogen sind auf dem Arbeitsmarkt ohnehin rar. Auch die kleineren Träger mussten Haustarife erhöhen, damit sie ihr Personal halten können. Wohnungen, die freie Träger für ihre betreuten Wohngruppen benötigen, sind von Mietpreissteigerungen ebenfalls nicht ausgenommen. Ein Kostentreiber sind auch die Schulbegleiter für Kinder mit „sozial-emotionalen Teilhabeeinschränkungen“, die der Gesetzgeber nach einem entsprechenden Gutachten gewährt. Die Fälle des Sozialamtes für Kinder mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen kommen noch hinzu. Derzeit sind es 196, 2015 waren es 104.

Tsapos geht davon aus, dass sich das neu entwickelte Prognosemodell positiv auswirkt. So sind 20 zusätzliche Stellen für dieses und nächstes Jahr bewilligt, die nun nach und nach besetzt werden können. In den einzelnen Stadtteilen können so mehr Sozialarbeiter Fälle bearbeiten und steuern. Sie werden zudem durch Verwaltungsangestellte von diversen Schreib- und Verwaltungstätigkeiten entlastet. „Als erste in Sachsen machen wir ein Trainee-Konzept. Wer frisch von der Fachhochschule kommt, hat meist nicht die notwendige Erfahrung. Sie werden ein halbes Jahr begleitet und eingearbeitet, bevor sie dann eigenverantwortlich arbeiten.“ Tsapos ist es wichtig, dass die Stadt über Qualität steuert – nicht über die „billigere Hilfe“.

Von Mathias Orbeck

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