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Wieviel Regeln braucht die Straßenmusik in Leipzig?

Polizeiverordnung Wieviel Regeln braucht die Straßenmusik in Leipzig?

Der Stadtrat soll am 21. September über eine Novellierung der Polizeiverordnung entscheiden. Wesentliche Änderung: Straßenmusiker müssen nach 30 Minuten mindestens 200 Meter weiterziehen. Sonst drohen Geldbußen. Was sagen die Künstler dazu?

Tariel Arutiunov (46) und Vladimir Bordarovich (25) spielen am Naschmarkt.

Quelle: Kempner

Leipzig. Alex Jacobowitz (56) ist ein US-amerikanischer Musiker, der seit vielen Jahren durch Mitteleuropa tourt und als Straßenkünstler auftritt. Er lebt zurzeit in Berlin, ist aber häufig in Leipzig zu erleben. Beim Bachfest 2017 wird er ein Solokonzert geben.

Herr Jacobowitz, braucht Leipzig Regeln für Straßenmusiker?

Ja, absolut. Es wäre sonst ein heilloses Chaos. Leipzig hat viele Jahre besonders unter Akkordeonspielern gelitten, die ihre Musikinstrumente quasi als Waffen eingesetzt haben. Am schlimmsten sind Bettler, die ein Musikinstrument bekommen und damit vorgeben, musikalisch zu sein. Das hat nichts mit Musik zu tun und schon gar nichts mit Kunst. Aber mit einem Instrument hat ein Bettler eben viel mehr Tragweite, als wenn er einfach nur mit einem Becher an der Straße sitzen würde.

Wie kann denn objektiv zwischen Bettlern und Straßenmusikern unterschieden werden?

Die Bettler mit Musikinstrumenten denken nur an sich. Sie interessieren sich nicht für andere Menschen, für die Ladenbesitzer beispielsweise, vor deren Geschäften sie spielen. Sie wollen der Polizei möglichst aus dem Weg gehen und kein Aufsehen erregen. Regelungen wären für sie nur ein Verlust von Einkommen. Die Künstler stehen auf der anderen Seite. Für sie geht es im Grunde nur um die Zusammenarbeit mit den Menschen. Sie wollen alle Vorschriften einhalten und die Menschen nicht stören. Der Künstler will Teil der Gesellschaft sein für die er spielt und natürlich auch legal und geschützt sein.

Es gibt also zwei Arten von Straßenmusik?

Gerade in Leipzig, wo viele Menschen musikalisch ausgebildet sind, erkennt man das sehr schnell. Es gibt beispielsweise eine große Familie, die in der Innenstadt stundenlang immer das gleiche Lied singt – sehr laut, bis ihnen die Luft ausgeht. Dann gehen sie weiter und singen woanders. Das stört. Richtige Musik muss atmen, auch etwas aussagen können. Diese Familie interessiert das aber nicht. Ihr geht es nur ums Geld.

Wo ist das Problem für einen Straßenmusiker, alle 30 Minuten ein paar hundert Meter weiter zu gehen und an einem neuen Platz zu spielen?

Ich habe ein 120 Kilo schweres Instrument, eine Marimba (dem Xylophon ähnlich Anm. d. Red.) ich brauche schon fast eine halbe Stunde, um alles aufzubauen und mich warm zu spielen. Und ich spiele ja nicht irgendwas. Ich habe ein richtiges Programm, das mindestens 50 Minuten dauert. Für mich wäre es vollkommen unmöglich, alle 30 Minuten den Platz zu wechseln.

Was erreicht die Stadt Ihrer Meinung nach mit der neuen Verordnung?

Mit dieser Regelung werden vor allem auch diejenigen ein Problem haben, die sich möglicherweise illegal in Deutschland aufhalten. Die Polizei kommt jetzt viel leichter an sie heran. Diese 30-Minuten-Regelung klingt für mich vollkommen beliebig. Wer soll das denn überprüfen?

Wie würden Sie es denn regeln?

Zunächst würde ich mir ein Beispiel an Städten nehmen, in denen es bereits gut funktioniert. Etwa in Bayern. Dort braucht jeder Straßenkünstler eine Genehmigung, für die er einen gültigen Pass vorzeigen muss, entweder mit oder ohne eine Gebühr. Dadurch wird bereits viel geklärt, denn wer Probleme mit der Polizei hat, möchte nicht seinen Pass vorzeigen. So würde man auch minderjährige Bettler entdecken. Das Ordnungsamt könnte sich damit beschäftigen, denn die Polizei hat doch eigentlich ganz andere Sorgen. Es muss sichergestellt werden, dass keine Fluchtwege oder Blindenwege verstellt werden und dass die Orte sauber bleiben. Alles kein Problem. Aber wer sich nicht daran hält, verliert seine Genehmigung.

Was braucht Leipzig jetzt also?

Hauptsächlich brauchen wir Dialog. Es ist fatal, wenn Verordnungen, die uns Künstler betreffen, einfach so über unsere Köpfe hinweg getroffen werden. Straßenkunst hat sich entwickelt, es ist ein großes Geschäft für manche Menschen geworden. Nach Leipzig kommen Musiker aus halb Europa, um hier Geld zu verdienen. Wir müssen alle Beteiligten an einen Tisch bekommen und eine Lösung finden. So wie es jetzt ist, geht es nicht. Wenn es gut organisiert wird, kann die Straße ein Konzertsaal werden.

Das sagen andere Künstler zu geplanten Änderung

Serkvi Lihanov (48) aus der Ukraine – Akkordeonspieler vor Karstadt in der Petersstraße: „Ich würde lieber 50 Minuten am Stück spielen, das wäre für mein Programm besser. Aber mit der neuen Verordnung kann ich leben.“

Tariel Arutiunov (46) und Vladimir Bordarovich (25) aus Weissrussland – Trompete und Flügel am Naschmarkt: „Für uns ist das nicht so gut. Aber wir haben damit kein großes Problem. Ab September machen wir sowieso bis Weihnachten Pause.“

Yurii Svyrydov (36), Gurin Sergii (28) und Yevgeniy Zubko (36) aus der Ukraine – Holzbläser-Trio vor Galeria Kaufhof in der Grimmaischen Straße: „Alle Musiker wissen von den 30 Minuten. Wir finden das in Ordnung.“

Von Jonas Nayda

Leipzig 51.3396955 12.3730747
Leipzig
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