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Lokales Wildtier-Experte Hildebrandt: Kaiserschnitt bei Elefanten leider nicht möglich
Leipzig Lokales Wildtier-Experte Hildebrandt: Kaiserschnitt bei Elefanten leider nicht möglich
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00:18 13.04.2017
Die fast vier Tonnen schwere Thura (42) bei der Ultraschall-Untersuchung durch Professor Thomas Hildebrandt.  Quelle: Maria Saegebarth
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Leipzig

Als Experte ist Professor Thomas Hildebrandt weltweit bei Fragen rund um die Fortpflanzung von Wildtieren im Einsatz. Er ist Abteilungsleiter Reproduktionsmanagement am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin. Im LVZ-Interview spricht er über den aktuellen Zustand Thuras, die in der Silvesternacht zu 2016 die Geburt ihres Kalbes im Leipziger Zoo unterbrochen hatte und das tote Kalb bis heute im Bauch trägt.

Herr Hildebrandt, können Sie erklären, was bei Thura passiert ist?

Die Situation bei der asiatischen Elefantenkuh Thura ist ungewöhnlich, aber nicht einmalig. Es gibt mehrere Fälle bei Elefantenkühen, die eine begonnene Geburt unterbrechen und der Fötus dann für mehrere Monate bis sieben Jahre in der Gebärmutter der Elefantenkuh verblieben ist. Trotzdem waren wir alle sehr überrascht, als wir bei unserer Ultraschalluntersuchung am 24. Februar 2016 einen vollständig entwickelten Fetus in intakten Fruchthüllen fanden. Thuras Gesundheit hatte sich zu diesem Zeitpunkt wieder langsam stabilisiert.

Wie lange kann eine Geburt unterbrochen werden, ohne dass das Jungtier stirbt?

Elefantenkühe sind in der Lage, die Geburt ohne dramatische Folgen für das Baby 24 Stunden zu unterbrechen, falls es bei den ersten Wehentätigkeiten nicht zur Totalablösung der Plazenta (des Mutterkuchens) gekommen ist. Elefanten beginnen – wie auch Thura – in der Regel mit den Geburtswehen gegen 22 Uhr abends und die Babys werden in 90 Prozent der Fälle zwischen Mitternacht und 4 Uhr morgens geboren. Eine Veränderung dieses Schemas weist auf eine deutliche Störung des Geburtsprozesses hin.

Wie lange nach dem Geburtsstopp kann ein Kalb noch lebend geboren werden?

Es gibt viele Fälle, bei denen eine zeitliche Geburtsverschleppung von bis zu 24 Stunden auftrat. Der berühmteste Fall war „Mr. Shuffles“ im Taronga Zoo in Sydney: Wir hatten dort schon eine Pressekonferenz zum intrauterinen Tod des Elefantenbabys abgehalten, da wir sieben Tage lang versuchten, die ungünstige Geburtsposition des Elefantenbabys zu verändern. Am Ende dachten wir alle, das Elefantenbaby wäre tot. Wir haben der Mutter hohe Dosen an Cortison verabreicht, um ihr die Schmerzen zu nehmen und einer unerwünschten Schwellung der Schleimhäute der Gebärmutter vorzubeugen. Diese Therapie rettete dem kleinen Bullen „Mr. Shuffles“, der später Pathi Harn genannt wurde, das Leben. Drei Tage nach der „Todes“-Pressekonferenz wurde der kleine Elefantenbulle schwer gezeichnet von der langen Verweildauer im Geburtskanal geboren. Die Cortisontherapie wirkte wie eine Schocktherapie bei dem Kleinen und rettete ihm das Leben. Heute ist Pathi Harn ein circa zwei Tonnen schwerer Jungbulle, dem man nichts mehr von seinem schweren Start ins Leben ansieht. Er ist sogar pfiffiger als sein normalgeborener Halbbruder.

Können Sie einschätzen, ob Thuras Kalb zum Beginn der Geburt gelebt hat und durch das Anhalten gestorben ist oder die Geburt durch den Tod stoppte?

Thuras Kalb hat mit absoluter Sicherheit bis zum Einsetzen der ersten Geburtswehen gelebt. Die Bestimmtheit dieser Aussage wird durch die ultrasonographische Untersuchung Ende Februar unterstützt, da wir ein normal großes Kalb in Thuras Gebärmutter gefunden haben.

Was können Gründe für das Unterbrechen einer Geburt sein?

Ursachen für diese Störung beim Geburtsablauf können vielfältig sein. Häufigste Ursache ist ein zu großes Kalb. Das Muttertier beginnt die Geburt, das Kalb stößt während der Austreibungsphase gegen das Becken der Mutter und kommt nicht weiter. Gleichzeitig erzeugt dieser Vorgang erhebliche Schmerzen bei der Mutter und führt zum Abbruch des Geburtsvorganges. Aufgrund der langen Trächtigkeitsdauer von 22 Monaten bei Elefanten ist der gesamte Schädel des Babys kalzifiziert und enthält keine Knorpelanteile, die es erlauben würden, wie beim Menschen den Schädel der Form des Beckenknochens der Mutter bei der Geburtspassage anzupassen. Ganz ähnliche Probleme treten auf, wenn es zu einer Lage-Anomalie kommt. Elefanten werden normalerweise mit den Hinterbeinen zuerst geboren. Lage-Anomalien sind wie bei allen Säugetieren sehr problematisch. Beim Menschen wird dann ein Kaiserschnitt ausgeführt. Leider ist dies bei Elefanten nicht möglich. Alle Versuche diese Technik der Geburtshilfe auch bei Elefanten einzusetzen, endeten tödlich für Mutter und Kind. Zweithäufigste Ursache ist Stress bei der Geburt durch soziale Spannungen in der Gruppe oder störende Faktoren im Umfeld. Im Falle von Thura kann auch der Krach durch das Silvester-Feuerwerk in der Geburtsnacht als solch ein Auslöser von Geburtsproblemen denkbar sein.

Kann es noch zu einer natürlichen Geburt des toten Kalbes kommen?

Eine Spontangeburt ist möglich, wenn sich Thura nach der missglückten Geburt langsam wieder erholt. Dann beginnen ihre Eierstöcke wieder Hormone zu produzieren. Insbesondere große Mengen an Östrogen, welches in den Follikeln produziert wird, kann die Wehentätigkeit wieder anregen und einen erneuten Geburtsprozess auslösen. Meist findet dies bei Elefanten circa zwölf Monaten nach der missglückten Geburt statt. Es kann aber nur dazu kommen, wenn der Elefant wieder einen Sexualzyklus besitzt. Bei Thura sind die zwölf Monate bereits um, aber sie hat noch keinen richtigen Zyklus.

Besteht eine Gefahr für Thura? Wird sie nicht innerlich vergiftet?

Mittlerweile ist die Gefahr für Thura als gering einzuschätzen. Sie hat die schwierige Anfangssituation, bei der es zum Auftreten von giftigen Abbauprodukten des verstorbenen Babys kommt, sehr gut mit Hilfe des Pflegepersonals und des Tierarztteams überstanden. Jetzt ist die Toxin-Belastung minimal.

Können auch andere Tierarten Jungtiere dauerhaft im Bauch behalten?

Diese sogenannten Steinfrüchte werden oft bei Kühen beschrieben. Dagegen sind zum Beispiel Pferde extrem empfindlich gegenüber den Abbauprodukten abgestorbener Babys und versterben binnen 24 Stunden, wenn ihnen nicht per Kaiserschnitt geholfen wird. Diese Option steht leider für Elefanten nicht zur Verfügung.

Interview: Maria Saegebarth

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