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Willkommen in Leipzig, dem Dorf im Ural!

Willkommen in Leipzig, dem Dorf im Ural!

Nadeshda Iwanowna Stribko, Kosakin, Mutter von fünf Kindern. Jeden Morgen kommt sie in die Küche zum Fenster mit einem Blick auf die große Steppenebene und betet.

Leipzig/Leipzig. Am Horizont der Sonnenaufgang. Pferde grasen, ein Falke zieht Kreise. Direkt hinter dem Zaun sieht man zwei Füchse. Sie lauschen, wie die Hühner aus dem Schuppen von Nadeshda Iwanowna gackern. Sie träumen davon, dass die Bauerngutbesitzerin vergisst, die Schuppentür zu schließen, dass sie sich einschleichen können. Der Gutshof der 70-jährigen Frau liegt am Ufer des Flusses Togusak, am Rande der endlosen Steppe.

Die Kosaken-Siedlung Leipzig im Südural, im Verwaltungsbezirk Tscheljabinsk - etwa 200 Kilometer von Magnitogorsk entfernt und 1800 Kilometer von Moskau. Ich wohne bei Nadeshda Iwanowna - einer tollen, warmherzigen Frau, die die Geschichte des Dorfes und seiner Mitbewohner bestens kennt.

Im Ural gibt es auch Paris, Berlin und Kassel

"Staniza Leipzig" ist im Vergleich zu Leipzig in Sachsen noch sehr jung: Das Dorf wurde erst 1842/1843 gegründet, als "Grenzvorposten N 29". 32 solcher Siedlungen entstanden, um diesen Teil der neuen 400 Kilometer langen östlichen Grenze des russischen Imperiums zu schützen. Bald bekamen die Siedlungen Namen anstelle langweiliger Nummern. Namen, die seltsam klangen für diese Gegend: Paris, Kassel, Ferchampenuas, Berlin, Varna- Dafür gibt es allerdings eine ziemlich einfache Erklärung: Die Kosaken in der russischen Armee marschierten siegreich durch Europa und waren auch in diesen Städten gewesen. Zum Andenken an diese großen historischen Kämpfe im Krieg gegen Napoleon sowie in anderen Kriegen dieser Epoche benannten sie ihre neuen Siedlungen nach ihnen.

"Staniza Leipzig" ist 173 Jahre alt. Aber schon lange vor Gründung dieser wichtigen kosakischen Siedlung, fünf Kilometer von der heutigen Grenze zu Kasachstan entfernt, lebten hier Menschen. Zuerst besiedelten diese Gegend Sarmaten und Alanen - die iranischen Reitervölker, es lebten hier finnisch-ugorische Stämme, später kamen die Turkvölker. Es waren Kasachen, Kirgisen, Baschkiren, Tataren.

Staniza entwickelte sich. Es wurden Kirche und Schule gebaut; die Zahl der Einwohner schwankte. Die Straßen erinnern noch an die anderthalbtausend Einwohner, es gab Zeiten, als nicht alle Betenden Platz in der Kirche fanden. Heute leben hier 950 Menschen. Es gibt sieben Straßen, 318 Bauernhöfe, zwei Bibliotheken, einen großen Klub, einen Kindergarten. Die Schule (bis Jahrgangsstufe 11) besuchen 100 Kinder aus Leipzig und Umgebung.

Die neu geweihte Kirche ist der ganze Stolz der Bürger. Die Kathedrale wurde 1949 geschlossen, diente dann als Lagerhalle. Nun ist sie restauriert, am 28. September 2014 gab es wieder den ersten Gottesdienst.

Für 950 Einwohner gibt es fünf Läden. Der größte liegt im Zentrum. Das Gebäude ist ein Altbau, wurde noch 1911 von einem russischen Kaufmann gebaut. Der Laden gehört der Familie Dysymbajew, Alik und Gylssina. Hier gibt es alles Mögliche: vom Eis "Eskimo" bis zu Bananen. Die Einwohner können sich über das Angebot nicht beklagen, allerdings wird alles von Tag zu Tag immer teurer, weil sich die Sanktionen auswirken, weil der Rubel fällt.

Am ersten Tag will ich mich umschauen und gehe in der Siedlung spazieren. Ich merke, dass die Einheimischen mich mit Erstaunen und einer gewissen Vorsicht beäugen. Es hat bereits die Runde gemacht, dass ein Journalist aus Deutschland gekommen ist, der ein Stück Stein mitgebracht hat und hier ein Völkerschlachtdenkmal errichten will. Die Dorfbewohner diskutieren lebhaft darüber. Ich bemerke die neugierigen Blicke der Kinder aus den beschlagenen Fenstern. Die Aufregung um meine Person steigt, als ich einen großen Eiseneimer und ein Küchenmesser von eindrucksvoller Größe kaufe. Schwer zu sagen, welche Erklärung die Beobachter für diese Einkäufe erfunden haben, der Grund ist allerdings ganz einfach: Nadeschda Iwanowna hat keinen guten Eimer mehr und kein passendes Messer zum Fleisch- und Brotschneiden. Am nächsten Tag besucht mich ein Offizier vom Grenzdienst und prüft nochmals meine Papiere. Ich zeige Verständnis: Das Dorf liegt an der Grenze, hier müssen einfach strengere Regeln herrschen.

In Leipzig leben die Vertreter vieler Nationalitäten zusammen: Russen, Ukrainer, Kasachen, Baschkiren, Tataren, Deutsche, Udmurten, Tschuwaschen, Kalmyken, Aserbaidshaner, Armenier.

Ein Geschenk von Burkhard Jung für die Bürgermeisterin

Im Zentrum des Dorfes steht ein Gebäude aus weißem Ziegel, über der Freitreppe flattert eine Russlandflagge im eisigen Wind. Hier befinden sich unter einem Dach örtliche Behörden und verschiedene Dienste: die Bürgermeisterin mit Buchhaltung, Post, Grenzschutzstelle. Als Siedlungsoberhaupt arbeitet Elsa Timerhanowna Piskunowa - eine stattliche, sympathische junge Frau. Wortkarg, aber immer in Bewegung. Sie wird respektiert, obwohl manche sie zu sanftmütig finden. Na ja, die große Härte ist von einer Mutter von zwei Kindern wohl kaum zu erwarten. Als Leiterin der Staniza schafft sie es aber immer wieder, einen Kompromiss zu finden zwischen den Interessen des Dorfes und den Verordnungen des Kreises.

Ich überreiche ihr ein Geschenk vom Oberbürgermeister der Stadt Leipzig in Deutschland - ein Buch mit Autogramm und eine Einladung zum 1000. Geburtstag der Stadt, einen Architekturplan des Völkerschlachtdenkmals, den ich vor meiner Reise von Museumsdirektor Steffen Poser bekommen hatte. Die Emotionen sind heftig, Elsa Timerhanowna kann ihre Tränen nicht verstecken.

Das größte Problem in der Siedlung ist Arbeitslosigkeit. Sie macht hier nach offizieller Statistik sieben Prozent aus, tatsächlich sind es aber wohl viel mehr. Die ältere Generation sehnt sich mit großer Nostalgie nach der Sowjetzeit. Damals gab es hier die Kolchose "Der Oktoberweg" - einst eine der erfolgreichsten in der ganzen Gegend. Es gab immer genug Arbeit in der Landwirtschaft. Auf den alten Kolchosenflächen steht heute ein neuer Betrieb für die Züchtung von Mastochsen. Der Betrieb entwickelt sich gut, 2013 landete ein Rasse-Bulle namens "Bürgermeister", auf Platz zwei bei einem Wettbewerb in Moskau. Leider hat der Betrieb nicht genug Jobs für alle Einwohner der Siedlung.

In der Staniza und Umgebung leben heute noch viele Menschen, die von Kosaken abstammen. Marina Gumarowna Hajrullina ist einer von ihnen. Ihr Urururgroßvater kämpfte im 3. Orenburger Kosaken-Regiment gegen Napoleon. Es war an der Völkerschlacht bei Leipzig beteiligt, an der Blockade der Festung Glogau, an den Kämpfen bei Weimar und Berlin und beendete den Krieg in Paris. Marina Gumarowna bewahrt historische Dokumente auf, die all das belegen können.

Von den Kosakenfamilien gehört Rais Abdulow das größte Gut im Dorf. Rais ist ein Tausendsassa. Wenn etwas zu reparieren ist, gehen alle zu ihm. Er hat etwa 30 Pferde, dutzende Schafe und Kühe. Alle aus dem Umkreis, sogar aus Kasachstan, kommen zu ihm, um Fleisch und Kumys (Stutenmilch) zu kaufen. Es ist bekannt: Rais hat ein Qualitätsprodukt. Hier, im Ural, bringt diese Familie es sogar fertig, die Weintraube "Isabella" zu züchten.

Wolga-Deutsche bekämpfen Kälte mit Sport

Auf den Straßen habe ich viele spielende Kinder gesehen - abends sind es sogar noch mehr, obwohl die Temperatur draußen unter minus 30 Grad fällt. Woher kommt diese Widerstandsfähigkeit? Bei Familie Seider kann man es erfahren. Andrej Seider ist ein Wolgadeutscher, dessen Eltern unter Stalin nach Kasachstan verbannt wurden. Später übersiedelten sie aus Kasachstan in diese Gegend und der junge Kerl traf hier seine große Liebe - Galja, die Tochter von Nadeschda Iwanowna. Sie haben drei hübsche Töchter, erfolgreiche Studentinnen oder Schülerinnen, und alle sind sie sportlich, wie die Mehrheit der Kinder hier. Deswegen macht ihnen der Frost nichts aus. Außerdem ist ihre Oma ein Vorbild: Sie besucht zweimal die Woche Chorproben, spielt Volleyball, läuft Ski, geht in die Kirche, beschäftigt sich mit Handarbeit.

Ein Höhepunkt meiner Reise war die Grundsteinlegung für das kleine Völkerschlachtdenkmal. Vom Oberhaupt des Munizipalrayons, Sergei Maklakow, habe ich die Erlaubnis bekommen, einen symbolischen Stein vom Völkerschlachtdenkmal aus Sachsens Leipzig als Fundament des zukünftigen kleinen Völkerschlachtdenkmals niederzulegen. Diese Kopie, etwa zehn Meter hoch, wird einmal in Leipzig im Ural errichtet. Zur Grundsteinlegung herrscht schrecklicher Frost. "Hurra, der Stein ist niedergelegt", rufen die Einwohner. Im Paris in der Steppe steht bereits ein Eiffelturm, in Berlin laufen Vorbereitungen zur Errichtung eines Brandenburger Tores. Da habe ich mir gedacht: Warum nicht ein kleiner Bruder-Zwilling vom Völkerschlachtdenkmal in Leipzig in der Steppe? Sicherlich wird es unsere Völker näher bringen, regt zum Nachdenken über die Geschichte an, hilft bei der Erinnerung. Das ist doch unsere gemeinsame Erinnerung und gemeinsame Geschichte, die besonders wertvoll und wichtig ist in einer Epoche neuer politischer Verwirrungen in Europa.

Zwei Tage Feier nach der Grundsteinlegung

Und dann haben wir gefeiert! Die Weingläser klirrten, alle tanzten, das Essen war köstlich. Einige Minuten vor Beginn des Neujahrs erkannte ich auf der verschneiten Straße von Weitem Nadeschda Nikolajewna. Sie blickte zu den Sternen und flüsterte etwas. Ich trat an ihre Seite und fragte: "Nadeschda Iwanowna, darf ich fragen, worüber Sie mit den Sternen geflüstert haben?" - "Über den Frieden, mein Sohn, über den Frieden. Das ist das Wichtigste. Das ist sogar wichtiger als die Gesundheit."

Lange blieb ich stehen und betrachtete den Nachthimmel, atmete die frostige, reine Steppenluft und war mit den Worten dieser weisen Frau völlig einverstanden-

Spenden für das Völkerschlachtdenkmal im Ural: "Leipzig im Ural": Sparkasse Leipzig, IBAN: DE 64860555921100358133, BIC: WELADE8LXXX.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 17.02.2015

Nasur Yurushbaev

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