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„Wir dürfen uns keinen Thron der moralischen Überheblichkeit bauen“

"Heiße Kartoffel" für Flüchtlingsrat „Wir dürfen uns keinen Thron der moralischen Überheblichkeit bauen“

Sonja Brogiato, Vorstand und Sprecherin des Flüchtlingsrats Leipzig, wurde am Freitag mit der „Heißen Kartoffel“ ausgezeichnet. Im Interview mit LVZ.de gibt Sie Rück- und Ausblick auf Ihre Arbeit.

Harald Fugger, Walter Christian Steinbach und Stefan Blattner (von links) übergeben Sonja Brogiato die „Heiße Kartoffel“ in der Sachspendenzentrale in Leipzig-Leutzsch.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig.  Mit der Heißen Kartoffel, die 1991 zum ersten Mal verliehen wurde, werden Persönlichkeiten ausgezeichnet, die sich beispielhaft für die mitteldeutsche Region eingesetzt haben. Träger des Preises sind der Mitteldeutsche Presseclub zu Leipzig und mehrere mitteldeutsche Unternehmen. Preisträger vergangener Jahre waren unter anderem Hans-Dietrich Genscher und Kurt Masur. In diesem Jahr geht die Heiße Kartoffel an Sonja Brogiato. Die 56-Jährige ist Vorstand und Sprecherin des Flüchtlingsrats Leipzig. Im LVZ-Interview gibt Sie Rück- und Ausblick auf Ihre Arbeit.

Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie erfahren haben, dass die Heiße Kartoffel in diesem Jahr an Sie geht?

Dass ich das eigentlich gar nicht annehmen kann. Ich bin nur eine unter Tausenden, die diesen Preis verdient hätten, die noch viel mehr getan haben als ich. In dieser großen Konstellation bin ich nur ein kleines Rädchen. Die Preisverleihung sehe ich deshalb stellvertretend als eine Würdigung der Arbeit aller, die sich in den vergangenen Jahren eingebracht haben.

Vor etwa einem Jahr betonten Sie in Hinsicht auf mögliche Kriminalität unter Flüchtlingen die Wichtigkeit von Präventionsarbeit. Was hat sich seitdem getan?

Das ist eine Daueraufgabe, die wir nach wie vor intensiv betreiben. Verändert hat sich vor allem, dass inzwischen sehr viele Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund daran mitwirken. Sie bringen sich in die Lösung von Konflikten ein und stiften Frieden – im wortwörtlichen Sinne. Sie nutzen ihre Stellung als Muslime, um andere Muslime zu erreichen, um möglicher Radikalisierung entgegenzutreten – etwas, das Nicht-Muslime kaum schaffen. Kurzum: Es gibt zahlreiche Flüchtlinge, die uns bei der Präventionsarbeit ehrenamtlich unterstützen.

Wie wird Ihre Arbeit in den kommenden Monaten und Jahren aussehen?

Die Integration hat erst jetzt richtig begonnen. Die Notunterkünfte sind zum größten Teil leer, die Menschen sind in den Kommunen und Gemeinden unterkommen, ihre Kinder besuchen die Schule. Jetzt geht es um die Frage: Was bringt diese Menschen weiter? Dazu werden wir verstärkt auf die drei Aspekte Sprache, Bildung und Arbeit hinarbeiten. Wir müssen uns fragen: Was können wir ihnen abnehmen und – auf der anderen Seite – was entmündigt die Menschen, wenn wir ihnen diese Aufgaben abnehmen? Wie können wir dazu beitragen, dass sie Lehrstellen oder Betriebspraktika finden? Ziel muss sein, dass sie hier aus eigener Kraft leben können.

Was muss sich auf politischer Ebene ändern?

Es braucht eine Rechtsgrundlage, die die Menschen nicht in ein Asylverfahren drängt, wenn das gar nicht nötig ist. Das ist nämlich in vielen Fällen passiert: Es stecken viele Menschen in einem solchen Verfahren, obwohl sie dort eigentlich nichts zu suchen haben. Das System muss ihnen ein eigenständiges Leben ermöglichen. Wer arbeiten und die Familie im Herkunftsland unterstützen will, dem sollte das auch möglich sein. Außerdem brauchen wir deutlich flexiblere Strukturen: Es dauert hier einfach viel zu lange, bis jemand seine Kenntnisse und Fähigkeiten einbringen und ausleben kann. Wichtig ist aber auch, dass die hohen Standards beibehalten werden.

Wie hat sich die Resonanz der Öffentlichkeit verändert? Ist die Hilfsbereitschaft noch immer so groß?

Die starke Medienpräsenz des Themas in den Jahren 2015 und 2016 hat für viel Strohfeuerbegeisterung gesorgt. Einige dachten sich: „Ich mache jetzt auch etwas für Flüchtlinge“. Die Hilfsbereitschaft war großartig, doch wie bei jedem Strohfeuer ist das Ganze inzwischen abgekühlt. Zumal jetzt Aufgaben anstehen, die weniger Spaß machen, aber nötiger denn je sind. Als Erfolgsmodell haben sich jedoch Patenschaften etabliert – da können wir inzwischen mehr als 800 verzeichnen.

Sehen Sie sich noch vielen Anfeindungen ausgesetzt?

Nach wie vor gibt es heftige Reaktionen gegenüber Flüchtlingen und Helfern, seien es verbale Anfeindungen oder rechtsextrem motivierte Straftaten. Wir sehen eine wachsende Spaltung und Polarisierung in unserer Gesellschaft. Deshalb muss auch der Flüchtlingsrat seine Arbeit selbstkritisch hinterfragen. Wir dürfen uns keinen Thron der moralischen Überheblichkeit bauen. Dasselbe Maß an Toleranz, das wir gegenüber Flüchtlingen aufbringen, muss auch allen anderen zukommen. Wir dürfen nicht in die Falle der Lagerbildung tappen: Hier die Guten, da die Bösen. Und wir müssen die Menschen dazu motivieren, für alle anderen gleichermaßen da zu sein. Wer mit Flüchtlingen Fußball spielt, aber seinen Opa auf dem Dorf vernachlässigt, der sorgt auch für soziale Isolation.

Von Christian Neffe

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