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Lokales „Wir wollen nicht ausziehen“ – Leipziger Mieter fühlen sich in Schleußig aus Wohnung gedrängt
Leipzig Lokales „Wir wollen nicht ausziehen“ – Leipziger Mieter fühlen sich in Schleußig aus Wohnung gedrängt
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16:23 29.03.2014
Wollen sich nicht verdrängen lassen: Christine Malze (links) und Ariane Jedlitschka. Quelle: Christian Nitsche
Leipzig

Um 15 Uhr verließ Ariane Jedlitschka am vergangenen Mittwoch ihre Wohnung und konnte nicht fassen, was sie da sah. Ein Bauarbeiter machte sich mit schwerem Gerät in einer Nachbarunterkunft zu schaffen. Auf Anfrage meinte der Handwerker, er sei in das Haus geschickt worden, um „die Etage zu begradigen“.  „Wissen Sie, dass noch Familien hier leben? Mit kleinen Kindern?“ fragte Jedlitschka aufgeregt.

Der Bauarbeiter soll in den nächsten zwei Wochen die Wohnung für eine umfassende Modernisierung vorbereiten. Das heißt: eine Mauer einreißen, die Decke abbauen und Fenster auswechseln. Arbeitszeit ist von 7 bis 18 Uhr, intensiver Lärm inklusive. 

Streit um Informationen

 „Es gab keinen Aushang oder eine Mitteilung, dass gerade jetzt irgendwas passieren sollte“, sagte die hochschwangere Mieterin, die seit zwölf Jahren in dem alten Fabrikgebäude direkt an der Weißen Elster lebt. „Im Mietvertrag steht zwar, dass die Besitzer ohne Ankündigung rückbauen dürfen, aber das ist ziemlich mehr als nur Rückbau“, findet die 35-Jährige. Sie deutet auf die eingerissenen Wände in der Nachbarwohnung und die ausgebauten Türen. „Das ist doch hier keine gesicherte Baustelle“, so Jedlitschka.

Nach Angaben der Baufirma sind die Bewohner allerdings längst informiert worden – erst mit einem Brief Anfang 2013 und später im Dezember vergangenen Jahres noch einmal. Die Firma unterstreicht die Notwendigkeit der sofortigen Bauarbeiten:  „Wir müssen die Bauarbeiten jetzt fortführen, damit keine Dritten einziehen und um Diebstahl zu vermeiden. Aber diese Maßnahmen beziehen sich nur auf leerstehende Wohnungen“, erklärte KSW-Unternehmenssprecher Jörg Zochert.

Ariane Jedlitschka sieht das in bisschen anders. Sie sitzt mit ihren zwei kleinen Söhnen zu Hause und erwartet in wenigen Wochen ihr drittes Kind. Vor allem der Lärm macht ihr zu schaffen. Hinzu kamen in diesem Jahr bereits einige unvorhergesehen Havarien. Im Januar war der Flur durch einen Rohrbruch geflutet. Später lief das Schmutzwasser nicht ab. „Das hat zwei Wochen gedauert, bis es wieder funktioniert hat“, berichtete die 35-Jährige.

„Das kann man aber von Gebäuden in solchem Zustand erwarten“, sagte Zochert dazu. Die Mieter hätten gewusst, dass das Haus saniert werden soll und genug Zeit, sich eine andere Wohnung zu suchen. Bis spätestens September sollen nun alle Bewohner raus sein.

Entschädigung bis 9.000 Euro

„Wir können im bewohnten Zustand nicht sanieren. Zumindest nicht vollständig“, merkt Zochert an. Die Mieter hätten mehrere Möglichkeiten: sie könnten ein Entschädigungsangebot zwischen 5.000 und 9.000 Euro annehmen oder vorübergehend ausziehen und nach der Modernisierung zurückkehren. Dann allerdings zu einer höheren Miete.  

Zehn Mieter haben sich inzwischen für das Geld entschieden und das Feld geräumt. „Es ist nie schön, ausziehen zu müssen, aber wir haben uns früh auf einer Summe geeinigt“, so Irmfried Müller. Auch er packt in den nächsten Tagen seine Sachen zusammen. Andere weigern sich noch und wollen einen noch höheren Betrag einstreichen. „ Mehr als 9000 Euro kann sich die Firma aber nicht leisten“, so Zochert.

Für Jedlitschka ist das keine Option. "Nicht unsere Wohnungen werden saniert, sondern uns sind andere Wohnungen im Objekt angeboten wurden zu Preisen von mindestens 9,50 Euro kalt. Die Modernisierung und Instandsetzungen unserer Wohnungen würden wir akzeptieren, dass ist uns aber nicht angeboten wurden. Nur Wohnungen im Objekt mit anderen Grundrissen und Raumgrößen", sagt sie. Eine höhere Abfindung wolle sie keineswegs einstreichen, sondern schlicht wohnen bleiben.

Diese alte Fabrikgebäude in der Holbeinstraße soll saniert werden. Quelle: Nitsche

Das Bauunternehmen macht freilich auch Druck. Ein Angestellter der Firma, der „Mann-Vor-Ort“ sorgt dafür, dass die Bewohner regelmäßig erinnert werden. „Er hat die Aufgaben, ins Gespräch mit den Bewohnern zu kommen, sie über den geplanten Baumaßnahmen und die Entschädigungsangeboten zu informieren und auf die Sanierung vorzubereiten“, teilte Zochert.

Dabei fühlen sich Bewohner wie Jedlitschka und ihre Nachbarin Christine Malze aber regelrecht bedrängt. „Er kommt immer wieder vorbei und sagt solche Sachen wie: ‚Sie sollen lieber ausziehen. Ziehen Sie doch aus, ich kann es wirklich ungemütlich für Sie machen. Ich habe meinen Mittel’ “, berichtete Malze aus dem Erdgeschoss.

Sollten sich beide Seiten in den nächsten Monaten nicht einigen, läuft alles auf ein Gerichtsverfahren hinaus. Zochert blickt einem möglichen Rechtsstreit gelassen entgegen. „Das sind ganz normale Prozesse in solchen Situationen“, findet er.

Aktueller Nachtrag der Bewohner am Sonnabend:

"Unser Heizöl ist alle. Die Heizungsanlage ist sabotiert worden. Die Nachfüllanlage ist abgetrennt worden! Das passiert, weil das Haus eben nicht wie fälschlicherweise behauptet verschlossen ist, sondern offensteht und damit alles u.a. die Leerwohnungen für alle zugänglich sind."

Krysta Brown

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