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Wirtschaftsförderer: "Legida hat extrem negativen Einfluss"

Interview Wirtschaftsförderer: "Legida hat extrem negativen Einfluss"

Seit 2013 kümmert sich Lutz Thielemann darum, dass sich Firmen in der Region ansiedeln, lockt mit seinem Team Fachkräfte an, rührt die Werbetrommel. Wie das geht, was das bringt und was dabei stört, erklärt der Chef der Invest Region Leipzig im Interview.

Lutz Thielemann (46) ist Geschäftsführer der Invest Region Leipzig.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Erzählen Sie mal in drei Sätzen, wozu die Invest Region da ist.

Es geht um die Akquisition von Unternehmen für arbeitsplatzschaffende Investitionen in der Region Leipzig und um die Gewinnung von Fachkräften in Mangelbereichen. Das erreichen wir über klassischen Vertrieb und ein aktives Standortmarketing via Werbung, PR und Online-Marketing. Der Schwerpunkt ist die aktive Ansprache von nationalen und internationalen Unternehmen für Erweiterungsinvestitionen in unserer Region.

Welche Erfolge können Sie vorweisen?

Wir knüpfen Kontakte, betreuen diese intensiv und übergeben sie nach einer Ansiedlungsentscheidung an die Wirtschaftsförderungen in Stadt und Landkreisen. Ansiedlungen sind also gemeinsame Erfolge von uns und den Ämtern. Wir haben aktuell 135 Unternehmen als Ansiedlungsinteressenten generiert, allein 40 im ersten Halbjahr 2015. Aus diesem Potential sollen mittelfristig Entscheidungen reifen. Oft dauert ein solcher Prozess ein bis anderthalb Jahre. Konkret gibt es sechs Unternehmen, die sich in unserer Begleitung bisher angesiedelt haben.

Was sind das für Unternehmen?

Firmen im Bereich IT- und E-Commerce, internationale Ingenieursunternehmen mit Fokus auf Kunststoffe und Automotive, ein Logistik- und ein Fertigungsdienstleister. Es gibt für das laufende Jahr zwei weitere Unternehmen, bei denen wir guter Dinge sind, dass es klappt.

Was spricht für die Region?

Die Rahmenbedingungen sind sehr gut. Eine hochmoderne Infrastruktur, verfügbare Flächen zu vorteilhaften Preisen, eine attraktive Förderkulisse, eine hohe Produktivität und die Dynamik einer wachsenden Region mit rasant zunehmender Einwohnerzahl und überdurchschnittlicher Lebensqualität.

In welchen Bereichen ist in der Region der Fachkräftemangel am größten?

Bei Ingenieuren, Informatikern, Ärzten im ländlichen Raum, bei Facharbeitern in der Gastronomie, Logistik und Pflege.

Manche Bürger reagieren mit Unverständnis, wenn Sie an polnischen Autobahnen um Fachkräfte werben und fragen: Wieso bilden wir nicht eigene Leute aus? Es gibt ja immer noch Arbeitslose...

Es gibt zahlreiche Maßnahmen unterschiedlicher Träger zur Belebung des Arbeitsmarktes. Wir sind ein Puzzleteil von vielen. Aber es passt nicht jeder Arbeitssuchende auf die Position, die am Arbeitsmarkt verlangt wird. Deshalb bemühen wir uns auch überregional um qualifiziertes Personal. Ärzte oder Mechatroniker aus Bayern oder Baden-Württemberg sind aufgrund teilweise höherer Lohnstrukturen kaum bereit zu wechseln. Wir werben um Fachkräfte eher in strukturschwächeren Regionen mit guter Ausbildungsbasis, aber wenig Unternehmenssubstanz, wie in Mecklenburg oder auch im polnischen Niederschlesien. Dort besteht die Chance, gut ausgebildete Leute zu gewinnen. Hierfür bewerben wir unsere Internet-Börse www.Work-in-Leipzig.de. Darin sind rund 10 000 Positionen gelistet, die täglich aktualisiert werden - gespeist aus verschiedenen Quellen, vor allem aus Online-Portalen, aus der Arbeitsagentur und von Internetauftritten regionaler Firmen. Man findet offene Stellen aller Berufsgruppen von Schkeuditz bis Colditz und von Frohburg bis Torgau.

Funktioniert das?

Durchaus. In strukturschwächeren Regionen gibt es weniger Perspektive. Das sorgt für Mobilität. Ich bin selbst lange nach Frankfurt/Main gependelt, um für Nestlé zu arbeiten, da es für mich Mitte der 90er Jahre hier kaum Möglichkeiten gab. Wenn heute polnische Pendler über die A2 in Richtung England fahren oder von Breslau nach Süddeutschland, dann versuchen wir, diese auf unbesetzte Stellen in der Region Leipzig aufmerksam zu machen, wenn hier in bestimmten Sektoren Fachkräfteengpässe bestehen. Es gibt zahlreiche gut deutsch sprechende, erfahrene und qualifizierte Wochenpendler, die bei Arbeitsaufnahme in unserer Region viele Stunden Fahrzeit sparen könnten, aber dafür mehr Zeit für die Familie hätten. Und vielleicht siedelt der eine oder andere sich mit seiner Familie auch an. Ich freue mich, wenn ich auf der Straße Polnisch höre. Leipzig war über Jahrhunderte eine internationale Stadt, geprägt durch Händler und Messegäste aus aller Welt, aber auch durch Zuwanderung. Internationalität gehört zum Gen, zum Markenkern dieser Stadt.

Ist das noch so?

Es ist weniger geworden durch 40 Jahre teilweiser Isolation. Deutschlands internationale Plätze sind heute Hamburg, München, Düsseldorf, Frankfurt am Main und Berlin. Da hat Leipzig noch einen weiten Weg zu gehen, wenn wir als eine internationale Metropole wahrgenommen werden wollen.

Legida vermittelt nicht den Eindruck einer weltoffenen Stadt. Wie wirkt sich das aus?

An einem der ersten Legida-Montage hatten wir Journalisten aus Holland und Großbritannien hier, um die Pressevertreter über Wirtschaftsthemen, Biocity und die Automobilindustrie zu informieren. Ich präsentierte, aber die Blicke gingen nach draußen. Und über uns kreisten Polizeihelikopter, der Markt war voll mit Einsatzkräften und Demonstranten. In dem Moment hatten wir ein erklärungsbedürftiges Produkt. Natürlich hakt ein Journalist nach und will wissen, was los ist. Ich glaube, dass Legida einen extrem negativen Einfluss auf alles hat: Internationalität, Tourismus, Ansiedlungsaktivitäten und die Gewinnung von Fachkräften, von Gründern und Talenten. Wir brauchen ein Maß an Internationalität und Offenheit, damit Impulse in die Stadt kommen, die Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur beleben.

Sie holen Arbeitskräfte aus strukturschwachen Regionen - und woher kommen die Unternehmen, bei denen Sie um Ansiedlungen werben?

In Deutschland geht es primär um Baden-Württemberg, Bayern, Hessen. International um strukturstarke Ballungsräume in der Schweiz, in Skandinavien, Benelux, Großbritannien, USA, Israel.

Wie sind Sie auf diese Länder gekommen?

Wir haben mit dem Fraunhofer-Institut 2014 analysiert, in welchen Regionen der Welt das höchste Interesse bestehen könnte, sich im Falle einer Unternehmenserweiterung in Westsachsen anzusiedeln.

Ist unsere Region strukturstark oder strukturschwach?

Weder noch - dazwischen. Leipzig ist eine wachsende Stadt in einer dynamischen Region und auf gutem Weg. Die Arbeitsmarktlage entwickelt sich positiv, auch weil in den letzten 15 Jahren wichtige Ansiedlungen erfolgt sind und eine Eigendynamik entstand. Andererseits ist die Situation fragil, da es noch keine selbsttragende Entwicklung und es noch lange nicht so viele mittelständischen Betriebe wie etwa in Süddeutschland gibt. Wir brauchen Mittelstand in großer Anzahl, mehr Breite und Branchenvielfalt in der Struktur. Das bringt Stabilität.

Ist es realistisch, dass wir hier so eine Struktur aufgebaut bekommen?

Die Firmenzentralen mit ihren oft enormen Infrastrukturen sind dort, wo sie sind - und werden sich mittelfristig nicht wegbewegen, wenn es keine Veranlassung gibt. Aber Firmen suchen sich aus Produktivitätsgründen oder Fachkräftemangel weitere Produktionsstandorte. Da setzen wir an. Es geht um Erweiterungsinvestitionen.

Es geht also weiterhin um verlängerte Werkbänke.

Diese Werkbänke sind bei vielen Firmen heute produktiver und moderner als die Ursprungsstandorte und für uns sind sie Wachstumskerne. Außerdem geht es um Gründungen wie Spreadshirt, Unister, Taschenkaufhaus, Vita34. Das ist der zweite Weg, den wir gehen müssen. Ich persönlich glaube nicht, dass man Unternehmenszentralen umsiedeln kann. So etwas scheitert auch daran, dass die Unternehmer selbst Lokalpatrioten sind und wie die leitenden Angestellten in großer Zahl an ihre Region gebunden sind. Konzerne wie Nestlé, Bertelsmann, BASF verlagern nicht ihre Zentralen. Es braucht Mittelstandsansiedlungen sowie Neugründungen und hierfür Engagement und Geduld.

Kann man Unternehmen auch im ländlichen Raum rund um Leipzig ansiedeln?

Ja, Auftrag und Mission ist es, für Region und Stadt zu akquirieren. Ich habe das als Wirtschaftsförderer in Görlitz erlebt, wo wir Schweizer Weltmarktführer wie die Skan AG ansiedelten. Mit der Invest Region Leipzig waren wir gerade auf Roadshow in der Schweiz und besuchten Firmen oft in kleinen Gemeinden, wo sie ihren Ursprung haben. Die Unternehmer pflegen ein gewisses Understatement, sind bescheiden und fühlen sich in kleineren Gemeinden wohl. Warum also nicht auch bei uns? Es kommt auf die Unternehmertypen an. Und es spielt eine Rolle, ob und wie sich der Bürgermeister einer kleinen Gemeinde vor Ort selbst um den Unternehmer kümmert. So etwas kann bei einer Ansiedlungsentscheidung schwer wiegen.

Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor?

Es gibt eine klare Strategie und einen Maßnahmenplan. Wir bearbeiten Messen und Kongresse in verschiedenen Ländern, gehen auf Roadshows, wir publizieren Anzeigen in Wirtschaftsmagazinen und betreuen Journalisten aus aller Welt. Pro Jahr schreiben wir Tausende Angebotsbriefe, vergangenes Jahr gab es 25 000 Mailings und allein 3000 Briefe an Unternehmer in der Schweiz. Im Juni trafen wir an mehreren Abenden in Schweizer Gasthöfen mit Unternehmern in kleinen Runden zusammen, während wir am Tage Firmen besuchten. Eine Mitarbeiterin war knapp drei Wochen an der US-Ostküste unterwegs, um Netzwerke zu knüpfen, Lobbyisten kennenzulernen und Unternehmer zu treffen. Ein weiterer Mitarbeiter bearbeitet zunehmend die skandinavische IT-Szene.

Was macht einen guten Akquisiteur aus?

Flexibilität, Beweglichkeit, Überzeugung und Service. Es geht darum, investitionsbereite Unternehmer zu finden und zu binden. Das ist sensibel, kleinteilig und langfristig. Man begegnet Unternehmern mit Visionen, die nicht nur Basisinformationen brauchen, sondern auch Fördermittel, Fachkräfte, Fremdkapital, eine geeignete Gewerbefläche und Partner. Ein Mittelständler erweitert sich vielleicht einmal in seiner Generation. Da spielen neben harten auch die weichen Faktoren eine Rolle, wie Ansprache und Betreuungskultur. Wir sind im Kontakt mit einer Industriefirma, die eine Erweiterung im EU-Raum plant und aktuell fünf verschiedene Standorte prüft. Es stellte sich heraus: Wir waren die Einzigen, die das Unternehmen in seinem Schweizer Bergdorf besucht haben. Und das war wichtig.

Im November organisieren Sie das Weltmarktführerforum in Leipzig? Warum?

Wir erwarten über 200 Teilnehmer sowie als Referenten weltmarktführende Unternehmen, Konzernmanager, Spitzenpolitiker und Diplomaten. Die Teilnehmer können dort gut netzwerken. Für uns ist es eine Chance, die Region bei Entscheidern als dynamischen Wirtschaftsstandort zu präsentieren. Selbstverständlich sind auch Unternehmer unserer Region eingeladen. Wir organisieren die Konferenz gemeinsam mit der Leipziger Foren GmbH und mit Unterstützung von Walter Döring, Baden-Württembergischer Wirtschaftsminister a. D.

www.weltmarktfuehrerforum-leipzig.de

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