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Wo der Klassenfeind geblieben ist

Wo der Klassenfeind geblieben ist

Exakt 900 Einwohner aus den Vereinigten Staaten zählt das Amt für Statistik und Wahlen gegenwärtig in der Stadt. David Rush ist einer von ihnen - und ein Exot.

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Fühlt sich seit 28 Jahren in Leipzig wohl: David Rush.

Quelle: André Kempner

Der gebürtige Nordamerikaner lebt seit 28 Jahren in Leipzig, sprich seit 1985, als der Eiserne Vorhang noch zugezogen und die USA der Klassenfeind waren. Rush ist hier mit einer entwaffnenden Selbstverständlichkeit zu Hause - und ohne je mit Antipathien gekämpft zu haben.

Nur leise lässt sich ein Akzent in der Stimme von David Rush erahnen - wenn überhaupt. "Es wäre auch komisch", meint der 62-jährige, geborene Detroiter in fließendem Deutsch lachend, "wenn ich nach so langer Zeit immer noch nicht richtig sprechen könnte." Zumal er deutsche Literatur studiert hat, bis heute mit Vorliebe die Lyrik von Walther von der Vogelweide genießt und seine Brötchen als freiberuflicher Übersetzer verdient. Mit anderen Worten: Rush hat sich vorbildlich integriert - schon zu Zeiten, da die Mauer noch stand und der Draht zwischen Weißem Haus, Staatsratsgebäude und Kreml eher lauwarm war.

"1985 hatte ich gerade mein Masterstudium an der Cornell University beendet", rekapituliert Rush. Zugleich ließ ein damaliger Kommilitone das Angebot der Alma Mater links liegen, die Deutsch-Kenntnisse mit einem weiteren Studium an der Karl-Marx-Universität Leipzig zu vertiefen. Der Lehrstuhl kam auf Rush zurück, der zugriff. "An meinem ersten Tag in Leipzig war mir klar, dass das die Stadt ist, in der ich leben will", sagt Rush unaufgeregt, "es hat sich einfach gut angefühlt." Kurz darauf ging der Amerikaner 1986 mit einem Stipendium nach West-Berlin und kehrte schon 1987 wieder an die Karl-Marx-Uni zurück - als Englisch-Dozent unter Professor Gottfried Bernhard Graustein.

"Es war eine bewusstseinserweiternde Erfahrung", resümiert Rush heute, "nicht völlig ungewöhnlich, aber doch ziemlich exotisch." Fünf Briten, zwei US-Amerikaner und einen Australier beschäftigte die Uni zu seiner Zeit, um die englische Sprache in den Seminargruppen weiterzugeben. "Die Menschen waren von Grund auf freundlich und neugierig, sich mit einem Muttersprachler zu unterhalten, egal ob Parteimitglieder oder nicht", schildert Rush. Nie habe er sich beobachtet, verfolgt oder bespitzelt gefühlt. Auch nicht, als er sich in den finalen Tagen der DDR von der Bürgerbewegung "Demokratie Jetzt" mitreißen ließ und auf die Straße ging. "Als die ersten Demos begannen, wohnte ich in der Ritterstraße, saß am Tisch, aß zu Abend und konnte drei Stunden später im Fernsehen sehen, was sich gerade vor meinem Fenster abspielte", erinnert sich Rush, "das war überwältigend." Nicht zuletzt, weil ihm die Bundesrepublik im Vergleich langweilig vorkam. "Ostdeutschland war kontrovers", sagt Rush.

Einerseits der hohe Lebensstandard und die soziale Absicherung, andererseits ein Wahlsystem, das keine freien Entscheidungen zuließ. "Da war diese bestimmte Solidarität, diese Zusammengehörigkeit unter den Menschen", erklärt Rush, "die es im Westen so nicht gab." Dazu gehört der Amerikaner heute selbst, ist in Connewitz sesshaft und ein Teil von Leipzig geworden.

1993 verließ Rush die hiesige Uni, um seine Übersetzungsdienste der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft (Mibrag) anzubieten, bis er sich schließlich selbstständig machte. Seit 1994 ist Rush mit einer Pfarrerin verheiratet, die aus Ostsachsen stammt. Das Ehepaar hat einen 13-jährigen Sohn. Den Nachwuchs nimmt der Vater mit, wenn er sein Heimatland bereist. "Im vergangenen Jahr waren wir in Washington, D.C.", sagt Rush, "was schön, aber für mich nur eine weitere amerikanische Stadt war." Seine Stimme klingt nicht danach, als würde ihm etwas fehlen. "Was sollte ich auch vermissen", sagt Rush. Felix Kretz

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 24.09.2013

Kretz, Felix

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