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Lokales Wo sind die Toten der Uni-Kirche?
Leipzig Lokales Wo sind die Toten der Uni-Kirche?
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00:33 31.05.2018
Der Tatort: Unter dem Schuttberg der gesprengten Universitätskirche befinden sich die Reste der geschändeten Gruft. Sie ist fast komplett ausgeräumt. Quelle: Fritz Tacke/ Archiv Paulinerverein
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Leipzig

Was geschah mit den Toten, die unter Leipzigs alter Paulinerkirche lagen? Über die Jahrhunderte waren dort 800 Menschen bestattet worden – Professoren mit ihren Familienangehören und Leipziger, die sich um ihre Stadt verdient gemacht haben, Fürsten, Adlige, Bürgermeister und das reiche Bürgertum. Ihre Gebeine sollen noch wenige Tage vor der Sprengung des Gotteshauses am 30. Mai 1968 auf drei unterirdischen Etagen gelegen haben, geschmückt mit kostbaren Grabbeigaben. Doch bis auf zwei Skelette ist alles spurlos verschwunden. Jetzt hat die AfD-Stadtratsfraktion im Rat beantragt, das Stadtarchiv mit Nachforschungen zu beauftragen.

War Schalck-Golodkowski vor Ort?

Die Schätze der Kirche beschäftigen seit Jahrzehnten viele. Zum Beispiel den Leipziger Physiker Manfred Wurlitzer, der Zeitzeugen sprach und in Stasi-Unterlagen recherchierte, ein Buch darüber schrieb. Sein 265-Seiten-Werk rekonstruiert eine Geheimaktion, die am 25. Mai 1968 anlief. Hunderte weiße Kindersärge wurden damals in die hermetisch abgeriegelte Kirche gefahren und aufgestapelt. Kranhohe Bohrmaschinen trieben ab sechs Uhr früh Löcher in die steinernen Platten des Kirchenbodens, unter dem die Gräber lagen. Zischend sei aus diesen „bestialischer Gestank“ entwichen, gab ein Augenzeuge zu Protokoll. Dann hoben Maschinen die Platten an und eine Leiter wurde in die gewölbten, sauber mit Ziegeln gemauerten Grüfte hinabgelassen. In jeder Gruft habe ein Regal aus drei übereinander angebrachten steinernen Platten gestanden und auf jeder Platte ein Toter gelegen, heißt es.

Oben standen Männer, die sämtliche Wertgegenstände in Empfang nahmen und die Dinge aufschrieben, die von unten heraufgereicht wurden. Von Ketten, Ringen und handtellergroßen goldenen Rosen mit eingravierten Namen sowie Geburts- und Sterbedatum ist die Rede. Ein Augenzeuge behauptet, Alexander Schalck-Golodkowski gesehen zu haben, der im DDR-Staatsauftrag wertvolle Antiquitäten gegen Devisen in den Westen verkaufte.

Totenkopf im Schutt gefunden

Im Untergrund wurden die Gebeine der Toten aus den Regalen in die Kindersärge geschoben. Viele seien in „herrlich bunte“ Gewänder eingehüllt gewesen, so der Zeitzeuge. Die kleinen Särge seien in der Eile manchmal „richtig vollgestopft“ worden, bevor sie mit unbekanntem Ziel abtransportiert wurden.

Selbst als die Kirche gesprengt war und der Schutt abgefahren wurde, kamen auf dem Areal noch menschliche Knochen zum Vorschein. Im Büro des Paulinervereins ist heute ein Schädel zu sehen, der offenbar bei einem der Lastertransporte von der Ladepritsche rutschte und von einem Mann aus Brandis aufgehoben wurde. Untersuchungen ergaben, dass der Schädel einem Mann gehörte, der vor rund 300 bis 350 Jahren gestorben ist – um wen es sich handelt, ist nicht bekannt. „Unser Mitglied Wieland Zumpe hat die Namen von 500 der 800 Toten ermittelt“, erzählt Ulrich Stötzner, Vorsitzender des Leipziger Paulinervereins. Es sei richtig, dass jetzt Nachforschungen angestrengt werden. „Bis heute weiß niemand, wo die Särge aus der alten Paulinerkirche geblieben sind“, sagt er. „Es muss noch Zeitzeugen geben, die sich jetzt melden sollten.“

„SED-Funktionäre schweigen bis heute“

Manfred Wurlitzer weiß, dass jeder, der an der Geheimaktion teilnahm, damals eine Schweigeverpflichtung unterschreiben musste. Nach 1990 soll auch noch eine Schweigevereinbarung gefolgt sein. „Es existieren auch keine Akten über den Leipziger Grabraub“, sagt er. „Und von den Toten gibt es keine Spur – gar nichts.“ Eine Anfrage des Paulinervereins bei DDR-Devisenbeschaffer Schalck-Golodkowski blieb unbeantwortet. „Die beteiligte Elite von SED-Funktionären schweigt bis heute eisern“, sagt Wurlitzer.

Fest steht für ihn, dass viele kostbare Dinge aus den Grüften geborgen wurden und bei solchen Aktionen zu DDR-Zeiten auch immer hochrangige Vertreter der jeweiligen Stadt anwesend waren, die Gebeine und die Grabbeigaben entgegen nahmen. „Das war eigentlich gesetzlich vorgeschrieben und wurde auch praktiziert“, sagt der 84-Jahrige. Ein Augenzeuge habe ebenfalls berichtet, dass er den damaligen Leipziger Oberbürgermeister in der Kirche erkannt hat. „Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass im Leipziger Stadtarchiv noch Schriftstücke von damals existieren“, so Wurlitzer. „Die Frage ist, was die Stadt dann mit diesen Dingen gemacht hat. “

Im Krematorium des Südfriedhofs verbrannt?

Dass die Toten ebenso wie der Kirchenschutt in die Etzoldsche Sandgrube gefahren wurden, hält Wurlitzer für unwahrscheinlich. „Denkbar ist, dass die Gebeine auf dem Südfriedhof im Krematorium verbrannt wurden“, sagt er. „Aber ich habe dort das Ofenbuch eingesehen – es gibt keine Hinweise darauf, dass so etwas geschehen ist.“

Die AfD-Stadtratsfraktion will nun Druck machen bei der Aufklärung des Themas. Am Freitag war ihr Ratsantrag im Kulturausschuss; wann er im Rat zur Abstimmung kommt, ist offen.

Info: Zum Gedenken an den 50. Jahrestag der Sprengung der Universitätskirche findet Mittwoch von 10 bis 12 Uhr ein Gottesdienst statt, in diesem Jahr zum ersten Mal in der neuen Paulinerkirche am Augustusplatz.

Von Andreas Tappert

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