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Lokales Wötzels Eingeständnis, Langes Beharrlichkeit
Leipzig Lokales Wötzels Eingeständnis, Langes Beharrlichkeit
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00:34 19.05.2018
Roland Wötzel vor seinem Bücherregal, Bernd-Lutz Lange mit Bilddokumenten der Unikirche auf seinem Balkon. Quelle: Fotos: André Kempner
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Leipzig

„Der Bernd ruft ab und an bei mir an, dann tauschen wir uns aus, streiten auch mal“, sagt Roland Wötzel, fast 80 Jahre alt. Seit einiger Zeit hat er den Anwaltsberuf aufgegeben, steht als Ratgeber in manch einer (Lebens-)Frage aber immer noch zur Verfügung oder ist als Referent – unter anderem bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung – gefragt. Karl Marx und Martin Luther sind hierfür seine bevorzugten Lehr- und Inspirationsmeister. Den einen kennt er so gut wie den anderen – beide, so Wötzel, „sind sich näher als mancher denkt“.

Zuständig für Export und Import in Schwarzheide

Womit die geistige Grundlage gelegt wäre für ein Gespräch über die gesprengte Universitätskirche. Wötzel weilte, als die Zerstörung vollzogen wurde, gar nicht in Leipzig. Er arbeitete damals als studierter Jurist und Wirtschaftswissenschaftler im VEB Synthesewerk Schwarzheide und war im Export- und Import für zum Teil milliardenschwere Geschäfte zuständig. „Ich war nicht da, mich hat die Sache nicht so tangiert. Auch bin ich der Meinung, dass man nicht den Eindruck erwecken sollte, dass wegen der Universitätskirche ganz Leipzig in Erschütterung geraten ist“, sagt er.

Wer frei ist von Sünde ...

Gerade jetzt, wenige Tage vor dem 50. Jahrestag der Sprengung des Gotteshauses, stellt sich Wötzel die Frage: Wie hättest du dich verhalten? „Nun ist es einfach, sich hinterher viel klüger zu dünken. Ich denke in so einem Fall an Johannes, Kapitel 8, Vers 7: ,Wer frei ist von Sünde werfe den ersten Stein.‘ Auch heute reißt man in unserer Stadt ohne sicht- und hörbaren Protest eine Kirche mit interessanter Architektur und modernem Interieur, entstanden unter komplizierten Bedingungen, ab. Und das, obwohl für ihre Erhaltung ein Bruchteil der Kosten erforderlich gewesen wäre, die der Bau einer neuen verschlingt“, spielt das frühere SED-Mitglied auf den Abriss der alten katholischen Propsteikirche am Rosental vor wenigen Wochen an.

„Hätte so wie die überwiegende Mehrheit entschieden“

Wötzel weiter: „Ich glaube, ich hätte mich so wie die überwiegende Mehrheit der Leipziger Stadtverordneten entschieden. Den Argumentationen ,Wir wollen eine moderne Universität im Zentrum der Stadt bauen‘ und ,Wir wollen die Wissenschaft weiterentwickeln‘ – wäre ich gefolgt. Diese Gründe hätten mich, den jungen, überzeugten Genossen, verführt. Ende der 1960er-Jahre glaubte sich der Sozialismus zukunftssicher. In der Wirtschaft ging es voran. Heute sage ich: Die Liquidierung der Unikirche basierte auf einer Fehleinschätzung der Lage, die Sprengung war ein politischer Fehler, ein großer Kulturfrevel.“ Später konnte der Funktionär, nun in Diensten der SED-Bezirksleitung Leipzig, in diverse Akten zum Fall Unikirche gucken. Für den oft zitierten Walter-Ulbricht-Satz „Das Ding muss weg“ fand er keine Beweise.

Ein Anruf beim ranghohen Genossen

Für Bernd-Lutz Lange gehörte SED-Parteisoldat Wötzel zu jenen Genossen, „mit denen man reden konnte“. Lange, heute 73 Jahre alt, erinnert sich an eine Episode im Frühjahr 1988. Der 20. Jahrestag der Sprengung der Unikirche stand bevor, offiziell durfte das natürlich kein Thema sein. Der Kabarettist rief Wötzel, den Sekretär der SED-Bezirksleitung an: „Ich möchte in der LVZ ein Gedenkblatt für die Unikirche veröffentlichen.“ Was folgte, war zunächst Schweigen – und dann: „Wenn ich mich hier so umgucke, sehe ich niemanden, der das mit unterstützen würde.“

Forderung nach einem Volksentscheid

Die Universitätskirche und ihr Schicksal gehören zu Langes Leben wie der Herbst der Friedlichen Revolution 1989. Im Jahr 1965 war der gebürtige Zwickauer nach Leipzig gekommen, um an der Fachschule für Buchhändler zu studieren. Als bekannt wurde, dass die Unikirche, die unbeschadet den Krieg überstanden hatte, vernichtet werden sollte, regten sich tiefes Unverständnis und Protest bei dem aus einem christlichen Elternhaus stammenden jungen Mann. Lange: „Gegenüber unserem Dozenten für Marxismus-Leninismus forderte ich einen Volksentscheid in Leipzig über die Zukunft der Kirche. Der gute Mann verlor, als er das hörte, fast sein Gleichgewicht.“

Erinnerung an den letzten Gottesdienst

Der Kabarettist, professionell hintersinnig: „Am Himmelfahrtstag hatten die Stadtverordneten die Himmelfahrt der spätgotischen Kirche beschlossen. Und, genauso unglaublich: Der Abbruchleiter seitens der Uni bei der Beseitigung der Kirchentrümmer hieß – wie der Schutzheilige der Dominikaner – Paulus.“ Lange war nah dran am Schicksal dieser Kirche, erlebte Konzerte und vor der Sprengung den Protest der Studenten, erinnert sich an die Predigten von Dominikanerpater Gordian Landwehr und vor allem an den letzten Gottesdienst am 23. Mai 1968: „Professor Drechsler an der Orgel spielte ,Ein Haus voll Glorie schauet‘.“

Stasi-Chef wollte „Auseinandersetzung führen“, tat es aber nicht

Die vernichtete Kirche blieb für Lange präsent. Mit intelligenten Nadelstichen erinnerte er immer wieder an sie. Als er 1986 bei Edition Peters das Buch „Liederliches Leipzig“ herausgab, schrieb er darin: „Leider fiel dem Neubau die Kirche mit dem letzten Teil des Kreuzganges und Gewölben aus der Klosterzeit zum Opfer.“ Der Satz gefiel Leipzigs Stasi-Chef Manfred Hummitzsch gar nicht, er ordnete an, mit Lange „die Auseinandersetzung zu führen“. Diese fand nie statt. Und als der Kabarettist 1988 zum ersten Mal mit Gunter Böhnke als Duo im Academixer-Keller auftrat, gestaltete er in der Spielstätte eine Ausstellung mit Ansichten von Leipzig. Zu sehen war auch, und das erstmals in der DDR-Öffentlichkeit seit der Sprengung am 30. Mai 1968, die nicht zerstörte Unikirche. Die Aufnahme hatte die Fotografin Gudrun Vogel mit der Unterschrift „… davor“ versehen.

„Einer der Sargnägel für den Untergang der DDR“

Autor Lange war und ist überzeugt: „Die Leipziger haben der SED-Parteiführung die Zerstörung der Unikirche nie verziehen. Es war einer der Sargnägel für den Untergang der DDR.“

Am Donnerstag, 17. Mai, ab 18 Uhr stellt Benjamin Sommer im Paulinum sein Buch „Mitteldeutsche Flügelretabel vom Reglermeister, von Linhart Koenbergk und ihren Zeitgenossen – Entstehung, Vorbilder, Botschaften“ vor.

Von Thomas Mayer

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