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Lokales Wut unter Eltern, Angst beim Personal des Bauernhofkindergartens in Leipzig
Leipzig Lokales Wut unter Eltern, Angst beim Personal des Bauernhofkindergartens in Leipzig
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22:22 30.03.2018
Idylle in Gefahr: Die Kinder Till, Pepe, Matheo und Alva füttern die Ziegen im Bauernhof-Kindergarten im Gut Mölkau – mit Claudia Gründel-Richter, die sich mit anderen Eltern für den Erhalt des Konzepts der Einrichtung stark macht. Quelle: André Kempner
Leipzig

Viele Schreiben haben in den vergangenen Wochen die Tische gewechselt – zwischen der Sozialwerk Leipzig gGmbH und dem Elternrat des Bauernhofkindergartens Leipzig-Mölkau beispielsweise. Kalt erwischt wurden die Eltern im Februar von der Nachricht, dass der Träger der bundesweit beachteten Einrichtung eine festangestellte Pädagogin entlassen und die Streichung der Einsätze von Mitarbeitern des Bundesfreiwilligendienstes (Bufdis) angeordnet hat. Der Anfang einer dramatischen Entwicklung, die nun auch den Fachausschuss Jugend, Soziales, Gesundheit und Schule beschäftigt – denn das Sozialwerk kündigt ohne jedes Vorgespräch weitere Schließungen an, und die bringen die Stadt gehörig unter Zugzwang.

Der von Wald, Park und Feldern gerahmte Integrative Bauernhofkindergarten ist seit der Eröffnung vor 15 Jahren mit dem Konzept „Tiere und viel frische Luft“ erfolgreich. In purer Landleben-Idylle bereichern Ziegen, Hängebauchschweine, Hasen, Kaninchen und Mäuse den Alltag der Kinder; aus dem ganzen Bundesgebiet erhält Leiterin Eva Heller Anfragen für einen Kita-Platz, Studenten schreiben Diplom-Arbeiten über die in Sachsen einmalige Einrichtung.

Sollte es beim Beschluss des Sozialwerks bleiben, künftig keinen weiteren so genannten Bufdis Einsatzstellen zu bieten, steht das Konstrukt des Kindergartens auf der Kippe, denn das funktioniert nur mit Zusatzkräften. „Das Versorgen der Tiere oder der Anbau beispielsweise von Getreide wären nicht mehr zu stemmen“, sagt Leiterin Heller.

Schon Ende April sollten nach dem Plan des Sozialwerks die Bufdis in Mölkau aufhören. Verwundert über das Tempo dieser Personalpolitik ist nicht nur der Elternrat, sondern auch der Leipziger Verein Herbie, der die Bundesfreiwilligendienste an Einrichtungen vermittelt. „Das Datum widerspricht dem Vertrag“, konstatiert Herbie-Teamleiterin Claudia Schmitt, „der läuft über zwölf Monate und in diesem Fall erst zum 31. August beziehungsweise September aus.“ Herbie habe auf diesen Punkt hingewiesen, „daraufhin ist das Sozialwerk zurückgerudert“.

Um die Gründe für die überstürzt wirkenden Maßnahmen wabert schwer zu durchstoßender Nebel. Gerüchte, Mutmaßungen und Anschuldigungen kursieren. Eltern vermuten eine Reaktion auf Pläne des Personals, einen Betriebsrat zu gründen, zuständig für Bauernhofkindergarten und weitere Sozialwerk-Einrichtungen wie die Autismusambulanz, den Familiengarten in der Schenkendorfstraße und die Kita in der Biedermannstraße. „Gut möglich, dass dem Träger das nicht passt“, vermutet Melanie Trommer, deren sechsjähriger Sohn seit 2016 den Bauernhofkindergarten besucht.

Heinrich Schnatmann, Geschäftsführer des Sozialwerks, widerspricht der Vermutung auf LVZ-Nachfrage. „Wir halten uns natürlich an das Betriebsverfassungsgesetz.“ Darin steht unter anderem: Ab fünf Festangestellten hat der Arbeitgeber kein Recht, seinem Personal einen Betriebsrat zu verwehren. So lange es mindestens fünf gibt...

In einer Stellungnahme des Trägers an den Elternrat des Bauernhofkindergartens, die der Redaktion vorliegt, wird der Schwarze Peter an die Stadt weitergereicht. Da ist die Rede von „gravierenden Unstimmigkeiten bezüglich der Refinanzierung der von uns erbrachten Leistungen mit dem Jugendamt“ und einem „zerrütteten Verhältnis“. Die Chefs Thomas Wiesemann und Benno Wolfgang Ecker bedauern, man habe „im Zuge der vorbeschriebenen Interessenabwägung“ hinsichtlich des Zusatzpersonals kurzfristig Entscheidungen fällen müssen. Die Einrichtung müsse „auf Grund dieser wirtschaftlichen Zwänge“ künftig auf Bufdis verzichten.

Im Rathaus löst das Erstaunen aus. „Seitens der Stadt gibt es keine Kostenvorgaben, die den Träger zu solchen Schritten zwingen“, klärt Nicolas Tsapos, Leiter des Amtes für Jugend, Familie und Bildung, auf. Im Gegenteil: Die Pauschale zur Finanzierung der Kitas sei deutlich gestiegen, lässt er wissen. Verblüffend erscheint auch der Rauswurf der Bufdis. Denn laut Amtsleiter wird über die Pauschale hinaus in jeder Einrichtung des Trägers eine Stelle „Freiwilligendienst“ ermöglicht.

Im Sozialwerk scheint das nicht angekommen zu sein. Den vorgegebenen Personalschlüssel hält Geschäftsführer Schnatmann „für viel zu gering“. Man hätte gern mehr Personal. Die noch laufenden Verhandlungen mit der Stadt sind festgefahren, wie der Ausschussvorsitzende Karsten Albrecht (CDU) bestätigt. Die letzten Tage brachten weitere Hiobsbotschaften: Die Autismusambulanz wird zum 30. September geschlossen, auch die Kindertagespflege soll dicht machen – zur Überraschung der Mitarbeiter.

Am Gründonnerstag informierte Amtsleiter Tsapos den Fachausschuss über die Situation. „Dass ein Träger keinen Stadtrat über die Lage in Kenntnis setzt und uns vor vollendete Tatsachen stellt – das habe ich noch nicht erlebt“, sagt Albrecht. Die Schnellschüsse setzen die Stadt enorm unter Druck, weil die sozialen Pflichtleistungen gefährdet werden können. Die Autismusambulanz beispielsweise ist leipzigweit die einzige Einrichtung ihrer Art. Jugendamtsleiter Tsapos wird nun das Gespräch mit dem Träger suchen.

Unter den Eltern der Betreuten wachsen Aufregung und Unmut. „Leipzig kann nicht auf die Autismusambulanz verzichten, für uns ist sie eine wichtige Beratungsstelle“, betont die Mutter eines Mädchens mit Asperger-Syndrom. Beim Bauernhofkindergarten schrieb Elternratsvorsitzende Claudia Gündel-Richter an Sozialbürgermeister Thomas Fabian (SPD), Melanie Trommer sammelt in einer Petition Unterschriften und hat im Netz einen Spendenaufruf veröffentlicht, um Tierhaltung und Bufdis zu ermöglichen (www.betterplace.org/p61423).

Und das betroffene Personal? Ist quer durch alle Einrichtungen geschockt, doch niemand möchte sich zu den Vorgängen äußern – aus Angst, den Job zu verlieren. Ein entspanntes Verhältnis zwischen Arbeitgeber und -nehmern sieht anders aus. Nach den Feiertagen wird sich die Stadt mit dem Fall beschäftigen. Absichtsvoll oder nicht – die zugespitzte Situation hat die Überlegung, einen Betriebsrat zu gründen, verdrängt. Vorerst zumindest.

Mark Daniel

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