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Yanniks Mutter haut einfach ab – St.-Elisabeth-Verein schafft neues Zuhause

Yanniks Mutter haut einfach ab – St.-Elisabeth-Verein schafft neues Zuhause

"Mein Sohn sah aus wie ein Greis. Dieses Bild vergesse ich nie." Yannik, damals anderthalb Jahre alt, hatte ewig nichts zu trinken bekommen, sein Gesicht war schon ganz eingefallen.

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Mit seinem leiblichen Vater Frank Rustler (rechts) spielt Yannik am liebsten mit der Feuerwehr. Beide haben regelmäßig Kontakt; der Achtjährige wächst jedoch bei Monika Bader (links) auf.

Quelle: André Kempner

"Wie ein alter Mann." Frank Rustler, der Vater des mittlerweile Achtjährigen, schüttelt immer wieder den Kopf. Er spielt mit seinem Jungen in der nagelneuen Leipziger Begegnungsstätte des Vereins St. Elisabeth in der Zschocherschen Straße 87.

Yannik strahlt, schmiegt sich an seinen Papa. "Heute ist mein Glückstag, heute ist mein Glückstag..." Vater und Sohn haben regelmäßig Kontakt. Doch Yannik lebt in Thüringen - bei seinen Vize-Eltern im Kurort Finsterbergen. Bei Monika und Heiko Bader. Sie ist Erzieherin und Heilpädagogin, ihr Mann selbstständiger Fotograf. Vor mehr als einem Jahrzehnt entschloss sich das Paar dazu, Kinder aus extrem schwierigen Verhältnissen in der Familie aufzunehmen. 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr, über viele Jahre hinweg. Es handelt sich um eine besondere Form der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe. Denn Monika Bader ist angestellt beim St.-Elisabeth-Verein, bekommt Gehalt, ihr Mann leistet quasi als Ehrenamtler unbezahlte - unbezahlbare Hilfe. Integrative Familien - so heißt das Projekt, ein Alternativangebot zwischen Heim und Pflegefamilie.

"Die beiden eigenen Kinder waren aus dem Haus, da haben wir erst überlegt, Patenschaften zu übernehmen. Dann erfuhr ich von diesen Möglichkeiten beim St.-Elisabeth-Verein. Ich hatte ja mal im Kinderheim gearbeitet, dachte dann, ich hole mir die Arbeit nach Hause und tue auch etwas Gutes. Zudem galt es, die pflegebedürftige Mutter zu versorgen", erzählt die 53-jährige Monika Bader.

Zuerst kam Marc, heute schon 17 Jahre alt, dann ein weiterer Junge, vor vier Jahren Yannik. "Ich hatte es allein nicht gepackt", sagt dessen Vater Frank Rustler, der das Sorgerecht nach wie vor für den Jungen hat. Die leibliche Mama war "einfach abgehauen", erzählt der 60-Jährige. Damals, als der Junge fast verdurstet wäre, arbeitete der Leipziger bei VW in Wolfsburg. "Ich habe immer wieder angerufen. Doch sie ging nicht ans Telefon." Also entschloss er sich, sofort loszufahren. "Der Junge stand allein im Kinderzimmer, niemand war da. Er war nicht versorgt." Vier Tage später packte die Frau endgültig die Sachen, verschwand aus dem Leben von Mann und Kind. Es besteht keinerlei Kontakt zu der heute 33-Jährigen; damals war sie offenbar stark drogen- und alkoholabhängig.

Anderthalb Jahre lang kümmerte sich der gelernte Motorenschlosser und Schweißer um den geistig behinderten kleinen Jungen. "Dann ging es nicht mehr." Ein Jahr lang lebte Yannik im Kinderheim, bevor er nach Thüringen zog. "Dass er dort so eine Entwicklung nimmt, ist genial. Ich hätte das nicht geschafft. Die Familie hilft mir auch, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Das baut mich auf." Denn den 60-Jährigen treibt die Frage um: "Was sage ich später meinem Kind, wenn es mich fragt, warum es nicht bei den leiblichen Eltern aufgewachsen ist? Ich werde behutsam damit umgehen, werde die Wahrheit sagen. Denn Kinder kann und soll man nicht belügen", so das Resümee des Mannes. Momentan ist er arbeitslos. Zu seinen zwei großen Söhnen (37/39) hat er keinen Kontakt.

Außer den Baders betreuen in Thüringen, wo der St.-Elisabeth-Verein seit 1993 aktiv ist, rund 30 weitere professionelle Familien rund 50 Kinder, darunter etliche aus Leipzig. Hingegen gibt es in der Messestadt erst eine integrative Familie mit zwei Kindern. "Wir sind direkt vom Jugendamt angesprochen worden, ob wir nicht auch in Leipzig das Angebot unterbreiten wollen", berichtete Heimleiterin Claudia Griese. "Die Kinder sind in der Regel traumatisiert, leiden unter Mangelerscheinungen, haben seelische und psychische Störungen und bedürfen einer sehr intensiven Betreuung", sagt Hannelore Thaldorf (59), Fachberaterin im Verein. Es gehe aber nicht um eine Entfremdung von den Eltern, die Herkunftsfamilie solle erhalten bleiben. "Denn die Kinder brauchen ihre Eltern", ergänzt die Heimleiterin, "sie sind ihre Wurzeln, die wollen wir auch nicht kappen".

Der Verein sucht nun in Leipzig nach potenziellen Zweit- beziehungsweise Vizeeltern, von denen einer Pädagoge, Erzieher oder aber auch Psychologe ist. Von der Bewerbung bis zur Aufnahme eines Kindes dauert es etwa ein halbes Jahr, ein sogenanntes Betriebserlaubnisverfahren muss auch durchlaufen werden. "Es ist schwierig, Familien zu finden. Denn da müssen der Partner und auch die eigenen Kinder mitziehen. Wenn jemand quer steht, kann man das nicht machen", so die Heimleiterin. Doch der Bedarf sei riesig, es gebe viele Eltern, die drogenabhängig seien, psychisch krank - und deren Kinder ein stabiles Umfeld benötigen - gerade in Leipzig.

In der Begegnungsstätte, Zschochersche Straße 87, findet am 1. April zwischen 17 und 19 Uhr die erste Informationsveranstaltung statt, im Anschluss daran jeden ersten Mittwoch im Monat.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 28.03.2015

Sabine Kreuz

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