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Zeitzeugengespräch im Erich-Zeigner-Haus

Vom Terror der Nationalsozialisten Zeitzeugengespräch im Erich-Zeigner-Haus

Zeitzeugengespräch mit Schülern: Eva Maria Hillmann überlebte als halbjüdisches Kind den Terror der Nazis – weil eine nichtjüdische Familie in Marienbrunn sie versteckte.

Zeitzeugin Eva Maria Hillmann erzählt den Schülern der Oberschule am Adler ihre Geschichte im Zeignerhaus in Leipzig.

Quelle: André Kempner

Leipzig. "Das Wetter draußen ist zu schön. Also, wenn ihr noch was vorhabt, sagt es!", wirft die ältere Dame an diesem Spätnachmittag im Erich-Zeigner-Haus immer mal wieder ein. Doch nein. Was die fast 80-jährige Eva Maria Hillmann aus ihrer Kindheit im Deutschland der Nationalsozialisten zu erzählen hat, fesselt Lisa (16), Marc (15), Lea (14), Irina (16) und Nadine (16) aus der Schule am Adler gleichermaßen sehr.

 Hillmanns Mutter Rahel, eine polnische Jüdin, war 1919 nach Leipzig gekommen, hatte hier ihren Vater Kurt, einen Musiker, kennengelernt und geheiratet. 1927 kam ihre Schwester, 1935 sie selber zur Welt. Zwei Häuser habe die Oma, die aus einer gut situierten Bauernfamilie vor den Toren Leipzigs stammte, in der Körnerstraße 50 besessen, wo die junge Familie seinerzeit mit wohnte. "Als der Krieg 1939 ausbrach, war ich gerade mal vier Jahre", schildert Hillmann. "Mein Vater war in der Kommunistischen Partei. Ich weiß, dass die heute etwas anders bewertet wird. Doch ich kann euch nur sagen, dass mein Vater und seine Mitstreiter damals lediglich ein Ziel hatten: Hitler und sein unmenschliches System zu bekämpfen. Daher gehörte er mit zu den ersten, die nach 1933/34, wegen Vorbereitung zum Hochverrat, vor dem Volksgerichtshof in Dresden standen. Er wurde zu acht Jahren Haft verurteilt, kam unter anderen ins Konzentrationslager Colditz und ins Zuchthaus Waldheim. Ich habe Vater praktisch erst nach dem Krieg kennengelernt. Aber dazu später. Habt ihr schon mal etwas von den Rassengesetzen gehört?" Die Jugendlichen schauen sich fragend an.

 Hillmann fährt fort. "Also, es galt als Rassenschande, wenn Nichtjuden und Juden einander heirateten. Meine Eltern galten als Mischehe. Womit sie sich zunächst noch etwas geschützt fühlten - die Nazis konzentrierten ihre Repressalien vorerst auf reinweg jüdische Familien. Doch dann wurde Vater im Gefängnis aufgefordert, sich scheiden zu lassen. Die Nazis stellten gewisse Haft-Erleichterungen in Aussicht. Vater soll gesagt haben: ,Ich lasse mich nicht zum Schwein machen' - was Mutter zunächst das Leben rettete. Wenngleich sie den Davidstern tragen und zwangsweise in einer ,Lumpenbude' - wie wir sagten - arbeiten und Sachen vergaster Juden zur Weiterverarbeitung sortieren musste." Vor allem aber sorgten sich die Eltern um ihre Kinder. "Sie ließen uns beide vorsichtshalber christlich taufen und wollten uns in die Emigration schicken. Habt ihr denn schon mal von den Kindertransporten gehört?", wirft Hillmann ein. "Nein? Nun, die wurden zum Beispiel nach England organisiert, um jüdische Kinder zu retten. Ein letzter solcher Transport ging 1939 aus Leipzig ab. Meine Schwester nahm man mit. Mich nicht, ich war noch zu klein."

 Die Schwester sei letztlich von zwei älteren Lehrerinnen in Schottland aufgenommen worden, verstand erst kein Wort Englisch. "Die Frauen ließen ihr alle erdenkliche Bildung zuteil werden. Abi, Musikstudium. Doch wie viele dieser Kinder bekam sie in dem fremden Land keinen Boden unter die Füße. Vor allem setzte ihr zu: Wieso haben meine Eltern mich allein weggeschickt? Sie war zwölf. Sie konnte die Gefahr in Deutschland nicht einschätzen. Sie wurde seelisch krank. Und, um es vorwegzunehmen, erst 1947 war es möglich, sie wieder nach Leipzig zu holen. Da war sie 20 - und erlitt den nächsten Schock. Sie kam aus dem tiefen englischen Frieden. Hier war alles zerstört, alle hungerten." Hillmann macht eine Pause. "Ja, sie hat sich dann das Leben genommen."

 "Und wie ging es 1939 mit Ihnen weiter?", will Lisa wissen. "Ich blieb bei Oma. Mutter versuchte, mich fern von sich zu halten. Falls ihr etwas passiere, sollte ich verschont bleiben. Nur: Meine Oma, muss ich euch sagen, war eine begeisterte Hitler-Anhängerin. Gehörte einer nazistischen Frauenorgansiation an - und lieferte sich mit meinem Vater die dollsten Auseinandersetzungen. Dann aber wurde sie von den Behörden aufgefordert, den Kontakt zu ihren halbjüdischen Enkelkindern einzustellen. Da hat sie bei der Frauenorganisation ihren Ausweis mit dem Hinweis ,Von meiner jüdischen Schwiegertochter könnt ihr euch alle eine Scheibe abschneiden' abgegeben. Ein Wunder, dass ihr daraufhin nichts passierte."

 Im Krieg seien dann Omas Vorder- und Hinterhaus in der Körnerstraße weggebombt worden. Die Großmutter zog mit ihr von einem zum anderen bäuerlichen Verwandten im Umland. Und dann, fährt Hillmann fort, sei die "Endlösung der Judenfrage" angerollt. "Und meine Mutter sollte sich mit mir in einer Sammelstelle zum Transport nach Theresienstadt einfinden. Sie ging mutig allein dorthin."

 Doch Eva Marias Leben blieb arg gefährdet. Im Februar 1945 versteckte die nichtjüdische Familie Lies und Hans Irrlitz das Kind bei sich im Marienbrunner Rotkäppchenweg 20. "Sie riskierten ihr Leben", betont Hillmann gegenüber ihren jugendlichen Zuhörern. "Die Irrlitz' waren gute Bekannte meiner Eltern, vor 1933 in der SPD aktiv. Sie hatten selber drei Kinder: Sohn Gert, wie ich damals neun, zehn. Dann die jüngere Tochter Barbara. Und der Älteste, Wolf, mochte wohl zu Hitlers letztem Aufgebot eingezogen worden sein. Er war 17, 18 und jedenfalls nicht mehr im Haus."

 "Und wie sah Ihr Alltag bei der Familie aus?", hakt Marc nach. "Ich durfte keinen Kontakt zu anderen haben, war den ganzen Tag nur im Haus oder mal im Garten dahinter. Wenn es klingelte, bedeutete mir Tante Lies, in einem Raum zu verschwinden. Sie haben mich aber wie ihr eigens Kind behandelt. Ein Glück war auch, dass der Krieg aufs Ende hinauslief, es drunter und drüber ging, ich hier wohl nirgendwo mehr registriert war."

 Hillmanns Mutter überlebte das KZ Theresienstadt. Nachdem die Russen es befreit hatten, machte sie sich auf den Weg nach Leipzig. Der Vater wurde in Waldheim von den Amerikanern befreit. "Oma und ich hatten nach dem Krieg, ehe meine Eltern wiederkamen, bei einer Familie in der Brandvorwerkstraße ein Zimmer. War ich allein und es klingelte, sollte ich niemanden reinlassen. Einmal klingelte ein Mann - mit zwei Unterarmstützen, wildem Bart und sehr mager. Er sagte, er sei mein Vater. Ich schlug die Tür fix zu. Ich wusste ja gar nicht, wie Vater aussieht", sagt Hillmann. Wie stolz sie doch heute auf ihn ist: Kurt Lenz war später sogar mal Vorsitzender der Gewerkschaft Kunst in Leipzig. Und Intendant des Operettentheaters Dreilinden.

 Aus Eva Maria Hillmann wurde später eine Musikwissenschaftlerin. Ihre Einladung jetzt ins Erich-Zeigner-Haus zum Gespräch mit Schülern stand im Kontext des Projekts "Stille Helden", das der Zeigner-Haus-Verein fortführt. "Im nächsten Frühjahr wollen wir es mit dem Anbringen einer Erinnerungstafel für die Familie Irrlitz im Rotkäppchenweg 20 krönen", verrät Projektleiter und Vereinsvizechef Henry Lewkowitz.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 18.07.2015
Angelika Raulien

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