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Lokales Zu eng, nicht abschließbar, kinderfreundlich: City-Stillräume im Test
Leipzig Lokales Zu eng, nicht abschließbar, kinderfreundlich: City-Stillräume im Test
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00:18 08.05.2017
Als Sieger der Stillräume-Test-Reportage in Leipzig wurde von den Hebammen der Stillraum des Familieninfobüros im Stadthaus am Burgplatz gekürt: Mutter Vivien Lohse mit Sohn Emil (Hebamme), Wolfgang Merseburger (Infobüro), Luise Fink (Hebamme), Kristina Reinbach und Cornelia Pauschek (beide Infobüro), Alexandra Kluge und Beatrix Reichenbach (beide Hebamme, von links). Quelle: André Kempner
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Leipzig

Am Freitag war Welttag der Hebammen. Der 130 Mitglieder starke Leipziger Kreisverband hatte sich dazu eine besondere Aktion ausgedacht: „Das Willkommenspaket der Stadt, das sich frischgebackene Eltern abholen können, enthält einen City-Plan, auf dem 18 öffentliche Still- und Wickelräume verzeichnet sind. Die haben wir mal getestet“, erklärte Luise Fink, die Zweite Vorsitzende des Verbandes. Der Testsieger wurde nun am Freitag geehrt: das Familieninfobüro am Burgplatz.

Für jenen Inspektions-Gang hatten sich Anfang April letztlich ein Dutzend der verbandsorganisierten Leipziger Hebammen vormittags am Wilhelm-Leuschner-Platz getroffen. Sechs der Geburtshelferinnen waren – ganz praktisch für diesen Feldversuch – im Mütterjahr; kamen mit Knirpsen, die ausschließlich oder überdies noch der Muttermilch bedurften. In jeder Zweiergruppe, die dann loszog, um jeweils drei Einrichtungen unter die Lupe zu nehmen, war also stets auch eine „Zielgruppenvertreterin“ dabei, was die Sache schön inkognito durchführen ließ. Vorab gab’s von Beatrix Reichenbach – sie arbeitet als Hebamme in Plagwitz – Bögen mit zwölf Kriterien, die der Branche für besagte Rückzugsorte wichtig sind: Auffindbarkeit, Sauberkeit, Ausstattung, Ambiente, Diskretion... Für jedes Kriterium galt es knallhart „Ja“ oder „Nein“ anzukreuzen. Die „Ja‘s“ wurden addiert, konnten den Geprüften zwischen 0 und zwölf Punkten also alles bescheren.

Bei Jana Mieke zum Beispiel lief rein gar nix, von wegen mal ein Auge zudrücken. Die Hebamme aus Schleußig hatte Sohnemann Tobias dabei. Ein Zehn-Monate-Kerlchen, das sich klaglos durch drei Still-Stätten schleppen ließ, die Mama per Los zugefallen waren: DM-Drogerie, Galeria Kaufhof und Lehmanns Buchhandlung in der Grimmaischen Straße. Nach dem ersten Check schwärmte die 32-Jährige: „DM könnte ich sofort zehn Punkte geben. Als Wickelraum“. Platziert im Verkaufsgeschehen in der zweiten Etage, kam der Ort blitzsauber, sehr kinderfreundlich gestaltet, mit Waschbecken samt Gratis-Zubehör wie Waschlotion und Feuchttüchern daher. Gleich davor – die Spielecke. „Die ist nicht schlecht, wenn du noch Geschwisterkinder mit hast“, meinte Mieke, die oft genug auch ihre dreijährige Tochter dabei hat. „Aber: Es ist eben kein Stillraum! Nicht abschließbar. Kein Sichtschutz. Nicht ruhig…“ Schade. Punktabzug.

Bei Lehmann’s irrte die junge Frau mit dem Knirps im Wickeltuch zunächst umher. Auf der Suche nach einem Zeichen. Einem Schild oder dergleichen, was zum gesuchten Raum die Richtung weist. Letztlich nachgefragt. In den obersten Stock verwiesen. Raufgefahren. Wieder nicht gefunden. Erneut gefragt. Bei einem netten jungen Mitarbeiter, dessen Reaktion aber nichts Gutes schwanen ließ: „Naja, ein echter Stillraum ist es nicht gerade. Separat? Jaja, das ist er. Aber nicht abschließbar.“ Er führte Mieke zur hintersten aller Ecken, links. Allein – ihr Gesichtsausdruck ließ offensichtlich von Jetzt auf Gleich die Punktzahl abstürzen: Ein karges Kabuff. So sanierungsbedürftig wie winzig. Daher wohl auch die Wickelauflage von der Wand klappbar. Ein altes, grob gereinigtes Waschbecken. Vor allem aber gefiel Mieke ein offen herumstehendes Putzmittel nicht. „Das dürfte nicht sein, gerade wenn noch Geschwisterkinder mit sind. Ganz abgesehen davon, dass die hier gar keinen Platz hätten, man sie – wie auch einen Kinderwagen – vor der Tür stehen lassen müsste, was man wohl nicht gern macht.“

Auch im Kaufhaus ein Stück hin bedurfte es erst einmal des mündlichen Austausches darüber, wo denn nun das Plätzchen zum Stillen sei. „In der ersten Etage, zwischen Festmoden und ,Für die stärkere Dame‘! Ist da auch ausgeschildert!“, so die freundliche Auskunft an der Kasse. Nach einer für Klein-Tobias offenkundig interessanten Fahrstuhlfahrt ließ sich der Still- und Wickelraum am Ende einer Umkleide-Einheit in der Tat schnurstracks ansteuern. „Abschließbar. Sehr geräumig. Der Kinderwagen käme mühelos mit rein“, konstatierte Mieke. „Die Sitzgelegenheit für stillende Mütter ist auch okay. Zurückziehen in Ruhe – gerade mit noch ganz kleinen Säuglingen, wo das Stillen eine gute halbe Stunde braucht – das ist hier drin“, fand die Fachfrau. Übersah jedoch nicht: „Ein bisschen kahl hier. Wickeltisch und -auflage sind nicht gerade top-sauber. Kein Waschbecken.“ Ihre vergebene Punktzahl – im untersten einstelligen Bereich.

Am Mittag trafen sich dann alle Zweier-Teams in der Pinguin-Eisbar am Markt wieder, zogen Bilanz. Sie berichteten von häufig vorgefundenen „ungemütlichen und viel zu engen“ Stillplätzen, teils verfrachtet in oder zwischen Toiletten (Uni-Mensa am Park/Uni-Hörsaalgebäude, Hugendubel...); über mangelndes kindgerechtes Ambiente wie bei H&M. Wobei Reichenbach dort dennoch überrascht war. „Als ich da vor vier Jahren mal war, musste ich zum Stillen noch in eine Umkleidekabine, wo aller fünf Minuten wer den Vorhang aufriss“, erzählte sie.

Die Rede war nicht zuletzt aber auch von hilfsbereiten Angestellten und „Säuglings-Tankstellen“, die keine Wünsche offenließen – wie bei Breuninger oder Karstadt (wo gar an Stromzugänge für Flaschenwärmer gedacht sei) und im Familieninfobüro am Burgplatz (das mit 11 von 12 Punkten Testsieger wurde). Lob spendeten die Kolleginnen zudem den Höfen am Brühl. Und der Apotheke im Petersbogen, wo lediglich am Rande mit einem kleinen Hinweis auf ein fehlendes Händedesinfektionsmittel etwas „Betriebsblindheit“ ausgeräumt werden konnte.

Eines der Hebammen-Testduos brach an jenem Tag übrigens seine Mission ab: Die Frauen waren ewig auf dem Leipziger Hauptbahnhof umhergeirrt, um sich im Stillraum, den dort laut Cityplan das DRK vorhält, umzusehen. Sie hatten ihn einfach nicht gefunden.

Und eines war am Ende allen aufgefallen: „Zwar hat die Stadt in der City 18 Stellen als Still- und Wickelräume ausgewiesenen. Doch wenn überhaupt, so verweisen die einzelnen Einrichtungen an ihren Pforten höchstens auf einen ,Wickelraum‘“, resümierte Fink. „Und offenkundig ist wohl auch den wenigsten Einrichtungen bewusst, dass ihr Still- und Wickelplatz in einer städtischen Liste als öffentlich vermerkt ist.“ Finks Kolleginnen etwa, die jenen Rückzugsort in der Caféteria der Hochschule für Musik und Theater aufsuchten (und schwer begeistert waren, selbst wenn da alternierend schon mal ein Student am Klavier sitzt und übt), wurden diesbezüglich belehrt: „Unser Still- und Wickelraum ist doch nur für unsere Studenten“, hatte es dort ziemlich verwundert geheißen.

„Wir haben uns vorgenommen, allen von uns getesteten Einrichtungen jetzt auch noch mal persönlich ein Feedback von unseren Eindrücken vor Ort zu geben“, versprach Fink. Möglichkeiten, etwas zu verbessern, gebe es ja immer…

Von Angelika Raulien

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