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Zum 100. Geburtstag: Sam Ostro und die Apfelbäume

Geschichte eines Leipziger Juden Zum 100. Geburtstag: Sam Ostro und die Apfelbäume

Es ist die Geschichte eines Leipziger Juden, den internationale Hilfe aus Nazi-Deutschland rettete und vor dem Schlimmsten bewahrte. Am Donnerstag feiert Sam Ostro in Welwyn Garden City nördlich von London seinen 100. Geburtstag. Eine Freundin gratuliert mit diesem Beitrag.

Erfreut sich auch mit 100 recht guter Gesundheit und geistiger Frische: Sam Ostro, am 28. September 1917 in Leipzig geboren, war als junger jüdischer Mann in seiner Heimatstadt nicht mehr gelitten.

Quelle: privat

Leipzig. Eigentlich heißt Sam Ostro ja Simon Ostrogurski. Unter diesem Namen wurde er am 28. September 1917 in Leipzig geboren. Simon und sein Zwillingsbruder Lazar erblickten in der Jacobstraße 11 das Licht der Welt. Die Mutter, Liba Luise Ostrogurski, hatte der jüdische Sanitätsrat Dr. Arthur Littauer schon im Jahr 1911 von Zwillingen entbunden – von Hermann und Max.

Die Familie Ostrogurski gehörte zu den vielen jüdischen Flüchtlingen, die um 1900 aus Osteuropa in Leipzig eingewandert waren. Liba, 1880 in Warschau geboren, war – wie die meisten dieser Zuwanderer – religiös orthodox und lebte koscher. In den Zwanzigerjahren, inzwischen Witwe, wohnte sie mit ihren Kindern in der Auenstraße 25 im Waldstraßenviertel. Es wies damals die größte Dichte jüdischer Bewohner in der Messestadt auf.

Die Kindheit in Leipzig verbindet sich für Simon mit Kinderfreundschaften und Orten wie Kleinmesse, Zoo, Rosental, Scherbelberg und nicht zuletzt dem Völkerschlachtdenkmal. Im Sportverein „Bar Kochba“ spielte er Handball. Im Jahr 1924 wurde er in die 40. Volksschule in der Elsässer Straße, die heutige Max-Planck-Straße, eingeschult. Diese Bildungseinrichtung besuchten viele jüdische Schüler. An die Schillerschule, das Städtische Realgymnasium in der Frickestraße/Ecke Ehrensteinstraße, wechselte er 1928. Da war die Welt noch halbwegs in Ordnung.

Jüdische Lehrer entlassen

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 wurden an städtischen Schulen jüdische Lehrer entlassen und jüdische Schüler zunehmend ausgegrenzt. Das „Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen“ vom 25. April 1933 begrenzte die Neuaufnahme jüdischer Mädchen und Jungen an städtischen höheren Schulen auf 1,5 Prozent. In der Folgezeit drängte das Leipziger Schulamt auf die statistische Erfassung jedes jüdischen Schülers. So wurde Simon 1934 von der Schillerschule verwiesen. Die Höhere Israelitische Schule (Carlebachschule) war völlig überfüllt, konnte Simon nur kurzzeitig, zur Überbrückung, aufnehmen.

So suchte er nach einer Lehrstelle – angetrieben von der Hoffnung, mit einer praktischen Ausbildung seine Chancen für eine Einwanderung nach Palästina verbessern zu können. Das britische Mandatsgebiet Palästina hatte die Einwanderung begrenzt und bevorzugte Jugendliche mit handwerklichem Geschick. In dieser Zeit brachten in Deutschland nur noch ganz wenige nichtjüdische Arbeitgeber den Mut auf, jüdische Jugendliche zur Ausbildung anzunehmen. Die Gärtnerfamilie Rauch in der Bornaischen Straße in Markkleeberg-Ost stellte ihn an – und ihre Angestellten schwiegen zu seiner Herkunft. Die Freundschaft zu den Rauchs, besonders zu den Söhnen Fritz und Erich, sowie den Angestellten sollte lange anhalten.

Hilfe für Kinder

Simons Brüder Lazar und Max konnten nach Palästina auswandern, während Hermann in Leipzig zurückblieb. Hermann, ein Kaufmann, wurde nach der Enteignungswelle Ende 1938 als Zwangsarbeiter verpflichtet und mit seiner Ehefrau Fanny, geborene Singer, im Jahr 1940 in das Judenhaus Gneisenaustraße 7 eingewiesen. Ihre Mutter, Liba, musste in das Judenhaus Humboldtstraße 10 einziehen. Am 21. Januar 1942 wurde sie mit Hermann und Fanny nach Riga deportiert. Hermann wurde 1942 im Lager Salaspils ermordet. Liba verschleppte die SS im Juli 1944 ins Konzentrationslager Kaiserwald, wo sie umkam. Als einzige überlebte Fanny die Deportationen. Sie starb in den Achtzigerjahren in den USA.

Internationale Hilfe ermöglichte 12.000 Kindern und Jugendlichen zwischen Oktober 1938 und Februar 1939, Deutschland legal zu verlassen. Welwyn Garden City war und ist eine Stadt mit Einwohnern verschiedener Weltanschauungen und religiöser Überzeugungen, entstanden im Geist der englischen Gartenstadt-Bewegung vor 1930. Nach der Pogromnacht am 9./10. November 1938, dem brutalen Abschluss der Verdrängung der jüdischen Bevölkerung aus allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens und ihrer offenen Verfolgung, bildete sich auf Initiative von Quäkern ein Hilfskomitee, das jüdische Jugendliche vor dem KZ bewahren wollte.

Für 14 Jugendliche erwirkte es eine Einwanderungserlaubnis. Wim van Leer, Besitzer der Firma General Stampers, reiste mit den Visa nach Leipzig und kehrte mit 14 Jugendlichen am 15. Januar 1939 zurück. Einer der jungen Leute war Simon Ostrogurski. Zunächst fanden die Jugendlichen in Privatwohnungen eine Bleibe, später stellte ein Einwohner ein Haus zur Verfügung, das als Hostel genutzt wurde. Der Lebensunterhalt der 14 Flüchtlinge wurde durch Spenden finanziert.

Wunsch nach jüdischer Gemeinde

Bald durfte Sam Ostro – diesen Namen sollte er in England annehmen – in einer örtlichen Gärtnerei arbeiten. Später, nach Kriegsbeginn, fand er einen Job in der Firma von Wim van Leer. Sie war Zulieferer für die Flugzeugindustrie. Nach dem Krieg verbrachte er sein gesamtes Arbeitsleben bei British Aerospace und ihren Vorgängerfirmen. In der Stanzerei lernte er seine Frau Pat (1917-2005) kennen, eine zum Kriegsdienst abgestellte Engländerin aus Norwich. Nach dem Zweiten Weltkrieg, im Jahr 1950, heirateten sie und lebten mit ihren beiden Kindern in Welwyn Garden City.

Innerhalb der Flüchtlingsgruppe entstand bald der Wunsch nach einer jüdischen Gemeinde, getragen vom Gedanken an Kindheit und Heimat. Noch 1939 konstituierte sie sich. Heute ist Sam Ostro das einzige noch lebende Gründungsmitglied. Die ersten Zusammenkünfte fanden in Privathäusern statt. Nach dem Krieg begannen die Gemeindemitglieder für eine Synagoge zu sammeln, erwarben 1953 einen Bauplatz, legten 1955 den Grundstein und konnten am 1. Januar 1956 die offizielle Eröffnung feiern. Die Bleiglasfenster der Synagoge erinnern an die Holocaust-Opfer. In der jüdischen Gemeinde und in Welwyn Garden City gibt es jährlich einen Holocaust-Gedenktag.

20 Bäume in Sam's Garden

Die Schulen der Stadt beschäftigen sich in Schülerprojekten nicht nur mit der Geschichte der Gartenstadt, sondern auch mit der ihrer jüdischen Flüchtlinge. Sam Ostro schickte mir im März 2015 einen Zeitungsartikel und schrieb auf die beiliegende Karte: „Die Stadt hat mir die Ehre gegeben, 20 Apfelbäume an der Ecke zu meiner Straße zu pflanzen. Der Name wird sein: Sam’s Garden.“

Sam Ostro hat sich sein ganzes bisheriges Leben lang nicht nur für seine Familie – seit diesem Jahr ist er Urgroßvater – eingesetzt. Der stille, bescheidene Mann, der stets weiß, was nötig und möglich ist, war immer eine verlässliche und ehrenamtliche Stütze seiner jüdischen Gemeinde. Und er gärtnerte bis vor wenigen Jahren nicht nur in seinem Garten, sondern auch in dem der Synagoge. In diesen Tagen werden hoffentlich die ersten Äpfel in „Sam’s Garten“ reifen. Wir wünschen guten Appetit und gratulieren herzlich!

Unsere Autorin Barbara Kowalzik (78) ist Kulturwissenschaftlerin und forscht seit vielen Jahren zum jüdischen Leben in Leipzig. So publizierte sie unter anderem über „Jüdisches Erwerbsleben in der Inneren Nordvorstadt Leipzigs 1900-1933“ und verfasste „Das jüdische Schulwerk in Leipzig 1912-1942“ sowie „Wir waren eure Nachbarn – die Juden im Waldstraßenviertel“. Sam Ostro lernte sie während einer der ersten Jüdischen Wochen in der Messestadt Anfang der Neunzigerjahre kennen. Die beiden schreiben sich Briefe und Karten und telefonieren regelmäßig miteinander – und pflegen so eine sehr gute Freundschaft.

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