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Zwangsräumung: "Ich wäre am liebsten schreiend weggerannt"

Zwangsräumung: "Ich wäre am liebsten schreiend weggerannt"

Der Mieterbund Sachsen warnt vor einem weiteren Anstieg von Zwangsräumungen. Hintergrund sind rechtliche Änderungen, durch die in Not geratene Mieter schneller ihre Wohnungen verlieren könnten.

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Problem Zwangsräumung: Bei der Schuldnerberatung der Verbrauchezentrale findet Petra Winter (Name geändert) schließlich Hilfe.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Eine Betroffene erzählt, wie sie die Zwangsräumung erlebt hat.

Als Petra Winter* das Kündigungsschreiben im Briefkasten findet, ist das ein Schock. "Ich habe einfach versucht, es zu verdrängen", erzählt die 20-Jährige und räumt rückblickend ein: "Das war nicht die beste Lösung." Vor gut zwei Jahren zieht sie aus einer Thüringer Kleinstadt nach Leipzig. Sie beginnt eine berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme. Die Miete für ihre ersteeigene Wohnung in Leipzig-Grünau wird vom Job-Center übernommen. Doch Petra Winter ist psychisch angeschlagen, bricht die Maßnahme ab und erhält - was sie nicht wahrnimmt - vom Job-Center eine Sperre. Auf Schreiben und Mahnungen reagiert sie nicht. Zwei Monatsmieten und Nebenkosten stehen schließlich aus, als ihr die Wohnung fristlos gekündigt und die Räumungsklage angedroht wird. "Ich wusste einfach nicht, wohin", sagt die junge Frau.

Fälle wie der von Petra Winter sind für Kay Görner, Schuldnerberater der Verbraucherzentrale, nicht ungewöhnlich. "Viele sind mit der Situation überfordert, lesen ihre Post nicht und versäumen Fristen", erzählt er. Insgesamt nimmt die Zahl der Zwangsräumungen in Sachsen zu. Gab es 2008 noch 2796 Fälle, waren es 2011 bereits 3428. Für das vergangene Jahr ist von 3680 Zwangsräumungen auszugehen. Der Mieterbund Sachsen rechnet mit einem weiteren Anstieg. "In den vergangenen Monaten ist die Rechtsprechung zu Lasten der Mieter verschärft worden", sagt die Vorsitzende Anke Matejka. So können Vermieter fristgemäß kündigen, wenn der Mieter mit einer Monatsmiete länger als einen Monat in Verzug ist. Selbst wenn gezahlt werde, sei der Vermieter nicht verpflichtet, eine ordentliche Kündigung zurückzunehmen. Auch das kürzlich verabschiedeten Mietrechtsänderungsgesetz trage zu einer Verschärfung bei. Demnach sind Räumungssachen vorrangig von den Gerichten zu bearbeiten. Zudem kann das Gericht vom Mieter eine Sicherheit fordern. Ansonsten kann der Vermieter schneller als bisher ein Räumungsurteil erwirken. Das Verfahren soll vor allem gegen sogenannte Mietnomaden helfen, die von vornherein nicht die Absicht haben, zu zahlen. "Es besteht aber die Gefahr, dass die vereinfachten Möglichkeiten von den Vermietern ausgenutzt werden", so Matejka. Insbesondere dort, wo Wohnungen deutlich teurer wieder vermietet werden könnten.

Wenn jemand in wirtschaftliche Not gerät - etwa durch Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Trennung - und seine Miete nicht zahlen kann, dem rät Görner, sich frühzeitig an den Vermieter zu wenden. "Viele Wohnungsgesellschaften haben sogar einen Sozialarbeiter." So können Betroffene zum Beispiel eine Ratenzahlung anbieten oder beim Sozialamt einen Antrag auf ein Sozialdarlehen stellen.

Für Petra Winter kommt dieser Hinweis zu spät. Als im Rahmen einer Aktivierungshilfe, die sie schließlich beginnt, ihre Situation bekannt wird, bemühen sich die betreuende Sozialpädagogin und der Schuldnerberater noch um eine Lösung. Aber das Räumungsurteil liegt bereits vor. "Ich wäre am liebsten schreiend weggerannt", erzählt Petra Winter von jenem Tag im vergangenen August, als die Gerichtsvollzieherin um 9 Uhr morgens mit dem Möbelwagen vor ihrer Tür steht. Die junge Frau muss ihren Schlüssel abgeben und eine Unterschrift leisten. Sie könne gehen, man bekomme es auch ohne sie hin, bekommt sie noch zu hören. Kreidebleich sei sie gewesen, erzählt Petra Winter. "Es war kein gutes Gefühl."

Zunächst kommt sie bei ihrem Freund unter. Die Suche nach einer neuen Wohnung ist nicht einfach. "Alle wollten Auskunft über meine finanziellen Verhältnisse", erzählt sie. Mehrmals wird Petra Winter abgelehnt. Schließlich erhält sie über die Wohnungssuchhilfe des Sozialamtes einen Berechtigungsschein und ein privater Vermieter gibt ihr eine Chance. "Ich habe Glück gehabt", sagt die 20-Jährige. Denn sie habe auch schon von Leuten gehört, "die es nicht geschafft haben und dann obdachlos waren". Vom Job-Center erhält sie schließlich ein zinsloses Darlehen, um ihre Möbel auszulösen. Jetzt zahlt sie ihre Schulden in kleinen Raten zurück.

* Name geändert Sabine Schanzmann-Wey

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 02.04.2013

Sabine Schanzmann-Wey

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