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Lokales Zwangsräumung in Leipzig-Thekla: Nach 54 Jahren Garten gekündigt
Leipzig Lokales Zwangsräumung in Leipzig-Thekla: Nach 54 Jahren Garten gekündigt
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11:29 03.05.2016
Hannelore und Christian Teichmann: Der Garten des Ehepaares wurde am Montag zwangsgeräumt.   Quelle: Dirk Knofe
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Leipzig

 Jahrzehntelang war Christian Teichmann Herr über zigtausende seltene Pflanzenarten, baute Obst und Gemüse in seinem einzigartigen Großstadt-Dschungel an. 1961 pachteten seine Eltern das Land von der evangelischen Kirche, die 2015 ihnen endgültig den Vertrag kündigte. Jetzt der Räumungs-Schock – der 72-Jährige ist seinen Garten in Leipzig-Thekla los. Unrühmlich endete am Montag nach 54 Jahren ein Stück Familiengeschichte.

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Bäume, Sträucher und Gräser: Christian Teichmann bewirtschaftet in Leipzig-Thekla eine 900 Quadratmeter große Parzelle mit vielen seltenen Pflanzenarten. Anfang Mai wurde der Garten des 72-Jährigen zwangsgeräumt.

Hängende Schultern, gesenkter Blick – dem sonst so streitbaren Rentner sitzt der Schreck tief in den Knochen. Er und seine Frau Hannelore resignieren: „Mit denen kann man doch nicht reden.“ Bis zuletzt hatte Teichmann auf eine Einigung gehofft. Doch als Gerichtsvollzieher und Umzugswagen vorm Gartentor stehen, ist sicher: Die Vergangenheit hat den Pensionär eingeholt.

Teichmann sei Unruhepol in der Nachbarschaft

Warum musste es soweit kommen? Die Sache habe eine „ganz tragische Entwicklung genommen“, konstatiert Pfarrer Konrad Taut von der Matthäuskirchgemeinde. „Wir mussten Abwägungen treffen.“ Gemeinde-Anwalt und Kirchenvorstand Bernd Othmer erklärt: „Dafür, dass eine andere Lösung gefunden hätte werden können, gab es eine Voraussetzung: Frieden in der Siedlung.“

Doch scheinbar wollte im Theklaer Kleingarten-Krieg niemand die weiße Flagge hissen: Über Jahre hinweg erhitzte auf dem Pfarrlehn im Leipziger Nordosten ein Riesenzoff die Nachbarschafts-Gemüter, wie die LVZ im März berichtete. Albrecht Rackwitz, ein benachbarter Garagenbesitzer, erzählt: „Herr Teichmann wird oft ausfällig, sein Grundstück ist zugewuchert, ständig schafft er neuen Unrat an.“

Die Situation sei unerträglich, so Othmer und zeigt eine Unterschriftenliste. Die Mehrheit der 23 Unterzeichner aus Gartenkolonie und Wohnsiedlung hätten gefordert: Der Querulant und sein Stadtbiotop müssen weg.

Anfang April berichtete schließlich auch das MDR-Fernsehen in seiner Sendung „Voss & Team“ über den Fall. Da hatte Jurist Bernd Othmer vor der Kamera erklärt, dass eine Vertragsverlängerung durchaus denkbar sei. Vorausgesetzt, Teichmann unterschreibe eine notariell beglaubigte Erklärung, in der er sich verpflichtet, den Frieden zwischen den Pächtern zu wahren.

Der 72-jährige Ex-Landschaftsgestalter schöpfte Hoffnung. Doch statt sich um Aussöhnung zu bemühen, habe er ein provozierendes Verhalten an den Tag gelegt, so Othmer. „Die Alternative ein friedlicher Herr Teichmann ergab sich nicht.“

Für Teichmanns Rechtsanwalt Peer Hofmann steht nun die Frage im Raum, „ob das Pfarrlehen die im TV dokumentierte Bereitschaft auf eine Fortführung des Pachtvertrages nur zum Schein erklärt hat.“ Schließlich habe der Entwurf für die notarielle Vereinbarung, wie er sagt, beim Kirchenvorstand bereits Zuspruch erhalten.

Vier Wochen Zeit, den Garten auszuräumen

Fest steht: Christian Teichmann bleiben nun vier Wochen Zeit, sein Hab und Gut aus der Gartenlaube zu räumen und seinen wertvollen Pflanzenschatz aus der 900-Quadratmeter-Parzelle zu bergen. „Wir haben noch keinen Gedanken darauf verwendet, wie es mit dem Grundstück weitergeht“, versichert Pfarrer Konrad Taut. „Erst muss Ruhe einkehren.“

Ein Teil der Pflanzen-Raritäten, deren Saatgut-Material den Botanischen Garten in Halle bereichert, könnte vielleicht an der Saale unterkommen – der Rest landet wohl auf dem Kompost. Für Teichmann ist klar: „Mein Lebenswerk wird vernichtet.“

Von Benjamin Winkler

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