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Lokales Zwei Liebknechts und neun Oberhubers auf Spurensuche in Leipzig
Leipzig Lokales Zwei Liebknechts und neun Oberhubers auf Spurensuche in Leipzig
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09:51 03.12.2018
Kuratorin Ulrike Dura, Maja und Marianne Liebknecht sowie Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke (von links) mit Leihgaben ans Stadtgeschichtliche Museum im Alten Rathaus. Quelle: André Kempner
Leipzig

Es ist offensichtlich, dass es sich um einen Familienausflug handelt. Zwei Omas, fünf Erwachsene im sogenannten besten Alter, vier Mädchen zwischen fünf und acht Jahren. Aber warum in aller Welt nehmen die drei Familienväter so ausdauernd ein Straßenschild in den Fokus ihrer Mobiltelefone?

Karl-Liebknecht-Straße – fraglos eine der belebtesten Leipziger Meilen. Doch für die Touristengruppe aus drei Generationen hat die Anerkennung, die das Schild zum Ausdruck bringt, weit größere Bedeutung: Maja und Marianne, die beiden Großmütter im Tross, tragen ebenfalls diesen Nachnamen. Sie sind Cousinen – und Enkeltöchter Karl Liebknechts, dessen Geburtshaus um die Ecke in der Braustraße liegt.

„Eine Familie, die deutsche Geschichte geschrieben hat“, sagt der Leipziger Linken-Politiker Volker Külow, der die Liebknechts am Wochenende nach 2003 zum zweiten Mal in die Stadt eingeladen hatte. Aber andersherum prägte die deutsche Geschichte das Familienleben ebenso. Das kann man sogar hören: Die 86-jährige Maja-Karlena Liebknecht spricht mit russischem Akzent, die 77-jährige Marianne aber Wienerisch. In den zwei Generationen darunter mischt sich ein österreichischer Zungenschlag mit britisch-englischen und kaugummi-amerikanischen Einfärbungen.

„Eine Tragödie für die Welt“

Die Familie hat sich in Deutschland versammelt, weil das Berliner Käthe-Kollwitz-Museum seit Freitagabend Robert Liebknechts Frühwerk ausstellt. Robert, Jahrgang 1903, ist eines von Karls drei Kindern und verbrachte den größten Teil seines Lebens als Künstler in Paris. 1930 porträtierte er seinen Vater in mehreren Gemälden – elf Jahre nach dessen Ermordung. Eines dieser Bilder leiht Marianne Liebknecht jetzt dem Leipziger Stadtgeschichtlichen Museum. Ebenso eine kleine Schreibtafel aus Elfenbein, auf die ein kleiner handschriftlicher Zettel Karl Liebknechts gespannt ist. Offenbar eine Einkaufsliste: „Seife“ lässt sich entziffern. Im Januar soll eine kleine Sonderausstellung im Alten Rathaus an den 100. Todestag erinnern.

„Die Ermordung meines Großvaters war eine Tragödie für die Welt“, sagt Marianne Liebknecht. „Weil er einen weiteren Krieg verhindern wollte.“ Karl Liebknechts drei Kinder, die 1919 zwischen 14 und 16 waren, traumatisierte der Mord wohl unmittelbar: „Mein Vater hat es nie verkraftet“, sagt Maja Liebknecht. Geboren 1902, nach seinem Großvater und SPD-Mitgründer Wilhelm benannt und „Helmi“ genannt, emigrierte er 1928 in die Sowjetunion, wo vier Jahre später Maja zur Welt kam. „Er kehrte nie nach Deutschland zurück. Auch, weil er in der DDR keine politische Rolle spielen wollte.“ Maja Liebknecht hingegen arbeitete seit 1956 als Chemikerin in Ostberlin. Heute lebt sie im brandenburgischen Hennigsdorf.

„Ein Vorbild, weil er Pazifist war“

Ihre Cousine Marianne flüchtete mit den Eltern 1943 zweijährig von Paris in die Schweiz. Nach Kriegsende ging sie in Frankreich zur Schule. „Ich hatte eine schöne Kindheit“, sagt sie. Ihre Söhne indes sind gebürtige US-Amerikaner und heißen wie ihr österreichischer Vater Oberhuber. Der 48-jährige Nikolaus lebt noch in New York. Er hat den Flug mit einer Dienstreise verbunden, Frau und Kinder blieben aber zu Hause. Ob er politisch ein Liebknecht ist? „Eher nicht“, sagt er. „In den USA aufzuwachsen, hat mich stärker geprägt.“

Sein 42-jähriger Bruder Wanako Oberhuber zog mit den Eltern als Teenager nach Wien und lebt heute in Graz. Ihn störe es fast, sagt er, wenn sich alles immer um Karl drehe. „Die Menschen drumherum sind genauso wichtig – in der Gesellschaft, aber auch in unserer Familie.“ Für Lukas Oberhuber, 51, ist der Uropa ein Vorbild, „weil er ohne Kompromisse mit dem Leben dafür einstand, woran er glaubte. Und weil er Pazifist war.“ Lukas ist mit Frau und Töchtern aus London angereist. „Der Name Rosa Luxemburg ist dort bekannter als Liebknecht“, sagt er. Und: „Nein, ein Kommunist bin ich nicht.“

Ob man von Kommunismus spricht oder nicht – seine Mutter Marianne ist sicher, dass „die Werte weiterleben, für die unsere Familie steht. Das macht mir Hoffnung.“ Ihre Cousine Maja entgegnet, dass sie den Optimismus leider nicht teilt: „Ich frage mich oft, was der Großvater dazu sagen würde, wie es heute ist.“

Von Mathias Wöbking

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