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Zweiter Citytunnel? Rathaus lässt Tieferlegung des Leipziger Rings prüfen

Verkehrspolitik Zweiter Citytunnel? Rathaus lässt Tieferlegung des Leipziger Rings prüfen

Die Leipziger Stadtverwaltung will bis Ende September eine Tieferlegung des Innenstadtringes zwischen Hauptbahnhof und LVB-Zentralhaltestelle auf ihre Machbarkeit prüfen lassen.

Auf engstem Raum drängen sich vor dem Hauptbahnhof Fahrgäste und Autos.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig. Großprojekte wie die Neue Messe, das Stadion, die Arena, der Autobahnring oder der Citytunnel liegen lange zurück. Doch jetzt, da Leipzig so schnell wie keine andere deutsche Großstadt wächst, beginnt man auch im Rathaus wieder in großen Dimensionen zu denken. Anfang der Woche erst brachte Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) den Bau eines zweiten S-Bahn-Tunnels und einer Entlastungsstraße unter dem Auwald im Süden ins Gespräch (die LVZ berichtete). Und wie am Mittwoch bekannt wurde, ist die Verwaltung auch einer Tieferlegung des Innenstadtrings vor dem Hauptbahnhof nicht abgeneigt. Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau (parteilos) will das Projekt in den kommenden Monaten auf seine Realisierbarkeit prüfen lassen. Der Stadtrat muss dem noch zustimmen.

Neues City-Verkehrskonzept bis 2019

Bis Ende September soll demnach für einen Trog vorm Hauptbahnhof „eine erste technische Einschätzung der Machbarkeit mit grober Kostenschätzung“ vorliegen, kündigte Dubrau an. Mit untersucht würden dabei auch denkbare Änderungen in der Verkehrsführung vor dem Hauptbahnhof und die sich daraus ergebenden Auswirkungen auf den Verkehr innerhalb des Tangentenviertecks. Bis zum Jahr 2019 will Dubrau dem Stadtrat zudem ein neues Verkehrskonzept für die erweiterte Innenstadt vorlegen. Eigens dafür werde ab Oktober eine Projektstelle eingerichtet, die über das EU-Programm „Entwicklung eines nachhaltigen Mobilitätsmanagements in europäischen Städten“ finanziert wird.

Dubrau folgt damit einem Antrag der CDU-Fraktion. Diese hatte im Dezember vorgeschlagen, vor dem Hauptbahnhof den Autoverkehr durch einen Trog zu führen, damit Fußgänger die vierspurige, viel befahrene Straße zur LVB-Zentralhaltestelle nicht mehr kreuzen müssen. Verbesserungen für Fußgänger am Tor zur Innenstadt werden seit langem diskutiert. Die Straßenbahn- und Bushaltestelle ist mit 80. 000 bis 100 .000 Fahrgästen werktags die am stärksten frequentierte im Netz der Verkehrsbetriebe. Hier laufen elf der 13 Linien zusammen. 2200 Fahrten führen über den Straßenbahnknoten.

Als „ermutigendes Zeichen“ wertete CDU-Fraktionschef Frank Tornau daher die angekündigte Untersuchung der Troglösung. „Wir glauben nicht“, sagte er, „dass der öffentliche Nahverkehr und der Individualverkehr einer künftigen Dreiviertelmillionenstadt noch auf einer Ebene abwickelbar ist.“

Braucht Leipzig einen zweiten Citytunnel?

OBM Burkhard Jung hat einen zweiten Leipziger Citytunnel von Ost nach West ins Spiel gebracht. Was halten Sie davon?

Jung könne sich bei einer Neuausrichtung der Leipziger Verkehrspolitik auf seine Fraktion verlassen, so Tornau weiter. Die CDU halte sowohl eine zweite S-Bahn-Röhre als auch Straßentunnel für sinnvoll. Beides hatte Jung am Montag als Denkmodelle ins Spiel gebracht. Die Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs hält der Oberbürgermeister zwar für unumgänglich. Gleichwohl sieht er deutlichen „Nachhol- und Entwicklungsbedarf im Bereich des Autoverkehrs“.

Darauf habe die Union seit Jahren hingewiesen, betonte Tornau. Er begrüße daher, dass Jung eine Kehrtwende in der Verkehrspolitik einläutet, „nachdem die zuständige Bürgermeisterin sich dieser Herausforderung seit ihrem Amtsantritt kontinuierlich verweigert“. Dubrau habe auf den Anstieg des Kfz-Bestandes (im Jahr 2000 waren es 216 000 Fahrzeuge, 15 Jahre später 245 000) nur mit der Abschaffung von Pkw-Stellplätzen und „exzessiver und willkürlicher Installation von Fahrradbügeln“ reagiert.

Grüne werfen Jung Besserwisserei vor

Die Grünen schäumen angesichts dieser Nachrichten vor Wut. Jung sei nicht „der allwissende Messias“ und „sollte bei seinen eigenen Kompetenzen bleiben“. Fraktionschef Norman Volger: „Es ist schon absurd, dass Herr Jung mit Vorschlägen vorprescht, Leipzigs grüne Lunge, den Auwald, untergraben zu wollen, um dem Autoverkehr mehr Raum zu geben. Nicht nur die Verkehrs- und Stadtentwicklungspolitik sind ihm fremd, auch von Umweltpolitik hat er keine Fachkenntnis.“ Er solle lieber auf den Sachverstand der Fachexperten zurückgreifen, „statt wieder einmal eine wilde Sau durchs Dorf zu treiben“. Volger warf Jung „Besserwisserei und Machtgehabe“ vor. Er spiele die Fachbürgermeister damit gegeneinander aus.

Der verkehrspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Daniel von der Heide, kritisierte, „durch seinen drastischen Schwenk zugunsten des motorisierten Individualverkehrs“ führte Jung die vom Stadtrat vor einem Jahr beauftragte Erarbeitung einer Strategie zur weiteren Stärkung des Umweltverbundes ad absurdum. Von der Heide: „Die wachsende Stadt zwingt uns natürlich dazu, einem drohenden Verkehrskollaps entgegenzuwirken. Dass dies nicht dadurch gelöst werden kann, indem man dem motorisierten Individualverkehr zusätzlichen Raum zur Verfügung stellt, sondern über einen attraktiven Verbund aus ÖPNV, Radverkehr und Car-Sharing sowie einer Stadt der kurzen Wege, hat offenbar noch nicht den Weg in sein Verständnis gefunden.“

Oberbürgermeister Jung betonte hingegen, dass Verkehrspolitik nur in der Gesamtheit von öffentlichem Personennahverkehr, Individualverkehr, Fahrrad- und Fußverkehr betrachtet werden können. Einzelne Bestandteile isoliert zu untersuchen, sei vor dem Hintergrund der wachsenden Stadt nicht zielführend.

Von Klaus Staeubert

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